Unsere Leichen leben noch
Hätte ich jemals eine Journalistenschule besucht, hätte man mir dort beigebracht, dass man in seinen Artikeln vor der so genannten Anekdotischen Evidenz (nachfolgend AE) auf der Hut sein muss. Will heißen: Aus drei, vier einzelnen Vorkommnissen einen Trend zu basteln, das tut man nicht. Das ist bäh. Außer vielleicht, man arbeitet für die Bildzeitung oder Stefan Aust beauftragt einen persönlich damit, sich irgend etwas gegen Windkraftwerke einfallen zu lassen.
Wenn man drei Linkshänder aus Köln kennenlernt und danach eine Story mit dem Titel "Köln, die Hauptstadt der Linkshänder" in die Tasten haut oder (weil Trend-Journalismus ja so furchtbar in ist) "Immer mehr Kölner werden Linkshänder", dann, liebe Leute, haben wir es mit einer akuten Form von AE zu tun.
AE findet man auch besonders gerne in Stammtischrunden, aber auch bei alten Tanten, die unermüdlich versuchen, ihre jeweiligen Zipperlein mit irgend etwas von sonstwoher in einen Kausalzusammenhang hinein zu quetschen (Mondphase, Sternzeichen, Klaus Wussow gestorben geschieden). Auch in vielen pseudo-polulärwissenschaftlichen Publikationen wohnen ganze AE-Horden, aber das ist ein anderes Thema.
Einen ganz tiefen Schluck aus der AE-Flasche hat jedenfalls der Kollege Alfred Krüger genommen, bevor er diesen Text zur Welt brachte. Wir lernen darin: "Immer mehr Blogger der ersten Stunde verlieren offenbar die Lust an ihren Weblogs."
Ah ja. Hoch interessant. Es folgen die Belege:
- Die gerade aktuelle Abmahnnummer aus China. Es geht zwar nicht um einen "Blogger der ersten Stunde", sondern um ein recht junges Blog einer SEO-Bude, außerdem ist von Aufhören auch überhaupt keine Rede, aber was solls: der Fall ist gerade in aller Munde, also muss er in den Text.
- Anschließend thematisiert Alfred Krüger Don Dahlmanns Abmahnblog. Don kann man zwar guten Gewissens einen Alt-Blogger nennen (der hat schließlich sogar graue Haare ;-)), aber er ist eben mitnichten auf dem "Rückzug aus Kleinbloggersdorf". Im Gegenteil.
- Ah, endlich ein totes Blog: Ralle hatte ja im September bekanntlich sein Netzbuch dichtgemacht. Der erste Beweis für ein grassierendes Blogsterben? Pustekuchen: Ralles alte Domain http://das-netzbuch.de leitet nämlich inzwischen auf Uninformation.org weiter, einem niegelnagelneuen Blogprojekt vom eben jenem ehemaligen Netzbuch-Schreiber. Einige Zeitgenossen wechseln ab und an ihre Autos, andere eben ihre Blogs. Herzlich willkommen im 21-ten Jahrhundert und: Immer noch kein Toter.
- Dann war da noch ein Mann namens Jano Helbig, der angeblich "nach etwa einem Jahr" sein "satirisches Weblog" wegen Spambefall schließen musste. Wahrscheinlich geht es um dieses nervige Teil. (Ganz nebenbei: Titten-Banner, Youtube-Filmchen ohne Ende, blöde Witze: Ja, wenn man will, kann man das alles Spam nennen -- aber eher nicht Satire.) Der letzte überflüssige Inhalt wurde dort erst vor zwei Tagen eingefüllt. Das Ding ist also offensichtlich ebenfalls noch in Betrieb. Leider.
- Gibts denn hier überhaupt keine toten Blogs, verdammt nochmal? Oh, da ist ja eins: Eine Hunde-Bloggerin, die ihr altes Blog wegen Spam-Überflutung dicht gemacht -- und flugs ein neues eröffnet hat. Aufhören ist anders.
- Zwischenstand: Null "Blogger der ersten Stunde" haben auf unserem kleinen Rundgang bisher "die Lust am Bloggen verloren" (und auch null Blogger der "vorgerückten Stunde", oder wie man die nennen will). Ganz schön dürftig. Doch da, endlich: Der von mir hoch geschätzte Kollege Konstantin Klein hat kürzlich sein Bluelectric dicht gemacht. Nicht jedoch, ohne seine baldige Rückkehr in die Web-Welt anzukündigen. Zwar nicht als Blog, aber was solls: Felix bloggt ja schließlich auch nicht mehr, sondern schreibt nur noch ins Internet.
- Jetzt wollen wir aber mal nicht so sein: Ein totes Blog hat Alfred tatsächlich erspäht. Das war immerhin von Oktober 2005 bis September 2006 in Betrieb, also volle elf Monate. Lassen wir einfach mal gelten
Ergebnis: ein Jungblogger, der die Brocken hingeschmissen hat. Punkt. Von einer Sterbewelle in Kleinbloggersdorf keine Spur. Deine Behauptung, lieber Alfred, enthält also -- zumindest wenn man sich die von dir aufgeführten Belege anschaut --, noch nicht einmal Anekdotische Evidenz (AE), sondern nahezu ausschließlich -- mit Verlaub -- gequirlten Schwachfug (GS).
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