Von Experimentalisten und der Armee der Frustrierten

So. Jetzt, wo der letzte Elfmeter geschossen, die letzte Rote Karte gezeigt und die falsche Mannschaft gewonnen hat, wird es Zeit für ein kleines Grundsatzposting, das ich mir ob meiner WM-Verliebtheit bislang verkniffen habe. Fangen wir doch phantasieloserweise am Anfang an.

Ich habe Experimente immer geliebt. Meine Technologiebegeisterung hat ihre Ursprünge nicht zuletzt in den Kosmos-Experimentierkästen, die ich als Halbwüchsiger regelmäßig unter dem Tannenbaum fand. Ich bin ein geistiges Kind von Heinz Haber (und seinem großartigen Mehrteiler "Stirbt unser blauer Planet?", der mich im Alter von zwölf Jahren zum Grünen-Wähler formte, obgleich es diese Partei damals noch gar nicht gab), Hoimar von Dittfurth (dessen aufklärerischen Leistungen im Bereich des Wissenschaftsjournalismus bis heute unereicht sind. Großartig war der Mann! (Für seine Tochter kann er ja nix.) Der (nicht nur von mir) hoch geschätzte Ranga Yogeshwar, der seinerzeit sein Handwerk bei von Ditfurth gelernt hat, konnte die Lücke leider niemals schließen) und natürlich von Rainer Erler, der mich gelehrt hat, Technologievektoren bis in die letzte Konsequenz weiter zu denken. Alle drei haben permanent experimentiert.

Ich bin ein Fischer-Technik-Kid. In meinem Elternhaus war das Geld zwar niemals wirklich existensbedrohend knapp, aber es war dennoch nur begrenzt vorhanden. Und wenn die Kinder ihr Spielzeug aus vorhandenen Bauteilen zusammenschraubten statt ihre Erzeuger mit Wunschzetteln zu nerven, entspannte das ganz nebenbei die Haushaltskasse. Du willst einen Hubschrauber? Bau dir einen!

Ich habe es geliebt. So wurde ich zum großen Experimentator. Ich habe mit Fischer-Technik die merkwürdigsten Maschinen zusamengebastelt. Ich wollte immer nur wissen, ob sie funktionieren. Einige funktionierten. Andere nicht. Dieses Prinzip zieht sich bis heute durch mein Leben.

Ich habe recht früh erkannt, dass Sicherheit nicht identisch mit guter Laune ist. Nehmen wir zum Beispiel Beamte: Angehörige dieser Kaste sind bis an ihr Lebensende finanziell abgesichert. Eigentlich müssten sie daher allesamt permanent tanzen und singen und gute Laune verbreiten. Das tun sie bekanntermaßen nicht. Im Gegenteil: Die fröhlichen Beamten, die ich bislang getroffen habe, gehören eher in die Rubrik Artenschutz. Sie sind äußerst selten anzutreffen.

Was also, wenn nicht Sicherheit, macht die Grundlage für eine zufriedene Existenz auf diesem Planeten aus? Das fragte ich mich in jungen Jahren. Da mir außer Sekten-Jüngern, Drogenkonsumenten und Klugscheißern niemand eine Antwort bieten konnten, musste ich notgedrungen den Selbstversuch antreten und präsentiere nun, wohlwissend um oben genannte Prägungen, im Alter von 41 Jahren, die Antwort.

Es ist: das Experiment.

Ich liebe Expermente. Jede Beziehung zwischen zwei Menschen ist ein Experiment. Jede Freundschaft. Jeder neue Job, jede neue Aufgabe, jedes neue Projekt. Experimente bedeuten Leben. Wer nicht mehr experimentiert ist tot.

Als ich vor ein paar Jahren beschloss, dass es nicht das ultimative Resultat meiner Existenz sein kann, Webseiten für mittelständische Rohrmuffenabstandshalterhersteller zu basteln, sondern stattdessen lieber über das zu schreiben, was gerade im Netz passiert, hatte ich eine Horde Bedenkenträger um mich, die mir weismachen wollten, ich hätte keine Chance. Zum Glück habe ich nicht auf sie gehört, sondern einfach versucht. Experimentiert. Ausprobiert. Schon ein paar Wochen nach meinem Entschluss konnte ich von meinem Tastatur-Output leben. Ein paar Monate später sogar recht gut.

Ich bin Experimentalist. Mein Leben ist ein Versuchsfeld. Ich habe es noch nicht bis zum Ende durchgeplant. Keine Ahnung, was noch kommt. Momentan generiere ich beispielsweise eine überaschende Menge an Umsatz durch Vorträge, Seminare und Workshops. Ein Einnahmefeld, dass ich vor zwei Jahren noch nicht mal auf dem Zettel hatte. Öfter mal was Neues. Experiment geglückt.

Ich liebe Leute, die experimentieren. Ob Studenten, Start-Ups oder Denker. Auch gedankliche Experimente bekommen von mir erstmal einen Schulterklopfer. Ausprobieren ist gut! Immer! Das Leben ist ein Experiment: Gewinnen kann man nur, wenn man versucht, probiert, experimentiert.

Ich Liebe das Netz. Nicht nur, aber auch, weil es ein experimenteller Raum ist. Das Netz ist ein mediales Unikum und niemand weiß eigentlich wirklich, wie es und was darin funktioniert. Ergo: Man muss es ausprobieren. Versuchen. Experimentieren. Präzise das ist es, was gerade passiert und was ich so aufregend finde (wiederhole ich mich?)

Als Experimentalist hat man es zwangsläufig nicht leicht. Zunächst drohen: Die System- und Wertkonservativen. Sie haben Angst vor jeglicher Veränderung und somit naturgemäß vor allen Experimenten. "Keine Experimente lautete einmal der Slogan der CDU. Wohin uns diese Denkweise geführt hat, ist hinlänglich bekannnt.

Viel schlimmer als die Konservativen sind jedoch die Frustrierten. Frustrierte lassen keine Gelegenheit aus, ihre Mitmenschen auf ihr Schlechte-Laune-Niveau hinab zu zerren. Genau genomen ist dies die einzige Zielrichtung der Frustrierten. Experimentalisten sind von Natur aus schließlich Optimisten, sonst würden sie sich auf die mühevolle Herumprobiererei gar nicht erst einlassen. Das passt den Frustrierten schon mal gar nicht.

Wenn ein frustriertes Berufssöhnchen aus der bayerischen Provinz, der ansonsten nur durch seinen schlechten Möbel- und Autogeschmack auffällt, sich mit solcherlei Äußerungen

"Andere ausnahmweise einfach mal so dumm wie sie geboren sind verrecken lassen und dabei zuschauen"

profilieren will (und sich damit inhaltlich und sprachlch auf das Niveau eines Hasspredigers hinab begibt), macht er sich mit seiner Experimentierfeindlichkeit einerseits zum Pressesprecher der Frustrierten und andererseits mir klar: Eine kollektive Intelligenz ist wohl noch ein wenig weiter entfernt. Egal.

Trotzdem oder deshalb: Das Netz ist unterschätzt! Und ich bleibe sowohl Menschenfreund als auch Optimist.

Wo es uns hinführt, werden wir nur experimentell herausfinden.

Ich werde weiter Experimente lieben. Ich werde weiterhin nicht nach Geschäftsmodellen fragen (das tun nur Strukturkonservative) und ich werde mich weiter am Leben erfreuen. Indeed.

Und ich rufe in die Welt hinauf: Probiere es! Jetzt! Egal was!

Und den frustrierten Muffelsköpp rufe ich zu: Wir sind Klinsmann! Und Ihr nicht!



Kommentare dazu:

Danke für diesen Vorstoss. Ich kann bei allem nur zustimmen und fühle mich teilweise sehr gespiegelt.

Mein Leitsatz ist seit ein paar Jahren "Veränderung", also das was passiert wenn ein Experiment glückt oder schief geht ;-)

Changes keep me going on.
Hi Mario,
auch von mir danke für diese Meinung.
Du sprichst mir aus der Seele und es ist gut zu wissen, dass auch noch andere Leute da draussen so denken.
Schöne Zeit und vielleicht bis bald
von einem der die letzten Monate als Fester ein Stockwerk über dir gearbeitet hat und nun hinaus in die grosse weite Welt gezogen ist und es einfach nur toll findet
stephan

Super Mario!
Als artengeschützter pensionierter Beamter, der kürzlich zum
20ten Male 41 Jahre alt geworden ist lade ich Sie herzlich ein
mein Gast zu sein, wenn Sie einmal in die Nähe Stuttgarts
kommen. Wir tanzen und jubilieren dann gemeinsam durch
mein kleines Paradies voller Experimente.
Die Welt ist voller Experimentatoren, wie Sie sie beschreiben.
Sie sind also nichts Besonderes.
Elternhauslos wurschdelte ich mich durch das Damals, immer
glücklich wurschdeln zu können. Kosmos - los.
Jahre des Experimentierens und Vorwärtskommens
führten letzlich zu dem Experiment, mich mit 57 Jahren auf
Computer und damit verbundene Erlebnisse einzulassen.
43 Jahre lang Teil eines ominösen Beamtenkörpers zu sein, haben
mich nicht davon abhalten können, glückstrahlend mein Tagwerk
zu beginnen und zu beende.
Und das hatte weiß Gott nichts mit dem Bewußtsein des
lebenslangen Allimentiertwerdens zu tun. Solche wie mich
gibt's fuderweise.

Wenn allerdings durch Experimente Andere über die Klinge
springen und deren Lebensläufe geknickt werden,
sollte die Experimentierlust aufhören.
Eines Journalisten Aufgabe sollte es sein, derartige Versuche
sehr kritisch zu beäugen und darüber zu berichten, nicht
daran teil zu nehmen.
JW
Bei mir waren es die Kosmos-Elektronik-Kästen ;-)

Da das Netz selbst ein noch nicht abgeschlossenes, soziales Experiment ist, werden alle unangenehmen menschlichen Eigenschaften natürlich auch mitgeschleppt, gespiegelt und ohne Zivilbremse als Egofeedbackfutter rausgeschleudert. Zum Glück existieren nicht nur die negativen Extreme (siehe negatives sprachliches Beispiel oben), sondern auch die positiven, und gerade die durchs Netz immer wieder kennenzulernen wiegt immer noch diese "Kultur" der injurienbehafteten Ellenbogenaufmerksamkeitsartisten auf.
Ich hab versucht bei der WM mitzufiebern. Hat nicht geklappt. Experiment gescheitert.
Deswegen bin ich aber noch lange kein Muffelskopp oder so.
Hab gerade wieder ein neues Experiment laufen: Ich versuch mal wieder richtig zu studieren. Hoffe, es klappt. :-)
"Optimist - anderes Wort für Schwachkopf"

Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze.

Wohlverstanden: Nichts gegen Ihre Begeisterungsstürme immer wieder, Herr Sixtus. Menschlich sehr sympathischer Zug. Von einem Journalisten hätte man indes erwarten dürfen, dass er sich ab und zu wenigstens bisschen Mühe gibt, das in den Griff zu kriegen und nicht immer nur wie wild die Hurra-Hupe zu drücken.

Und das sage ich jetzt nicht, um dem gewissen Herrn in Bayern Wasser auf die Mühle zu geben. Sondern eher im Sinne von Hajo Friedrichs, von wegen mit der Sache gemein machen und so...

Schön geschrieben, Thema verfehlt.

Experimente, die sich in Geschäft manifestieren, an dem nicht allein der Experimentator beteiligt ist, zeugen von Verantwortungslosigkeit.
Experimente, die einer nicht macht wegen der Lust am Experiment (a la Sixtus), sondern wegen Mach Geld! Mach mehr Geld! Mach noch mehr Geld! sind aoszial.

Außerdem sind "Bedenkenträger" und "Miesmacher" Wortschöpfungen eines gewissen Joseph Goebbels.
"Keine Experimente lautete einmal der Slogan der CDU. Wohin uns diese Denkweise geführt hat, ist hinlänglich bekannnt.

Ja, allerdings. Damals, zur Zeit des Slogans: Wirtschaftswunder, Wiederaufbau, Vollbeschäftigung.

Man sollte mit historischen Bezügen sparsam umgehen, wenn man über geschmeidige Zeitgeisthuberei nicht hinauskommt.
Danke! großartiges Posting. Du sprichst mir aus der Seele, mußte längst mal gesagt werden...
Puh, warum musst Du so viel Worte verlieren, um zum Punkt zu kommen. Fasse Dich kurz! Ist ja alles richtig, aber diese Warteschleifen ...
Außerdem glaube ich, dass Du 51 bist und nicht 41 ... die 41-jährigen kennen Heinz Haber nicht mehr.
Ich will zwar nicht Klinsmann sein, aber ich kenn Heinz Haber noch. Und ich bin 42. Okay, okay, mit den Warteschleifen stimm ich meinem Vorredner zu, aber trotzdem... volles Verständnis und mit Genuß gelesen.
Nun, Klinsmann ist ausgebrannt...
"Experience is simply the name we give our mistakes."

Oscar Wilde
Oh-Oh. Mein Dad war zu seinen Lebzeiten alles andere als auf der Linie der Grünen Partei. Sie hat eher sein Feindbild dargestellt ;)

Aber vielleicht hat er nur nicht gesehen, dass man eben nur ganz selten mit einer einzigen Partei übereinstimmen kann.

Mit besten Grüßen aus Mannheim
Marc Haber, politisch zwischen FDP und Grün schwankend

Hallo Marc. Ja, ich weiß, dass dein Vater sich mit den Grünen gekabbelt hat. Aber mit den damaligen Grünen war das keine Kunst. Den Fundis war ja jeder suspekt, der keinen Strickpullover trug :-)
Man kann sich auch mit den heutigen Grünen noch gut streiten. Aber man sollte gute Argumente haben... ;-)
Applaus! Sehr schöner Artikel.
Ich habe mal einen Monat in der öffentlichen Verwaltung in Deutschland gearbeitet. Es ist Realsatire.

Seitdem erst verstehe ich was "Deutsch" ist.


 










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