Ich weiß, dir geht es nicht so gut. Eigentlich geht es dir gar nicht. Jeder weiß, dass es dich gibt, einige nutzen dich, aber niemand hat dich lieb. So wie Klopapier vielleicht. Oder Socken. Das ist nicht schön. Ich brauche dich eigentlich auch nicht. Besser: sehr selten. Weißt du, seit es Telefon und Email gibt, seit Bankgeschäfte online abgewickelt werden, bist du einfach, nun ja, sooo unsexy. Zu Pferdekutschenzeiten war es sicherlich eine Leistung, ein Schreiben von A nach B zu befördern und damals warst du sicher hoch angesehen. Du warst toll, schnell, zuverlässig, alle hatten dich lieb. Aber im 21ten Jahrhundert. Mal ehrlich: Du bist fett, alt und träge. Und einmal im Monat darf ich dich nicht besuchen, weil dann Postfilialen-Betriebsversammlung ist. Immer dann, wenn ich doch was von dir will. Nicht viel, aber das geht dann gerade nicht. Verstehst du?
Ich gebe zu: ich habe dich vernachlässigt. Eigentlich komme ich sogar ganz gut ohne dich aus. Meine Kunden schicken mir normalerweise Honoraranweisungen und überweisen dann das Geld. Ich brauche dich dafür nicht. So schmerzhaft das für dich sein mag: das ist die Wahrheit. Und wir wollen doch ehrlich zueinander sein, gell?
Es passiert mir vier- oder fünfmal im Jahr, dass ein Kunde eine Rechnung möchte. Die musst du dann transportieren. (Hey, beschwer dich nicht. Das ist dein Job! Du hättest schließlich auch was anständiges lernen können. Jetzt musst du halt Papier durch die Gegend tragen. Du hast es dir ausgesucht.)
Vier- bis fünfmal im Jahr gehe ich also in eine deiner Filialen und kaufe jeweils eine Briefmarke. Nicht aus Geiz, sondern weil ich den Rest sonst verschussele. Ich bin nämlich sehr unordentlich, wie du vielleicht weißt. Das ging eigentlich jahrelang gut. Fand ich. Aber dann fingst du an zickig zu werden. Warum eigentlich? Was hatte ich dir getan?
Zunächst hast du dich und deine Leistungen hinter Diddl-Mäusen versteckt. Hey! Du siehst eigentlich gar nicht so schlecht aus. Das hast du nicht nötig. So gelb und dann Zuflucht suchen hinter diesen gleichsam umförmigen wie unlustigen Nagetierdarstellungen? Warum?
Dann wolltest du die Gelegenheitsfreier nicht mehr haben, sondern nur noch die Stammkunden. Eine einzelne Marke? Geschissen! Du warst nicht lieb zu mir. Wirklich nicht.
Das war der Moment, in dem ich dich auch nicht mehr lieb hatte. Nie wieder wollte ich um deine Gunst betteln und zuvor stundenlang anstehen müssen. Das war der Moment, in dem ich Stamp It kaufen wollte. Nie mehr Schlange stehen. Du hattest mich mit dieser Idee trotz allem wieder umgarnt. Ich war fast versöhnt. Fast.
Online kaufen ging nicht. Nach stundenlanger Hin- und Herklickerei wolltest du mir den Kram einfach nicht schicken. Alte Zicke! Der Betrag sei zu niedrig für einen Versand, sagtest du mir. Zu niedig? Hey, DU BIST DIE POST! DU BIST DAS PORTO! Fehlen dir Briefmarken? Dann druck sie dir.
Also nochmal in der Filiale anstellen. Ein letztes Mal. "Guten Tag, ich hätte gerne Stamp It", sagte ich nach 117 Stunden Schlangestehen einer deiner Mitarbeiterinnen. "Stamp It?" fragte die offenbar nicht sonderlich gut geschulte Mitarbeiterin. "Ja", bekräftigte ich, "damit ich hier nie mehr anstehen muss!"
"Ach, Sie meinen die gelbe CD?", fragte die wohl wirklich nicht sonderlich gut geschulte Mitarbeiterin. "Kann schon sein", versuchte ich sie zu unterstützen. Tatsächlich. Da war sie. Eine blöde CD in einer blöd-gelben Verpackung. Die erhoffte Erlösung. Nie mehr Diddl-Mäuse. Nie mehr mehr Zeit aufbringen um einen Brief loszuwerden, als das ganze Leben vorm Bahnhof zu versiffen (Liebe Post, falls du es nicht wusstest: in Düsseldorf kommt man schneller an Heroin als an eine Briefmarke.)
CD eingelegt. Hoffnungen gehabt. Nix! Du bist träge wie immer. Alles habe ich dir gegeben: meinen Namen, mein Geburtsdatum, meine Kontonummer, meine Bank, alles! Was willst du mehr? Dass ich dir eine Einverständniserklärung schicke. Dass ich dir eine Einverständniserklärung schicke? MIT DER POST? MIT DER POST? Spinnst du?
Jetzt ist es endgültig aus zwischen uns! Aus! Aus! Aus!

Bei Lyssa gibt es auch noch eine Geschichte.