Wie im 21-ten Jahrhundert Nachrichten entstehen

Uralte Kamellen angereichert um die Wörtlein "neu" und "jetzt" als aktuelle Meldungen zu verkaufen, ist bekanntlich eine Spezialität der Bild-Zeitung. Unzählige Beispiele für selbstgesägte "News" aus den finstersten Ecken der Archive hält das BILDblog bereit.

Der Deutsche Depeschendienst (DDP) hat sich diese fragwürdige Methodik nun offenbar ebenfalls angeeignet: Gestern hielt Wikipedia-Gründer Jimmy Wales eine Keynote auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK). Eine Stunde lang redete er durchaus amüsant über dieses, jenes und anderes (Video, Zusammenfassung der DGPuK).


Foto: DGPuK

Unter anderem plauderte Wales ein wenig über Wikia, eine Sammlung von themenspezifischen Wikis, die, anders als Wikipedia, als kommerzielles Projekt angelegt ist. Netter Vortrag, nichts wirklich neues.

Nun ist eine Nachrichtenagentur ohne Neuigkeiten in etwa vergleichbar mit einer Kneipe ohne Bier. Was macht man als Agenturjournalist also nach solch einer Rede? Man tut so, als hätte sie sagenhafte News enthalten. Hier ein paar Zitate:

"(...) Jimmy Wales, hat sich für sein neues Internetprojekt, (...)"
"(...) Das neue Portal verfüge über (...)"
"(...) Allerdings versuche die neue Seite (...)"

So viel "neu" war selten. Und was machen die Zeitungsredaktionen dieses Landes? Sie schaufeln den Schmu ungeprüft in ihr Redaktionssystem: RP-Online, Aachener Zeitung, Internet World und noch etliche andere.

"Neu" ist Wikia dummerweise nur für die DDP-, bzw. für die o.g. Copy-und-Paste-Redakteure. Ein kurzer Blick in die Wikipedia hätte genügt, um festzustellen, dass das Projekt in seiner jetzigen Form bereits seit März 2006, also seit 14 Monaten (!) besteht. Ganz nebenbei war es selbst zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich "neu", sondern lediglich die mit VC-Geld aufgehübschte Weiterführung der Wikisammlung "Wikicities", die seit 2004 online ist.

Unabhängig davon, dass ich mich an kein einziges "new" oder "now" in Jimmys Vortrag erinnern kann (aber ich mag mich täuschen): Als Unternehmer hätte er sogar das gute Recht, auf dem Podium ein großes Fass aufzumachen und Altes als Neues zu verkaufen. Ob es sich bei diesem Fass allerdings in Wirklichkeit vielleicht nur um ein kleines Milchkännchen handelt, das nachzurecherchieren, ist die Pflicht von Journalisten: zwei- bis dreimal googeln hätte genügt.



Kommentare dazu:

Für mich war es tatsächlich neu ;) Und wahrscheinlich auch für die meisten anderen Konsumenten der verlinkten Medien.

Im Grunde stimmt es aber was über die Aufgabe der Journalisten gesagt, nur ist es durchaus unüblich Agenturmeldungen zu überprüfen. Die Schuld liegt also bei der DDP.
Vielleicht war die berichterstattende Person von der DDP einfach nur unfähig das Internet zu bedienen. Ist ja auch schwierig Wikia bei Wikipedia, Google oder wo anders einzugeben... ;)
> Für mich war es tatsächlich neu ;)
interessantes Zitat von jemanden, der Medienblogger heißt - aber das nur nebenbei ;)
don't take me to serius!
jo*
Neu ist in den Mainstreammedien eben erst dann was, wenn es über die Agentur kommt (bei manchen ist dann überhaupt erst passiert). Was hilft es wenn ein Sixtus im April 2005 im Focus über Podcasting schreibt, und dann noch Monate später jede Zeitung meint, es gerade für sich entdeckt zu haben? Sind halt Zeitung 1.0 -Leute :-)
Ist jetzt sehr verallgemeinert aber im Prinzip gebe ich Thomas recht.


 










16.05.2008, 15:14

27.04.2008, 16:05

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