Momentan macht die MPAA verstärkt gegen Torrent-Websites mobil, die TV-Serien zum Download anbieten. Nach der Musik- und Filmindustrie haben jetzt offenbar auch die TV-Sender mitbekommen, dass gerade etwas Disruptives passiert. Seit ich über einen Breitbandanschluss verfüge, haben sich meine Fernsehgewohnheiten ebenfalls massiv geändert. Es ist einfach verdammt bequem, sich die aktuellen Folgen -- von sagen wir mal Galactica, den Simpsons, Alias oder 24 -- auf den Rechner zu laden und dann anzuschauen, wann man Zeit und Lust dazu hat. (Frage an die mitlesenden Juristen: Was sagt eigentlich das aktuelle deutsche Recht über private Kopien von Fernsehproduktionen ausländischer Sender?) Downloads geben den Menschen ein Stück Selbstbestimmung über ihr Leben zurück. Kein Programmdirektor diktiert mehr den Tagesablauf (oder versucht das zumindest). Kein Wunder also, dass TV-Downloads so beliebt sind.
Das Problem: Die alten Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr. Die Sendungen im Netz sind meist frei von Werbung und selbst wenn sie das nicht wären, könnte jedermann die Spots überspringen oder mit einem Schnittprogramm entfernen. Die Einschaltquoten sinken parallel zu den Werbeeinnahmen (oder umgekehrt). Wie soll es also weitergehen? Wer soll künftig die Produktion aufwändiger Serien finanzieren? Darüber macht sich Mark Pesce in einem absoluten Muss-Lies™ öffentlich Gedanken und wirft eine Interessante Idee in die Diskussionsrunde: Wie wäre es, wenn man den Platz, den momentan das jeweilige Sender-Logo einnimmt, an Sponsoren verkaufen würde? Je länger ich diesen Gedanken hin- und herwälze, um so besser gefällt er mir.
Was an TV-Werbung nervt, ist das disruptive Moment. Die Aufdringlichkeit, mit der versucht wird, Aufmerksamkeit zu erheischen, hat oft etwas Ekelhaftes. TV-Werbung schreit den Zuschauer an (meist ist sie obendrein 3 db lauter), Werbespots (und auch Trailer) sind daher irgenwie mit SPAM verwandt (s.u.).
Ein permanent eingeblendetes Markenlogo am Bildschirmrand hingegen? So what. Das haben wir jetzt schon und daran haben wir uns gewöhnt. Für den Werbekunden hieße das aber: permanente Präsenz, permanente Botschaft. Er wird nicht als Störenfried empfunden, sondern ist Teil des Ganzen, vergleichbar mit Bandenwerbung beim Fußballspiel. Klar, für komplizierte Aussagen ist diese Marketingform eher ungeeignet, aber mal ehrlich: wie gehaltvoll sind durchschnittliche 30-Sekunden-Spots?
Das Charmante an dieser Idee: sie kickt einen Zwischenhändler aus der Nahrungskette. Künftig können Produktionsfirmen sich ihr Geld direkt vom Werbekunden holen. Der Broadcaster als Mittelsmann ist somit obsolet. Der Vorteil für den Inserenten: Mit jeder Kopie erreicht seine Botschaft mehr Menschen. Ob die Filme über Torrent-Seiten vertrieben werden, im Usenet und in P2P-Börsen auftauchen oder als DVD gebrannt auf dem Uni-Campus getauscht werden: Jedes Mal wächst das Publikum. Der Vorteil für uns Zuschauer: Wir bekommen legal und gratis neues Augenfutter und plötzlich sind Raubkopierer auch keine Verbrecher mehr, sondern erwünschte Multiplikatoren im Sinne des Ideavirus.
Ein interessanter Nebeneffekt: Im Moment muss sich ein Serienplot ins enge Korsett eines Drei- oder Vierakters zwängen, um rechtzeitig vor jeder Unterbrechung mit einem Höhepunkt aufwarten zu können. Das schadet oft genug der Dramaturgie und führt gerne mal zu zerhackten Geschichten. Filme und Serien, die via Hyperdistribution zu ihrem Publikum gelangen, müssen sich an solcherlei Vorgaben nicht mehr halten. Völlig neue Story-Konzepte könnte man dann verwirklichen.
Weiter gesponnen: Ein Produktionsunternehmen stellt das Grobkonzept einer Serie oder eines Filmes online und bietet die Möglichkeit, sich bei Fertigstellung benachrichtigen zu lassen. Nach einigen Wochen oder Monaten marschiert der Chef dann zu einer Mediaagentur und verkündet: Bereits 500.000 Leute haben sich in diese Liste eingetragen. Nach dem [hier beliebigen Social-Network-Theoretiker einsetzen]-Gesetz werden daraus X heruntergeladene Kopien, die sich dann Y Menschen ansehen. Wenn dein Kunde Logo-Sponsor werden will kostet ihn das Z Euro. Das sind gerade mal N Euro pro Zuschauer. Wie wärs?
OK, OK, ich spekuliere hier ein wenig in die Zukunft hinein, aber Zukunft ist heutzutage auch nicht mehr das, was sie mal war: sie sickert nämlich sehr schnell in die Gegenwart.

...Teil seines Essays "Why Piracy is good" (den ersten Teil hatte ich hier besprochen), macht Merk Pesce sich weitere Gedanken zur Zukunft des Fernsehens, spekuliert über DVDs, die mit der Post kommen oder der Tageszeitung beiliegen, erklärt die ...
Gepingt: 27.05.2005 | 18:51