Das Ende der Massenmedien
(Teil 3287)

Selbst die, nicht unbedingt als blitzgescheite Zeitung verschriene New York Post hat etwas gemerkt: Junge Leute lesen keine Zeitungen mehr, sie konsumieren nicht mehr willenlos den massenkompatiblen Blockbusterscheiß, den ihnen die Multiplex-Kinos vorsetzen (Star Wars-Jünger vielleicht mal ausgenommen), sie sitzen nicht mehr so viel vor der Glotze und natürlich kaufen sie auch keine überteuerten CDs kurzfristig herangezüchteter Bands mehr, welche ihre Ursprünge in den Chemiebaukästen selbsternannter Marktforscher haben. Aus, vorbei, die Nummer mit den Massenmedien ist vorüber (na ja gut, sie werden uns noch eine Weile begleiten) zumindest aber hat sie keine Zukunft mehr.

Schön, dass auch ein Massenblatt wie die NYP sich mal laut Gedanken macht, noch schöner ist jedoch, was Mike Elgan folgert:

So when people spend time getting news and opinions from blogs, then return to TV, they find it a strange and alien land. The pancake makeup, hairdos, bizarre body language and vocal intonations and forced, informal chit-chat delivered through a clenched-teeth grimace that passes for a TV smile -- all that suddenly looks like a bunch of crazy people with nothing to say.

Da ist wirklich was dran. Wie Siggi Becker schon sagte: "Wie absurd ist es eigentlich, dass jemand im Fernseher mir die Nachrichten vorliest?" (Zitat sinngemäß). Wenn man sich täglich in der (sorry, .de, US-amerikanischen) Blogosphäre rumtreibt, wo jede Aktion gerne direkt eine Reaktion hervorruft, wo keine Behauptung unwidersprochen bleibt und wo jede Nachricht fröhliches Geschnatter (manche mögen es Rauschen nennen, ich eher nicht) auslöst, fühlt man sich abends, beim Anblick der Tagesthemen in der ARD, nun ja, irgendwie teils auf Zeitreise in die Vergangenheit, teils entmündigt (weil man permanent den "Comment"-Button sucht oder vorspulen will) und größtenteils in der Zuschauerrolle einfach deplaziert -- oder einfacher ausgedrückt: gelangweilt.

Ich bin kein Prophet und habe nicht für 0,02 € Ahnung, wohin diese Reise führt, aber ich spüre, dass etwas zu Ende geht.

Massenmedien (speziell TV, aber in letzter Zeit auch vermehrt Radiostationen) leben von der Annahme, dass ihr Publikum dumm ist. Es besteht aus "Konsumenten" (oder noch schlimmer: "Verbrauchern") die erst Gottschalk, dann Big-Brother konsumieren (verbrauchen) und danach möglichst alles kaufen, was ihnen die Werbeschreihälse zwischendurch aufschwatzen wollen. Mit Verlaub: das ist nicht besser als SPAM! Hinter beiden Konzepten steckt die gleiche Idee. In dem Moment, in dem das vormalige Publikum sich aber miteinander unterhält, wenn Gespräche entstehen, ist es nicht länger dumm (zumindest nicht im Kollektiv), es ist nicht länger stumm und es hat kein Interesse mehr an Schreierei. Und: dann ist es plötzlich auch kein Publikum mehr.

Massenmedien sind noch nicht tot, aber sie riechen schon verdammt faulig.



Pingback: .: edelramsch :.

...die medien selbstmord begehen, eine prophetische dimension: medien verlieren an bedeutung, weil sie die blogosphäre missverstehen, ihre zielgruppe unterschätzen, sich im ständigen schlussverkauf befinden, kreativität verhindern und nur auf die zahlen ...

Kommentare dazu:

Wenn "jede Aktion gerne direkt eine Reaktion hervorruft, wo keine Behauptung unwidersprochen bleibt und wo jede Nachricht fröhliches Geschnatter [...] auslöst [...]" dann wird auch da der Zeitpunkt kommen, an dem die Leute keine Lust mehr haben alles in Breite zu kommentieren.

Wenn ich bei heise.de die Kommentare zu einer Meldung anschaue, dann meistens nur die ersten zehn Stränge. Auch bei spiegel.de ist mir das Forum zu voll.

"Presseclub - nachgefragt" auf Phoenix ermöglicht den Zuschauern Kommentare zur Sendung abzugeben. Aber ich muss sagen, dass ich manchmal schon ausgeschaltet habe, weil zuviel Blödsinn kam. So spannend sind die Meinungen aller dann auch nicht.

Könnte es nicht wie beim prophezeiten interaktiven Fernsehen sein? Dass nämlich die meisten sich lieber berieseln lassen? Wer mag schon um 22:46 den Kommentar eines ARD-Kommentators kommentieren.
Massenmedien sind, wie der Name schon sagt, für die Masse gedacht. Und die, so scheint es mir, hat kein Interesse zu hinterfragen sondern plumpst lieber nach einem harten, unbefriedigenden und unterbezahlten Arbeitstag auf die Couch und läßt sich gern berieseln und vor Augen führen, dass es anderen noch viel schlechter geht. Solange aktives Nachdenken und Hinterfragen keine "Volkskrankheit" wird, glaube ich nicht an den Tod von Massenmedien.
schönes pamphlet, mario :)
An sich schön zusammengefasst Herr Sixtus. Aber: warum denn immer schwarz-weiss?

Meine Wenigkeit zum Beispiel liest (auch als StarWars-Jünger) etliche Blogs, schaut sich bei allen Zeitungsmeldungen die entsprechende Meldung anderer (auch internationaler) Zeitungen an. Gerne beteilige ich mich auch an Diskussionen.

Dennoch setze ich mich feierabends gerne einfach nur noch vor den Fernseher, lasse mich zunächst berieseln - und diskutiere danach einfach mit meinen Freunden.

Natürlich, man ist nicht am Medium direkt beteiligt in dem Fall. Aber erstens kann eine real-life-Diskussion sehr inspirieren - und für die direkte Einwirkung gibt's halt die Blogs.
Etwas schwarz-weiß zu zeichnen, sorgt für die notwendigen Konturen. Das Ausmalen in Graustufen erledigt hinterher sowieso die Realität :-)
Das Publikum IST dumm. Es SIND in großer Menge KONSUMENTEN. (Nach Deiner Definition) Frag doch mal die Leute vom Hauptbahnhof.... ;-)

Ach so ja, Herr Murdoch wartet schon auf Euch. Drüben im gelobten Land. (Warum gehn sie denn nicht rüber? lol) Und das wars dann mit dem freien Bloggen. Die Bertelsmänner werden dann auch schon mit den Hufen scharren. Und irgendwann hat die Spam-Mafia der Mexas Folden sämtliche Komment-Funktoinen und Trackbacks so zu gemüllt, dass außer redaktioneller Bearbeitung nichts mehr übrig bleibt. Siehe oben.

Ach was sind wir wieder so schön naiv heute. Wie war das mit der unendlichen Verdienstmöglichkeit der dotcoms? Pleite.

Da sangen sie einst "video kills the radiostar". Und ? Es gibt immer noch Radio. 20 Stationen zuviel, aber es gibt es, auch weiterhin.

viel Spass noch beim impact bloggen ;-))

mikel
Mir geht es mit Nachrichten im TV genauso wie Mario es beschreibt. Aber auch erst, seitdem ich blogge und vor allem RSS nutze. Also ist aus meiner Sicht nicht alles, was Mario Sixtus schreibt irgend eine Utopie, sondern bereits Realität.

Außerdem scheint es anderswo tatsächlich eine andere Diskussionskultur zu geben, bei der mehr am Thema herumdiskutiert und kritisiert wird, als gleich wieder Leute persönlich anzumachen. Diskussion und Spaß passen da zusammen.

Die Massen sind nicht dumm (im Sinne von niedriger IQ), höchstens unwissend und müde. Beides mag äußerlich das gleiche Verhalten hervorrufen, aber einmal angefüttert mit interessanten Dingen, kann aus passivem Freizeitverhalten bei normal intelligenten Leuten schnell aktives Freizeitverhalten werden. Das muss nicht gleich der TV-Verzicht sein, aber es kann mehr Alternativen zum TV bedeuten. Genau das zeichnet sich ja auch in den USA ab: Die Leute konsumieren weniger TV und die TV-Serien, die sie sich anschauen, sind wesentlich komplexer gestaltet als das Zeug aus den 80iger Jahren und früher.

Die Massenmedien werden wahrscheinlich nicht verschwinden, aber die Inhalte werden sich verändern. Massenprogramme werden aussterben.

Einfach weil das Internet für viele genauso verfügbar ist wie das Fernsehen nur wesentlich viel mehr Möglichkeiten der aktiven Gestaltung zulässt, werden immer mehr Leute ihre Medienrezeption von passiv auf aktiv umstellen. Und daraus erwachsen dann zwangsläufig mit der Zeit weitere Kompetenzen und somit auch Bedürfnisse nach aktiver Gestaltung. Kurz gesagt wie beim Jogging: Anfangs etwas Mühsames, dann - so habe ich mir sagen lassen - braucht man es. ;-)

Ob Weblogs eine neue Einnahmequelle für viele werden (New Economy bla bla...), ist ein Thema, das damit eigentlich gar nichts zu tun hat. Ich vermute, dass da nicht viel los sein wird. Weblogs werden ein Hobby-Phänomen bleiben und gerade daraus ihre Faszination und ihren Einfluss beziehen. Weil es so viele gibt, werden aber auch die paar Weblogs, die versuchen, als Gelddruckmaschinen zu fungieren, auch nicht weiter stören.

Mit vermeintlichen "Impact-Blogs" halten sich Leser eh nur kurz auf - genauso eben wie mit Hauptnachrichtensendungen im TV. Es liegt in der Natur der Blog-Sache, dass es eben keine Neukonzentration auf einige wenige Vorreiter gibt und geben wird, sondern die Streuung immer breit bleiben wird. "Impact-Blogs" sind eine Schablone der "alten Medien", die damit versuchen, das Phänomen Weblog überhaupt irgendwie zu beschreiben.
Lucomo, deine Schlussfolgerung in allen Ehren, aber dass es Impact Blogs gibt, wirst Du in den nächsten Jahren immer wieder empirisch feststellen...
Der qualitative Unterschied zu klassischen Massenmedien ist die theoretische Unbegrenztheit verfügbarer Quellen.
Die Blogosphäre in Ehren, aber manchmal wünsche ich mir dass sich wieder mehr Leute vor den Fernseher setzen und auf sämtliche Kommentare verzichten. Natürlich ist das eine schöne und auch fortschrittliche Sache, dass man mit Blogs mehr oder weniger "live" dabei ist, aber dadurch das wirklich jeder seinen Senf dazu gibt verschwimmen auch die Fakten relativ schnell, bzw. geraten ins Hintertreffen. Zumindestens geht mir das häufiger so dass ich mich durch einen Brei von Informationen kämpfen muss, ohne danach wirklich schlauer zu sein.

Und das mit den CDs halte ich für ein Gerücht. Vielleicht kauft sie keiner mehr, aber dafür werden sie dann eben heruntergeladen. Das Popstars-Karussell dreht sich eher schneller anstatt es anhält.


 










27.06.2008, 13:08

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