Oh, Gott!

Spiegel lesen ist wie rauchen. Man weiß, dass es einem nicht gut tut, das Vergnügen hält sich in Grenzen, aber trotzdem macht man es irgendwie einfach weiter.

Ich lese den Spiegel seit mehr als zwanzig Jahren. Seit etwa zwei bis drei Jahren überlege ich ernsthaft, mit dieser Gewohnheit zu brechen. Heute wäre ein ausgezeichneter Tag dafür: Der aktuelle Titel hat es problemlos von null auf eins in meinen persönlichen Schwachfug-Charts geschafft.

"Gott ist an allem Schuld" tönt es da von der Frontseite. Hübsch in Anführungszeichen gepackt, damit klar ist, dass nicht die etwa Spiegel-Titel-Redakteure dieses krude Zeug verzapfen, sondern irgend jemand anderes. Wer hier angeblich zitiert wird, verrät die Unterzeile. "Neue Atheisten", die sich auf einem "Kreuzzug" befinden, wollen die investigativ recherchierenden Kollegen gesichtet haben. Hallo? Jemand zu Hause?

Eigentlich wollte ich jetzt eine längliche Litanei in die Tasten hauen und mich schwerstens darüber aufregen, wie man den journlistischen Grunzdumm-Faktor mit nur zwei Sätzchen in ungeahnte Höhen schrauben kann, aber glücklicherweise hat Torsten mir diese Arbeit bereits abgenommen. Danke dafür.

Ich frage mich derweil, ob eine Strategie hinter der Häufung hahnebüchener Hohlheits-Hefttitel lauert oder ob die Spiegel-Macher sich auf Redaktionskonferenzen einfach regelmäßig ein "Hey, das polarisiert, das machen wir" zuwerfen und sich damit ohne Scham dem Mechanismus von Nachmittagstalkshows bedienen.

Ich rauche jetzt erst mal eine. Das ist zwar genauso schädlich, wie den Spiegel zu lesen, macht aber neuerdings wesentlich mehr Spaß.



Kommentare dazu:

Also irgendwie macht mich das neugierig den Spiegel zu kaufen ;) Gibts den wegen Pfingsten diesmal bundesweit am Samstag? Aber ich vermute das Thema zieht zu Pfingsten.
Ja, wo da die "neuen Atheisten" sein sollen, habe ich mich auch gefragt. Davon abgesehen: Mir geht es wie Dir - seit etlichen Jahren schon scheint mir der SPIEGEL immer schwächer zu werden. Und da ich ohnehin nur Zeit für 1 Wochenmagazin habe, ziehe ich momentan DIE ZEIT vor ...
ich hab den Artikel jetzt nicht gelesen, aber ich halte die arrogante Haltung mancher Atheismus-Prediger durchaus für kritisierenswert. Und ja: er ist teils durchaus Vergleichbar mit dem Eifer einiger Kirchenväter. Was vielen einfach abgeht, ist eine kritische Distanz zum eigenen Denken. Wenn man glaubt zu "wissen", ist man grundsätzlich dem Fundamentalismus nicht fern. Wenn es also in dem Artikel darum geht, bin ich sehr einverstanden. (Und das bin ich sehr selten beim Spiegel)

(Disclosure: Ich bin wahrscheinlich auch das, was man einen Atheisten nennt. Aber ich bin keiner, der sich dabei auf die Brust schlägt, wenn er das sagt. )
Aufhören geht leicht, bin seit über 3 jahren clean, erste entzugserscheingungen mit SPOn behandelt. reicht auch heute noch. Kurze rückfälle, zweimal pro Jahr, immer wieder bereut.
Nachgelassen, ja. Aber überwiegend noch immer Top-Journalismus und meilenweit vor dem Produkt des Herrn Fuckden, Fuckden, Fuckden.
Ich würde gerne mal eine Lanze für den SPIEGEL brechen - er ist nicht nur "by default" (also mangels Konkurrenz) das beste Nachrichtenmagazin, das ich kenne. Außerdem ist es für den geübten SPIEGEL-Leser kein Problem, die blinden Flecke aus dem Heft zu subtrahieren. Ich würde mir auch weniger "weiche" Themen wünschen, und mehr die "große Analyse" (ein Punkt, bei dem gerade das Web noch schwächelt), aber auch auf dem Weg nach unten ist der SPIEGEL immer noch weit oben. Wäre ich Christ - ich würde glauben wollen, dass im Himmel mittwochs noch "Die Woche erscheint"...
Ja, ich habe scho mit Rauchen aufgehört und beim Spiegel bin ich noch in der Aufhörphase. In der Schweiz ist da der Status "Spiegel" nicht so gross, wie das in D ist. Bei mir stapeln sich die Spiegel immer auf der Toilette. Es ist also Toilettenliteratur. Schlussendlich werde ich den Spiegel wegen des Preises wohl nicht mehr kaufen und wegen der unglaublichen Werbedosis, denn davon wird mir übel.
Trendjournalismus mit Gestütsinhaber als letzter Instanz. Noch Fragen?
(seit 20 Jahren clean)
@ Rafael: mein Großer tut das auch während seiner Sitzungen. Nicht ungewöhnlich für Klowand-Kritzeleinen a la Jung von Matt, nicht wahr?

@ Siggi:

Nein, keine Fragen. Das mußte ja kommen ;-)
Jo, ne? ;-) Manchmal ist es einfacher als einem lieb ist.
"Spiegel lesen ist wie rauchen. Man weiß, dass es einem nicht gut tut, das Vergnügen hält sich in Grenzen, aber trotzdem macht man es irgendwie einfach weiter." Gut auf den Punkt gebracht. Hier wird es jedeoch einfacherer mit dem Rauchen auf zu hören.
Lass es Rauchen gehen. Habs vor kurzem auch aufgehört dank der EasyWay Methode von Allan Carr. Soll jetzt keine Werbung sein, ist aber mit Abstand das klügste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen hab.

Also: Endlich Nichtraucher! kaufen. ;) Viel Glück
@ Siggi:

Ja, in der Kürze liegt die Würze.
Freilich gilt das auch für Fürze.

;-)
Jeder der sich für einen Job jenseits dreifuffzich Einkommen bewirbt, wird auf adäquate Hobbys abgeklopft. Warum ist das bei einer Führungsposition für dreifuffzisch+X plötzlich nicht mehr relevant? Weil Relevanz eine Frage der Macht ist?
Natürlich, ohne Macht bin ich ohnmächtig und kann nichts bewirken. Aber es ist auch eine Frage des Geschmacks.

Mir bereitet ganz etwas anderes Sorgen: Früher habe ich den SPIEGEL gelesen, weil ich wissen wollte, was ich denken soll und mitreden kann. Heute schreiben die, was ich vorher bereits dachte. ;-)

Erfolgreiche Gehirnwäsche?


30 Jahre. Mit dem rauchen habe ich aufgehört. Mit dem spiegeln nicht.
Habe schon seit den von dir genannten 2 oder 3 Jahren komplett mit dem Spiegel gebrochen (sowohl off- wie auch online) und mit der ZEIT einen sensationellen Ersatz gefunden. Auch wenn das physische Format etwas sperriger ist, so kommen die Inhalte viel wohliger ins Bewusstsein.
Führen wir jetzt eine Diskussion über die journalistischen Qualitäten des SPIEGEL (mittlerweile unlesbar) oder über den "grunzdummen Schwachfug"- Titel der aktuellen Ausgabe? Zu letzterem: Vielleicht wollten die Redakteure ja satirisch sein und nun merkt es keiner...
Die Kommentare hier lassen jedenfalls darauf schließen, daß ein paar geneigte Leser die Satire durchaus bemerkt haben.
Der größte Coup der Titanic! Im Cover des Spiegel erschienen!! Wow! Hut ab. Und ist nicht der Stern die Bild des Mittelstands?
Trackback
http://wonko.twoday.net/stories/3782980/

Und nein, Satire kann das wohl nicht sein -)
Sagt, hat denn auch irgendjemand den Artikel gelesen, bevor er den "Schwachfug", die "Gehirnwäsche" des Themas/Titels niedergemacht hat?

Die Intention hinter der Wahl des Titels (sicherlich neben der scheinbar polarisierenden ...um potenzielle Käufer zu animieren) erklärt sich beim lesen, meine Lieben.
Ja, habe ich mir dann doch mal gekauft. Erhellenderes war jetzt aber nicht dabei .-)
spiegel hat sich in den letzten fünf jahren was qualität betrifft, ziemlich nach unten entwickelt. nur der preis, der geht schön nach oben...ich lese lieber zeit
Schön... Notorischer Raucher und Spiegel-Leser... ich glaube, Dein Blog gefällt mir.
Auf Grund meines Alters kann ich in der hier laufenden Diskussion um die fallende Qualität des Spiegels innerhalb der letzten Jahre wohl kaum mitdebattieren - aber zumindest am (inzwischen nicht mehr ganz) aktuellen "Top-Thema" über den "Top-Titel".

Und nur um das nochmal für mich klar zu stellen: Ihr Kommentar behandelt ja ausschießlich das Cover - sprich die Titelformulierung und nicht den Inhalt, richtig? Die gesamte "längliche Litanei" hätte sich also nur um Sinn / Unsinn einer solchen (Formulierung) gedreht?

Wahrhaftig, der Titel weckt doch leise Assoziationen zu meinem absoluten Lieblings(gedöns)blatt, bei dem sich der Leser die eigene Meinung bilden soll - am Besten nur anhand des Titels... Aber gut, ob der jetzt polarisierend, satirisch oder konsumfördernd sein sollte - kennt jemand 'nen Spiegel-Redakteur? Herr Sixtus? Ach, haben Sie nicht sogar mal für den geschrieben - unter anderem einen Beitrag zum Ressort Kultur mit dem Titel: ""Wir waren die afghanischen Dieter Bohlens"" (übrigens ebenfalls "Hübsch in Anführungszeichen gepackt")? Oh, stimmt ja - nur bis Sommer 2004. Na dann erklärt sich selbstverständlich der drastische Qualitätsverlust in den letzten "zwei bis drei Jahren"!
Hiermit ernenne ich Sie, Herr daniel, zum virtuellen Lieblingsenkel;-)

Leider kenne auch ich keinen Spiegel-Redaktuer, aber alleine die Gisela mit ihren Gerichtsreportagen ist das Geld schon wert.


 










20.10.2008, 14:58

26.09.2008, 14:56

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