Wetten, dass "War of the Worlds ein grottenschlechter Film ist? Das ist nämlich die einzig logische Erklärung dafür, dass die Japan-Premiere des Retro-SciFi-Schinkens gerade um zwei Wochen verschoben wurde. Vorgeblicher Grund: Angst vor Raubkopierern.
Jeder, der sich schon mal so einen abgefilmten BlogBlockbuster mit malaiischen Untertiteln und Rumpelsound aus dem Netz gezogen hat, weiß, so ein Unterfangen hat mit Kinoerlebnis so viel zu tun, wie eine Alpenpostkarte mit einer Bergbesteigung. Jeder weiß das. Ich verkünde hier keine Geheimnisse.
N Downloads flimmeriger Heimlichabfilmungen aus dem Netz resultieren daher eben
Im Gegenteil. Ist der Film wirklich große Klasse, dürfte die Rechnung eher lauten:
P = Ü + N/T
(wobei T für den Trägheitsquotienten steht). Nehmen wir jetzt noch den Blogaspekt hinzu, also all die Netzsauger, die nach einer privaten Bittorrent-Preview in die Welt hinausbloggen, wie toll doch der Streifen ist, ergibt sich
P = Ü + (N + B)/T
(B, wer hätte es geahnt, steht stellvertretend für die Blogleser).
Ganz fertig sind wir allerdings noch nicht: Wer einen Film gesehen hat, teilt seine Meinung darüber naturgemäß gerne und möglichst schnell seinem sozialen Umfeld mit, nicht nur via Blog, sondern eben auch per Face-Mail in der Kaffeepause, per SMS, E-Mail oder IM. Nennen wir diese Variable doch einfach mal M für Mundpropaganda.
(Tusch!) Here we are: The (almost) ultimate Formula for Kinopremieren-Wochenenden-Publikum lautet:
P = Ü + (N + B + M)/T
Eigentlich toll, oder? Anstatt sich mit Ü begnügen zu müssen, also mit den Leuten, die eh ins Kino gehen oder sich durch die üblichen Trailer und Vorankündigungen motivieren lassen, rennen plötzlich -- ohne dass es einen Cent mehr kostet -- eine unbestimmte Zahl mehr Menschen in die Popcorn-Paläste. Wo bleibt der Haken? Ist die Formel falsch? Kennen die Filmfirmen diese einfache kleine Rechnung vielleicht überhaupt nicht? Von wegen! Sie kennen sie ganz genau. Und sie zittern davor.
Die Formel ist natürlich noch nicht ganz fertig, denn alle Variablen rechts des Gleichzeichens außer Ü besitzen einen Informationsvorsprung, entweder aus erster oder aus zweiter Hand. Und das macht diese Gruppe so gefährlich. Ü kann man mit Making-Offs, lancierten Pressestorys und Hochglanzplakaten in die Lichtspielhäuser treiben. Dieses Prinzip verfolgt die Filmwirtschaft seit 100 Jahren. Das Handwerk verstehen sie und so wollen sie gerne weiter machen. Das Problem, welches neuerdings Kaltschweißigkeit bei den Film-Marketing-Verantwortlichen hervorruft, heißt Kommunikation: Alle Variablen rechts des Gleichzeichens -- außer Ü -- kennen nämlich ein weiteres Geheimnis dieser Gleichung: den wohlgehüteten Inhalt des Qualitätsfaktors Q. Fügen wir diesen in unser kleines, mathematisches Konstrukt ein, erhalten wir sogleich:
P = Ü + Q · ((N + B + M)/T)
Und jetzt wird es spannend: Das weiter oben geschilderte, optimistische Szenario findet nämlich nur statt, wenn Q einen positiven Zahlenwert besitzt: wenn der Film gut ist, wenn er spannend ist, wenn er witzig ist, oder wenigstens Trash-Charme ausstrahlt. Dann laufen dank vernetzter Kommunikation tatsächlich mehr, als die üblichen Ü in die Flimmer-Katakomben.
Was aber -- oh Schreck -- wenn Q für eine negative Zahl steht? Wenn der Film grottenschlecht ist, langweilig, hölzern, unlustig, Trash ohne Charme? Dann, liebe Leute, bekommt die Filmindustrie Probleme. Denn in diesem Fall knabbern all die fröhlich Kommunizierenden und Downloadenden an Ü und somit -- was viel schlimmer ist -- an P.
Ü wird weniger. Da helfen dann auch keine Vorab-Features auf Prosieben und keine Kinokarten-Verlosungen auf Dudelradiosendern mehr. Wenn ein Angehöriger der Ü-Gruppe von X seiner N-, B- oder M-Freunde gehört hat, ein Spielfilm sei großer Mist, dann verlässt er ganz schnell die Ü-Gruppe und wird niemals zu P gehören.
So einfach ist das: Tipping Point, Buzz-Marketing, das ganze Blabla: Wer Angst vor der Meinung seiner Kunden hat, weil er befürchtet, sein Produkt wäre zu schlecht um am Markt zu bestehen, der versucht Kommunikation zu vermeiden, statt sie zu nutzen.
Was lernen wir also aus unserer kleinen Formel? Wer sein Publikum fürchtet, hat höchstwahrscheinlich nur Scheiße zu verkaufen. Ergo kann man an Maßnahmen, die Kommunikation verhindern wollen, Scheiße erkennen.
Deshalb, und nur deshalb, finden Premieren aufwändig produzierter Filme heutzutage weltweit am gleichen Tag statt: um den Wert (und vor allem das Vorzeichen) des Q-Faktors möglichst lange geheim zu halten.
So. Das wars für heute, putzt bitte die Tafel, macht in der Pause nicht wieder so viel Lärm beim Downloaden und benutzt beim Bloggen nicht mehr so viel Fäkalworte.
Nachtrag: So ganz auf dem Holzweg scheine ich mich ja nicht zu bewegen, wie SpOn über eine Nature-Story berichtet. Aber nicht vergessen: Hier habt Ihr es zuerst gelesen :-)

Eine negative Potenz bewirkt nicht das die Grundzahl negativ wird, sondern das (anstelle das Zählers) der Nenner potenziert wird. Also: 10 hoch -2 ist nicht -100, sondern 1/100.
Schlechte Qualität würde also in Deiner Formel nicht bewirken, dass weniger Leute den Film sehen, sondern mehr - wenn auch nur "bruchstückhaft" :-).
Vielleicht hängt Du Q einfach als Faktor an die Formel hintendran:
P = Ü + ((N + B + M)/T) * Q
Wenn Q > 1 sehen mehr LEute den Film, wenn Q < 1 weniger.