Einen hab ich noch

Blogs leben im Grenzgebiet zwischen Kommunikation und Publikation. Dies ist eine bislang weitgehend unerforschte und gerade erst frisch erschlossene Region; und genau deshalb entziehen sich die Siedler und ihre merkwürdigen Werkzeuge so erfolgreich einer vergleichenden Definition. Ihr Wohngebiet grenzt westlich an den Dialog, östlich an die Massenpublikation, schließ nördlich ans Ich an und südlich an die Welt. Da dieses Fleckchen Grauzone bisher noch nicht kartografiert wurde, versuchen Berichterstatter häufig, die Blog-Gefilde anhand ihrer Nachbarländer zu beschreiben. Das ist natürlich weder wissenschaftlich noch journalistisch sauber. Vielleicht sollten wir also die Analogien besser irgendwo liegen lassen? Zumindest für heute?

Die typische Was-soll-so-toll-daran-sein-Reaktion bei der Betrachtung eines x-beliebigen Blogs beruht auf einem Wahrnehmungsfehler, der tief im menschlichen Denken verwurzelt ist: Um etwas neues zu verstehen, neigen wir dazu, es mit Bestehendem zu vergleichen. Autos sind pferdelose Kutschen. Handys sind Telefone zum mitnehmen. Blogs sind kleine Internet-Publikationen. Dieser komparierende Erkenntnismechanismus ist im ersten Moment sicherlich hilfreich, er hindert unseren Verstand aber oft genug, das große Bild zu sehen, zu begreifen, wie eine auf den ersten Blick kleine Neuerung, ein komplettes System verändern kann.

Der durch einen Explosionsmotor angetriebene "pferdelose Wagen" hat innerhalb von rund 100 Jahren unsere Welt nachhaltig umgeformt. Er gab uns Mobilität und Stillstand im Stau, Individualtourismus und Landschaftszerstörung. Angeblich hängt an der Automobilindustrie in Deutschland jeder siebte Arbeitsplatz und ein Viertel der staatlichen Steuereinnahmen . Ob unsere Abhängigkeit vom Rohöl oder die Zersiedelung durch die Möglichkeit des Berufspendelns: So anschaulich und richtig die Definition "Kutsche ohne Pferde" vor hundert Jahren gewesen sein mochte, so wenig trifft sie den Kern des Phänomens.

Blogs stellen etliche metaphorische Fallen auf, in die man blind hereintappsen kann. Sie sind chronologisch gegliederte Journale also liegt es nahe, sie mit Tagebüchern zu vergleichen. Sie enthalten oft News und Klatsch, also bietet sich das Gleichsetzen mit Web-Magazinen an. Nur eben kleiner. Mini-Journale? Mikro-Journalismus? Das Problem an all diesen Analogien: Es sind Analogien. Sie sind auf den ersten Blick zutreffend, beschreiben aber nur einen kleinen Teil der Wahrheit. Selbst ein Online-Tagebuch, das von Zahnarztbesuchen und Katzengeschichten handelt, ist etwas grundlegend anderes, als ein Diarium aus Papier.

Ein Blogger, der seine Gedanken zu Politik und Wirtschaft in die Welt entlässt, hat im Normalfall nicht die geringste Intention, sich in Konkurrenz mit einem Zeit-Kolumnisten zu begeben. Er will einfach nur bloggen. Die Gleichsetzung mit Profi-Kollegen kommt – lustigerweise – oft genug von eben diesen; normalerweise gefolgt von der Erkenntnis, dass Blogger eben keine Profis sind – obwohl diese das nie behauptet hatten. Eigentlich amüsant.

Wer in der Metaphernfalle sitzt, kann nur enttäuscht werden: Das soll Online-Journalismus sein? Das ist doch ein Tagebuch! (Das klappt auch andersrum.)

Das Fatale an dieser Gleichsetzerei: Sie verstellt den Blick auf das Gesamtsystem. Sie beschreibt das Auto, aber nicht den Verkehr; nicht die Strukturen, die sich aus einer Innovation heraus gebildet haben oder noch bilden werden. Jedes Weblog ist nur Teil eines Ganzen. Wer dieses Phänomen begreifen will, darf seinen Blick nicht auf einen einzelnen Vertreter konzentrieren. Blogs sind Kommunikationswerkzeuge innerhalb eines Netzes. Wer Blogs verstehen will, muss sich die Mühe machen, die mentale Linse in den Weitwinkelbereich zu zoomen um das gesamte Bild zu betrachten -- oder zumindest einen größeren Teil davon.

(Zeile 1090 bis 1195 eines nie geschriebenen Buches.)

Und weil es irgendwie passt und ich gerade Marshall McLuhan lese, hier ein kleines Zitat von ihm: "Das Telefon wurde zunächst als Kommunikationsform in großen Wohnhäusern genutzt, um das Personal zu rufen. Aber es ist immer so: Jedes Medium wird zuerst einmal in der Funktion eines alten Mediums eingesetzt. (...) Zuerst erfüllt es eine alte Aufgabe."



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...sonst bekomme ich immer Lachanfälle :-) Also Ernst jetzt… Mario Sixtus über Blogs, eine ziemlich geile Umschreibung dieses schwammigen Themas. Kategorien: Blogging von Robert Basic am 19.01.2005 02:05 | Permalink ...

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...  Blogs im Grenzgebiet zwischen Kommunikation und Publikation Mario Sixtus über Weblogs. Ein Blogger, der seine Gedanken zu Politik und Wirtschaft in die Welt entlässt, hat im Normalfall nicht die geringste Intention, ...

Kommentare dazu:

ach so, und ich wollte grad fragen, ob der text inspired by planetopia war ;-)


Planetwas? Es gibt Dinge, die lass ich nicht in mein Hirn ;-)
Hm, vielleicht hättest Du das Buch doch schreiben sollen ;-)


w/kind regs (Roland)
das wäre ein knaller-buch geworden. respekt.

inhaltlich eine anmerkung: ich bin unsicher der mensch dazu befähigt ist netze zu betrachten (und zu verstehen). ich muss da an neuronale netze denken, was dort passiert können wir uns ab einem bestimmten komplexitätslevel nicht mehr vorstellen und packen die ganze chose in eine blackbox.

also nochmal: schade dass der text nur bis zeile 1195 geht...
Wer auch immer der Autor dieses nie geschriebenen Buches ist *hüstel*, könnte ja in betracht ziehen das Manuskript Stück für Stück zu publizieren. Ein Weblog bietet sich für sowas an, und es ist bestimmt besser für den Text wenn er gelesen wird, als wenn er nur so in einem dunklen Ordner sein dasein fristet.
Eine überlegung ist es allemal wert.... vielleicht liest der Autor ja hier mit.

MfG
jones, der autor liest nicht nur mit, er hat sich hier sogar schon in aller breite erklärt.
Ich weiß ix... vielleicht war ein *hüstel* nicht genug... so ganz taktvoll den Herrn Sixtus nicht drauf ansprechen, stattdessen *einenaufdoofmachen* war der Plan :s

MfG
Vielen Dank für diesen Text. Auf dass ihn sich möglichst viele Blogger, Kommunikationswissenschaftler, Journalisten ... zu Gemüte führen mögen.
Ich bin auch dafür, diesen Gedanken jetzt fortzuführen. Vor ein paar Tagen habe ich das ja ganz ähnlich formuliert, dass der Blick auf Weblogs kein Blick auf einzelne Blogs, sondern auf eine Gesamtheit der Weblogs sein sollte, wenn man sich dem Phänomen nähern will.

Wenn wir einmal annehmen, das sei so, dürfte es sehr spannend sein zu ergründen, wie dieses Netzwerk aufgebaut ist und funktioniert. Besonders sollte man sich vielleicht auch darauf konzentrieren, was daran die qualitativen Vorzüge sind, um sich in naher Zukunft nicht fragend umzusehen, was man denn früher so faszinierend daran fand, weil man es nirgends mehr entdecken kann.
Ein kluger Text über die Welt der Blogger. Gefällt mir gut.
Nette Metaphern. Sehr gut geschrieben. Ob der normalen Journalie nun ein Licht aufgeht? Mir ist es egal ;)
@lemming
Das ist einer von der normalen Journalie ... nur so am Rande. Man sollte nicht von einer Pressepublikation und ein paar Reportern auf alle Reporter und alle Pressepublikationen schließen.


 










05.08.2008, 11:50

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