18/11/2005

Von Web 2.0 und Drum n Bass

Dass "der dicke Troll aus der Bl0gbar" (©WS) auf alles eindrischt, was nur im allerentferntesten mit IT, Internet et al zu tun hat (RSS, Quelltext kucken), ist ja nix neues und keine weitere Erwähnung wert. Wer nur einen Hammer besitzt, für den sieht eben alles wie ein Nagel aus.

Da jetzt aber, neben etlichen anderen, auch der von mir ansonsten hoch geschätzte Kollege Thomas Knüwer in diesen Chor mit einstimmt, wird es offenbar Zeit, einiges grade zu rücken.

Lieber Thomas, du schreibst:

Wer also nun von Web 2.0 faselt, macht sich entweder etwas vor, war 99 nicht dabei, oder hat sich das Gedächtnis beim Frustsaufen über Aktienverluste gelöscht.

Dreimal nein, Thomas. Da bist du vollkommen schief gewickelt. Aber sowas von vollkommen schief.

Zunächst: Es geht nicht um Investments, es geht nicht um Börsengänge, nicht um Finanzierungsrunden oder Aktienkurse. Es geht um eine Idee. Oliver Wrede hat das einmal schön ausgedrückt:

People use it as a meme. It's an abstract word like »peace«. It doesn't mean a thing - it's a mode. A mode where technology can be a catalyst for emergence, spontaneity and openess. It does not come with the flaws of the »old school« openess where the idea that »anything goes« needed to be reinforced by expressively doing ridicolous and artsy things.

Web 2.0 ist ein Konzept, eine Methode, ein Gedanke, vielleicht ein Plan. Ganz vielleicht sogar eine Philosophie. Es hat mit Offenheit zu tun, mit Vertrauen, mit Authentizität, mit Kollaboration, damit, dass wir im Netz in der Summe eben mehr sind als eine Horde Halbaffen, die vor Fernsehern mit Schreibmaschinen sitzen.

Diese Überlegungen kann man teilen oder nicht, man kann ihnen zustimmen oder sie ablehnen. Man darf sie sogar für Daten-Esoterik halten und sie auch so nennen. Kein Problem. Aber mit den falschen Argumenten darauf rumzukloppen, beweist nur, dass der Rumklopper bislang offenbar zu faul war, seinen Denkapparat in Gang zu setzen oder zumindest, diesen in die richtige Richtung zu lenken.

Sicherlich wollen Frickler, die Dienste und Applikationen entwickeln, welche unter den 2.0-Gedanken fallen auch Geld verdienen. So what? Ist das hier ein Kirchentag? Und natürlich mischen bisweilen auch große Unternehmen wie Yahoo oder Google mit, indem sie Entwicklerfirmen aufkaufen. Und?

Wenn dir weichgespülte Popmusik aus Industrieproduktion auf den Senkel geht, hat dann das "Konzept Musik" versagt? Wenn der 1027-te so genannte Hollywood-Blockbuster mal wieder nur aus gequirlten Darmprodukten besteht, ist dann der Film als Medium Schuld? Wenn irgendwelche Consultants und Kampfsprecher jetzt Web 2.0 entdeckt haben und darüber zwangsconsulten und kampfsprechen, ist dann automatisch die Idee nichts wert? Nö. So nicht.

Wenn irgendwelche Services, wo Social Software draufsteht nicht richtig funzen oder schlecht durchdacht sind: Hey, dann werden diese sich einfach nicht durchsetzen. Es ist halt alles ein permanentes und öffentliches Herumprobieren. Du erwähnst beispielsweise, dass du keine Lust hast, dich auf X Plattformen mit Y unterschiedlichen Passworten anzumelden. Damit hast du tatsächlich ein Problem eingekreist -- und direkt kapituliert. Über die Problematik der "Digitalen Identität" machen sich bereits klügere Menschen als du und ich Gedanken. Mach dir keine Sorgen: denen fällt was pfiffiges ein. Vielleicht erst im 39-ten Anlauf. Aber die 38 davor gehören eben zum Lernprozess.

Zurück zum Bubble-Vorwurf: Eine Idee kann im Alleingang nicht zur Börsenblase mutieren, allerhöchstens Geschäftsmodelle, die sich darauf berufen, im Zusammenspiel mit der notwendigen Kritischen Masse an "Silly Money". Deshalb geht dein Vorwurf ins Leere. Ganz weit daneben ins Aus. Plumps.

Ein lustiger Nebenaspekt: Das Web-2.0-Geschimpfe aus vielen Blogs erinnert mich verdächtig an das Blog-Bashen im Heise-Forum. Dort: "Das sind doch alles Tagebuchschreiber, dumme Teenies, Blogs sind wie ne Homepage, das will doch niemand lesen." Hier: "Das sind doch alles Wiedergänger der Börsenblase, alles Spinner, hatten wir mal unter dem Begriff Community, das will doch niemand nutzen." Wer es nicht kapiert, dem bleibt offenbar nur das Gezeter. Scheint ein menschlicher Automatismus zu sein.

Hier wie dort klingt das in meinen Ohren obendrein ein wenig zu sehr nach dem verständnislosen Gekeife der jeweils aktuellen Elterngeneration über den Musikgeschmack des eigenen Nachwuchses.

Wisst ihr was: Ihr könnt alle gerne weiter Pink Floyd für die beste Band der Welt halten. Ich stehe auf Drum n Bass. Und auf Web 2.0.

Ob der Begriff glücklich gewählt ist? Je, nun. Irgendwie muss das Ding halt heißen. "Blog" ist nun wirklich auch keine charmante Vokabel und wir haben uns alle daran gewöhnt. Oder?

Da glücklicherweise nicht alle Blogger dem Erst-bloggen-dann-denken-Prinzip folgen, hier ein wenig Lesefutter für Interessierte:

P.S.: Nein, Thomas, ich schmeiße dich jetzt nicht aus meinem Feedreader, und: ja, lass uns demnächst endlich mal das schon lange verabredete Bier trinken gehen (Kneipenverabredungen per Blog finde ich unglaublich 2.0 ;-)).

Update: Robert Basic zum gleichen Thema (nein, nicht übers Biertrinken)





 





















































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