Spiegel lesen ist wie rauchen. Man weiß, dass es einem nicht gut tut, das Vergnügen hält sich in Grenzen, aber trotzdem macht man es irgendwie einfach weiter.
Ich lese den Spiegel seit mehr als zwanzig Jahren. Seit etwa zwei bis drei Jahren überlege ich ernsthaft, mit dieser Gewohnheit zu brechen. Heute wäre ein ausgezeichneter Tag dafür: Der aktuelle Titel hat es problemlos von null auf eins in meinen persönlichen Schwachfug-Charts geschafft.
"Gott ist an allem Schuld" tönt es da von der Frontseite. Hübsch in Anführungszeichen gepackt, damit klar ist, dass nicht die etwa Spiegel-Titel-Redakteure dieses krude Zeug verzapfen, sondern irgend jemand anderes. Wer hier angeblich zitiert wird, verrät die Unterzeile. "Neue Atheisten", die sich auf einem "Kreuzzug" befinden, wollen die investigativ recherchierenden Kollegen gesichtet haben. Hallo? Jemand zu Hause?
Eigentlich wollte ich jetzt eine längliche Litanei in die Tasten hauen und mich schwerstens darüber aufregen, wie man den journlistischen Grunzdumm-Faktor mit nur zwei Sätzchen in ungeahnte Höhen schrauben kann, aber glücklicherweise hat Torsten mir diese Arbeit bereits abgenommen. Danke dafür.
Ich frage mich derweil, ob eine Strategie hinter der Häufung hahnebüchener Hohlheits-Hefttitel lauert oder ob die Spiegel-Macher sich auf Redaktionskonferenzen einfach regelmäßig ein "Hey, das polarisiert, das machen wir" zuwerfen und sich damit ohne Scham dem Mechanismus von Nachmittagstalkshows bedienen.
Ich rauche jetzt erst mal eine. Das ist zwar genauso schädlich, wie den Spiegel zu lesen, macht aber neuerdings wesentlich mehr Spaß.
