Oder: Warum das große Dings mit dem Internetz erst noch kommt.
Oder: Das Orakel vom Rhein reißt mal wieder die Klappe auf
Einige halten ja das, was sich langsam am Horizont abzeichnet und dessen Vorzeichen wir gerade in Form von etwas erleben, das wir neckisch Social Software nennen, für just another Internet-Hype und verweisen gerne auf das Mediengetöse vor dem Platzen der Internet-Börsen-Bubble ganz am Ende des letzten Jahrtausends. Das ist natürlich Quatsch. Sogar ohne Soße. Diesen Eindruck kann nur gewinnen, wer sich das momentane Gewusel aus großer Ferne und dann auch nur ganz kurz anschaut.
Sehen wir und das Ganze also doch einfach mal aus der Nähe an. Was war das Größte Internet-Hype-Thema Anno 98/99? Die Älteren werden sich erinnern: Portale. Jedes Großunternehmen und natürlich auch solche, die welche sein wollten brauchte dringend ein Protal. Shopping-Portale, Branchen-Portale, Medien-Portale, Portal-Portale. Vor lauter Netz-Tor-Labyrinthen wusste man überhaupt nicht mehr, wohin man laufen sollte. Der Name sagt es: Portale sind groß, monolitisch und statisch. Daneben fühlt man sich als kleines Internet-Nutzerlein winzig und unbedeutend. Das war auch so gewollt, denn die so genannte "New Economy" war ja bekanntlich überhaupt nicht new, sondern very old im Denken. Nur halt auf Koks (oder je nach Kontostand: Speed). Die Nutzer-Hammelhorden sollten innerhalb dieser Portale artig klicken und kaufen. Fertig. Das verstehen Wirtschaftsbosse, so war das immer: Die Masse konsumiert, fragt nicht dumm und gut ist.
Was gab es außerdem für gleichsam gefloppte wie gehypte, nichtsdestoweniger von PR-Trompetern laut hinausgepustete "Trends"? Auf Anhieb fällt mir "Push" ein oder Web-Broadcasting. Techniken, die dieses merkwürdige Interdings endlich in das verwandeln sollten, was man kennt und versteht: Yet another Massenmedium. Wenige senden, Viele lauschen brav. So sollte es endlich auch im Netz sein. Bekanntermaßen wurde da nichts draus.
Wikipedia definiert Hype wie folgt:
Unter Medienrummel (engl. Hype) werden meist kurzlebige, in den Medien aufgebauschte oder übertriebene Nachrichten verstanden, die gezielt von Interessensträgern zur Werbung für bestimmte Ideen oder Produkte lanciert wurden. Viele Ideen, um die Hype veranstaltet wird, stammen aus der Managementlehre; ebenso wie konkrete Produkte versprechen sie oft schnellen, leichten Profit oder Gewinn.
Kurzlebig, aufgebauscht, übertrieben, schneller Profit. Und vor allem: Interessensträger, sprich: Großunternehmen. Denn auf die Hype-Pauke hauen ist teuer. Da kostet jeder Schlag.
Wenn ein Trend jedoch nicht künstlich erzeugt wird, sondern sich langsam von den Rändern (dort, wo bekanntlich Innovationen entstehen) ins Zentrum schiebt, dann nennt man das nicht Hype, dann ist das eine Bewegung.
Natürlich wird auch im Jahre 2005 und nicht nur hier um die Zukunft des Netzes herumorakelt. Gestern erst hat PR-Blogger (nein, du bist nicht gemeint, Klaus ;-)) Steve Rubel seine zehn Trends für die nächsten zehn Jahre öffentlich aufgeschrieben. Und jetzt wird es interessant, denn Steves Zukunftsentwurf marschiert in die diametral entgegengesetzte Richtung, welche die Großkonzerne zu Bubble-Zeiten eingeschlagen hatten. Mal näher 'ranzoomen:
"The Long Tail" (Wikipedia, Blog) beschreibt, wie das Internet dazu führt, dass Klein- und Kleinstanbieter in der Summe den Großen die Butter von Brot nehmen. Diese Theorie hat Sprengkraft und Potenzial für eine wirkliche "New Economy". An alle BWL-Studenten: Schon mal vorsorglich alle Lehrbücher wegwerfen und über die vertane Studienzeit ärgern.
Was haben wir noch?
"The Read/Write-Web": Konsumieren war gestern.
"Timeshifting": Programmdirektor goes Arbeitsamt.
"Collaborative Categorization": Wir ordnen uns die Welt widde-widde-wie es uns gefällt.
"The Daily Me": Personalisierung on Steroids.
Die Clutrain nimmt Fahrt auf: Nicht nur Märkte sind Gespräche, auch der Journalismus wird mehrkanalig.
Ach ja: Geld verdient wird trotzdem noch: "Trust Marketing", "Citizen Marketing" und "Decentralized Communication" hat der gute Herr Rubel noch auf seinem Business-Zettel stehen. Von irgendetwas muss er ja auch leben.
Merkt ihr was? Zieht man einen Strich unter diese Liste und addiert (oder, je nach Gemütslage: multipliziert) die einzelnen Posten, dann steht dort unten plötzlich nichts anderes als Power to the People! Diesmal allerdings nicht als bekiffte Wohngemeinschafts-Küchenparole, sondern als eine wirkliche Ermächtigung (auch diese Vokabel haben die Nazis uns geklaut) der Menschen.
Steve mag mit dem einen oder anderen Punkt Recht oder Unrecht haben: Die generelle Entwicklungsrichtung hat er jedenfalls präzise skizziert. Es geht um eine Machtverschiebung von oben nach unten. Von Revolution zu reden ist noch viel zu niedrig gestapelt. Alte Medien verlieren ihre Agenda-Setting-Power und noch vielmehr: die Deutungshoheit. Nach der Musikindustrie werden noch etliche andere alte Wirtschaftsmächte die Kraft der Vernetztheit zu spüren bekommen (Habe ich schon erwähnt, dass demnächst das TV dran ist?). Sie werden sich neue Modelle einfallen lassen müssen oder einfach ihren Laden abschließen. Klar: Sie werden zuvor Horden von Juristen mobilisieren, aber das verzögert so einen Umbruch nur unmerklich. Auch politisch wird es zwangsläufig ein paar Eruptionen geben: Die scheinbar Mächtigen, also Politiker, hören bekanntlich gerne auf die wirkliche Macht, die Wirtschaft. Künftig werden sie also mehr auf die Menschen hören müssen, wenn es ihnen nicht so gehen soll, wie der Musikindustrie.
Huch! Ruft da jemand zur Abschaffung der Demokratie auf? Nö. Ich denke nur laut. Warum sollten zehn Fachreferenten eigentlich bessere Gesetzentwürfe verfassen, als zehntausend User in einem Wiki? Die Wikipedia hat schließlich gezeigt, wie das läuft: Klare Regeln, außerdem eine aktive und funktionierende Community: Ab geht die Luzie.
Das Volk am Drücker: Der pöbelnde, wütende Mob als Staatenlenker? Hilfe, mag der eine oder andere Zeitgenosse stumm in sich hineindenken. Ich nicht. Während meiner mittlerweile elf Jahren im Netz habe ich erlebt, was für tolle Sachen entstehen können, wenn man die Leute nur einfach mal machen lässt. Klar, wir haben auch Spam, Phishing, Viren Würmer, Hassseiten und Ekelpornos. Na und? Kann ich mit leben. Ein wenig Rauschen ist immer.
Das Netz ist eine Empowering-Machine die gerade gaaanz langsam ihr Schwungrad auf Touren bringt und wer immer noch glaubt, es ginge nur um einen weiteren Hype, den verurteile ich hiermit zu mindestens vier Jahren Fernsehserien mit Gaby Dohm. Ohne Bewährung.
Schönes Wochenende.
