Ich glaube es war Anfang '99. Die Domain sixtus.net besaß ich noch nicht allzu lange und sie war noch nicht so zugespammt wie heute, weswegen ich es mir erlauben konnte, sie E-Mail-mäßig im Catchall-Modus zu betreiben.
Irgendwann bekam ich Kontoauszüge zugeschickt, die mir nicht gehörten und auch ein paar mehr oder weniger persönliche Mails, welche allesamt nicht für mich bestimmt waren, sondern für Timothy Sixtus, den Inhaber der sixtus.com-Domain. Die E-Mail-Adresse von Timothy Sixtus war nicht schwer zu erraten. Ich musste nur das .net durch ein .com ersetzen, ganz einfach. Als freundlicher Mensch schickte ich ihm stets den ganzen Klumpatsch und er bedankte sich artig bei mir.
Es war seine Idee, dass wir uns gegenseitig Mail-Forwarder auf unsere Domains einrichten sollten. Eine gute Idee, wie ich fand. Er friemelte mir ein mario@sixtus.com zurecht und ich bedankte mich mit einem 6@sixtus.net bei ihm, denn niemand nannte Timothy Timothy oder Tim: Alle kannten ihn als "6", also "six". Er hatte aus seinem Nachnamen einen Vornamen gebastelt, eine persönliche Marke gebaut.
So kamen wir ins Gespräch und 6 hatte einiges zu erzählen. Außer unserem Nachnamen teilten wir die Leidenschaft für das Netz, wenn auch aus Positionen heraus, die unterschiedlicher kaum hätten sein können: Ich freelancte mich durch die deutsche Internet-Agentur-Landschaft und 6 war damals General Manager von ICQ, die gerade für einen dreistelligen Millionenbetrag von AOL geschluckt worden waren. Die Zeiten waren halt so. 6 war ein netter Kerl, hatte viel Humor und so manche Agentur-Nachtschicht war nur dadurch erträglich, dass ich mit ihm per ICQ herumalbern konnte. Der Mann hatte Witz. Seine ICQ-Nummer war 60606. Klar. Er hatte sie sich aussuchen können.
Es war nie eine besonders enge Bekanntschaft. Manchmal haben wir uns monatelang nicht kontaktiert. Normal. Mitte 2001 verdichtete sich unser Mail-Verkehr dann allerdings kurzfristig: Ich hatte eine lustige Idee für ein Internet-Projekt und er meinte, Geldgeber dafür auftreiben zu können. Die Sache verlief jedoch im Sande.
Zu diesem Zeitpunkt war 6 auch nicht mehr für AOL tätig, sondern lebte in Dublin und schob andere Projekte an. Er hatte wenig Zeit. Ich auch. Irgendwann hatte ich noch weniger Zeit und dann noch weniger. Damals verlor ich viele Kontakte zu Leuten, mit denen ich nur locker bekannt war. 6 war nur einer davon. Nichts außergewöhnliches. Man wird älter und setzt halt Prioritäten. Für ICQ-Albernheiten in den Nachtstunden war eben einfach kein Platz mehr, zumal ich irgendwann -- um mein Kommunikationsverhalten zu ergonomisieren -- sämtliche Instant-Messenger von meinem Desktop verbannt hatte. Auch ICQ.
Heute erfahre ich, dass 6 tot ist. Und zwar seit mehr als zwei Jahren. Bootsunfall. Er war kaum älter als ich. Scheiße.
