Vodafone macht Übertragung von Gewaltvideos kostenpflichtig

Ich gehöre ja bekanntlich nicht zur Gilde der Kulturpessimisten, außerdem liebe ich (fast) alle Menschen und bin fest davon überzeugt, dass ganz bestimmt sämtliche Journalisten auf diesem kleinen Planeten eine ganz tolle Arbeit abliefern wollen -- eigentlich.

Damit ich diese Überzeugung nicht verliere, könnten bitte a) ab morgen alle Agenturen damit aufhören, dümmlichste PR-Texte ungeprüft in den Nachrichtenstrom zu entlassen und b) die Kollegen der Online-Medien damit, alles was aus den Agentur-Tickern quillt, als heilige Schrift anzusehen, der man dringend durch einen Platz auf der eigenen Seite huldigen muss?

Das würde mich sehr freuen. Danke euch allen sehr!

Aktuelles Beispiel: Das "Jugendschutz-Handy" von Vodafone und Samsung. Vorzufinden beispielsweise hier.

Um es kurz zu machen: Der Telekommunikations- und der Elektronik-Konzern bringen gemeinsam ein Telefon auf den Markt, dessen Bluetooth- und Infrarot-Funktionen deaktiviert sind und sich "nur von den Eltern" (aha? Wie das?) einschalten lassen. Kurz: ein verstümmeltes Handy. Mit Jugendschutz hat das erstmal überhaupt nichts zu tun. Mit der gleichen Logik könnte schließlich die Post tönen: "Wir liefern keine Briefbomben und keine Kinderporno-DVDs mehr nach Bad Salzufflen" -- und die komplette Postzustellung nach Ostwesfalen-Lippe einstellen.

Das Krüppel-Handy ist genau deswegen natürlich noch keine tolle Meldung, mag sich die zuständige PR-Agentur gedacht haben und legte folgerichtig flugs ein paar Schüppen Panikmache drauf:

Obdachlose werden verprügelt und dabei gefilmt, Lehrer gemobbt und Schulhöfe zu Porno-Tauschbörsen umfunktioniert. Das Handy ist in den Händen vieler Jugendlicher zur Tatwaffe geworden.

Und:

«Wir waren ein bisschen geschockt über die Geschehnisse», gibt Joussen zu. Er habe sich «Happy Slapping»-Szenen angeschaut, bei der Menschen vor laufender Handy-Kamera zusammengeschlagen werden. «Da besteht schon die Gefahr, dass jemand verprügelt wird, nur weil es die technische Möglichkeit gibt, das zu verbreiten», räumt der Mobilfunk-Chef ein.

Unabhängig davon, dass das es äußerst fragwürdig ist, ob das Phänomen "Happy Slapping" überhaupt ein nennenswertes ist (bislang fehlt eine quantitative Analyse, sämtliche aufgeregten Berichte (meist im TV) zeigen stets die immergleichen Videos), das eigentlich Interessante an dieser Meldung rutscht vor lauter Jugendschutz-Gesabbel nämlich unter den Teppich: Eine Übertragung von Handy-Videos aller Art ist nämlich auch mit dem vermeintlichenen "Jugendschutz-Handy" möglich: per (kostenpflichtiger) MMS.

Am angeblich so häufig praktizierten Verprügelte-Obdachlosen-Filme-Verschicken, am Lehrer-Mobbing und am schulhöfischen Porno-Filme-Tauschen verdient Vodafone also künftig gutes Geld- sofern genug ängstliche Eltern ihre Kinder mit diesem Telefon bestrafen. Die MMS-Option auszuschalten, mit der man doch so hervorragend Kasse machen kann, so weit ging der Jugendschutz-Wille der beiden Multis dann offenbar doch nicht.

Momentan findet Google-News 79 Medien, denen die PR/DPA-Meldung ein Artikel wert war. Die allermeisten plappern brav den Jugendschutz-Quark nach.

Liebe Kollegen, lasst so was doch bitte sein, ja? Vielleicht schon ab morgen? Das wäre ganz toll. Vielen Dank!



Kommentare dazu:

Hat das Jugendschutz-Handy kein IrDA?
Ich zitiere mich mal selbst: "Der Telekommunikations- und der Elektronik-Konzern bringen gemeinsam ein Telefon auf den Markt, dessen Bluetooth- und Infrarot-Funktionen deaktiviert sind (..)"

Ok? :-)
Zum Thema, wie die Mobilfunker das Handy verstümmlen steht bei Heise was:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/94454/from/rss09

dort wird auch erwähnt, dass die Weitergabe der Videos bei dem Handy auch mittels SD Karte oder USB Schnittstelle möglich ist.


Yep, wegen heise.de und einigen wenigen anderen Medien habe ich gemäßigt formuliert: "Die allermeisten plappern brav den Jugendschutz-Quark nach."

Musterbeispiel: Stern.de.


Mario, im UK und in den USA gibt es durchaus Untersuchungen zum Thema: http://en.wikipedia.org/wiki/Cyber-bullying#Research

In Deutschland wüsste aus dem Stehgreif auch keine, was aber nichts heißen muss. Pfeiffer hat das Thema sicher schon auf dem Radar ,)
jo, "Cyber-Bulling" ≠ "Happy Slapping"
Bad Salzuflen hat nur ein l. :-)

Gruss. Peter
Ähm. Peinlich. Meinte: "nur ein f".
Ist "Happy Slapping" nicht überhaupt nur ein "Massenphänomen" weil die Medien es zu einem breitgetreten haben?
Und sollte blinder Aktionismus, der auf rückgekoppelte Sensationsschreibe fußt, nicht besser verboten werden?
Vermutlich wären aber ohne die hausbackenen Skandale viele Journalisten arbeitslos. Außerdem gäbe es weniger Chancen für Politiker, sich in Sonntagsreden durch populistische Forderungen zu profilieren, so dass das wohl nicht durchsetzbar ist. Schade.


 










27.06.2008, 13:08

18.05.2008, 1:16

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