Das Web entwickelt sich zu einem Publikationskanal für jedermann. Stehen wir vor einer publizistischen Revolution?
Von Mario Sixtus
Das Web ist Text: Keine Tätigkeit wird den Netzbewohnern so häufig und so gerne ausgeübt, wie das gute alte Lesen. Auf den obersten Plätzen der beliebtesten Websites finden sich regelmäßig News-Sites und Online-Magazine. Und das ist auch kein Wunder: Das Kulturgut der Schriftsprache war schon seit je her – auch in gedruckter Form - ein virtuelles. Schließlich befreit es die Menschen, während der Informationsübermittlung, vom Zwang der räumlichen und zeitlichen Simultanität. Lesen ist ein selbstbestimmter, ein interaktiver Vorgang. Überfliegen, überspringen, inne halten, rekapitulieren, einen Absatz wiederholen, anstreichen oder ausschneiden. Der Leser ist sein eigener Kapitän.
Funk und Fernsehen bringen zwar ein Mehr an Aktualität ins Spiel, bedeuteten aber auch gleichzeitig einen Rückschritt für die Informationsautonomie des Rezipienten: Redaktion und Moderator geben Timing, Tempo und Tiefe vor. Die Interaktivität beschränkt sich hier auf das Ein-, Um oder Ausschalten. So viel zum Thema. Und nun das Wetter.
Internet und Text potenzieren sich hingegen in ihren Möglichkeiten. Der Leser wird zum Navigator, steuert hier ein Fakten-Inselchen an, geht in einem Nachrichten-Hafen vor Anker, nimmt dort neue Fracht auf oder diskutiert in einer Hafenspelunke die Fürs und Widers. Im Web sind wir alle Info-Abenteurer. Unbehütet, aber frei. Hojahoh... und ne Buddel voll Rum.
Auch wenn es viele noch nicht wahrnehmen wollen: Wir stecken bereits mitten in einer erstaunlichen Umwälzung. Die nächste Revolution wird eine publizistische sein. Und danach wird vom alten Sender-/Empfänger-Schema nicht mehr viel übrig bleiben. Die Grenzen lösen sich auf, die Demarkationslinien zwischen Aktiv und Passiv werden durchlässig und beginnen zu verblassen. Die Ränder fasern auf und bilden permanent neue Muster und kleine Flickenteppiche. Es lebt.
Nehmen wir das Weblog-Phänomen: Spätestens seit sich - mit Hilfe von preisgünstigen oder kostenlosen Tools - jeder Surfer und sein Zahnarzt eine eigene Publikationsplattform im Web basteln können, ist das Internet für Millionen Nutzer von einem Konsum- zu einem Produktionskanal mutiert. Weblogs – oder kurz Blogs – sind zunächst einmal nichts weiteres als persönliche Websites, die regelmäßig, oft mehrfach täglich, aktualisiert werden. Unter der Oberfläche eines jeden Blogs schnurrt eine Technik, die es auch Nicht-Informatikern und Personen ohne Programmierkenntnisse erlaubt, im Web publizistisch tätig zu werden: Einen Blog-Eintrag zu verfassen ist nicht schwieriger, als eine Email zu verschicken.
Das ist der Rahmen. Inhaltlich gleicht wohl kein Weblog dem anderen: Erlebnisse an der Supermarktkasse finden sich in der Blogwelt genauso, wie Buchbesprechungen oder Filmkritiken. Wer mag, kann sich durch tagebuchähnliche Einträge klicken oder auch ellenlange politische Kommentare studieren. Das Qualitätsspektrum reicht dabei von Pubertäts-Lyrik bis zu wissenschaftlichen Artikeln auf höchstem Niveau. Die Welt ist bunt und die Blogosphäre spiegelt das wieder. Im angloamerikanischen Raum haben sich nicht wenige Journalisten ein Blog zugelegt, um auch Texte in Umlauf zu bringen, die aufgrund der Redaktionshierarchien sonst wohl nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätten.
Aber Weblogs übernehmen auch die Aufgabe eines biologischen Filtersystems im Informationsrauschen. Mit Hilfe von Links und Kommentaren verweisen sie auf Lesenswertes oder Kontroverses und übernehmen so nicht zuletzt eine Wegweiserfunktion. Da Links auf interessante Artikel einer akuten Ansteckungsgefahr unterliegen und permanent von Blog zu Blog übertragen werden, kann die Gesamtheit dieser Mini-Magazine häufig für ganze Aufmerksamkeitsflutwellen sorgen - selbstorganisiert, spontan und unvorhersehbar. Blogs sind mit den Pamphleten des neunzehnten Jahrhunderts oder auch mit den Fanzines der siebziger und achtziger Jahre verglichen worden. Das greift allerdings zu kurz: Weblogs sind die erste Publikationsform, die ihren Ursprung genuin im Internet hat. Die Bloggerin und Buchautorin Rebecca Blood drückt das so aus: "Millionen Menschen haben heute die Entsprechung einer Druckmaschine auf dem Schreibtisch – und demnächst in ihrer Hosentasche."
Der unter dem Pseudonym "Salem Pax" bekannt gewordene, irakische "Bagdad-Blogger" lieferte während der US-Invasion Augenzeugenberichte und Erste-Hand-Nachrichten aus der irakischen Hauptstadt. Seine Analysen und Kommentare waren spitz, meinungsstark und oft brillant. Nach Kriegsende schrieb er regelmäßig Kolumnen für die britischen Tageszeitung Guardian und mittlerweile hat er sein erstes Buch veröffentlicht. Das Web ist also keine publizistische Einbahnstraße.
Aus diesem Blickwinkel lohnt es sicher, einen genaueren Blick auf ein paar weitere Leuchttürme und Bojen zu werfen, die sich aus der pulsierenden, wogenden Netz-Oberfläche herausgebildet haben und die uns vielleicht Hinweise darauf liefern, wohin die Fahrt gehen könnte.
Die Ein-Personen-Klatsch-Agentur DrudgeReport.com ist spätestens seit des initialen Aufdeckens der Ereignisse in Bill Clintons "Oral Office" zu einer Geld-Druckmaschine mutiert: Die Fachzeitschrift Business 2.0 schätzt den jährlichen Umsatz von Matt Drudges Gerüchtebackstube auf stattliche 800.000 Dollar.
Zur Zeit des letzten Golf-Krieges lieferte der ehemalige AP-Reporter Christopher Allbritton ein spektakuläres Beispiel für eine publizistische Ich-AG: Allbritton sammelte über seine Website back-to-iraq.com rund 14.000 Dollar, erstand die heute üblichen Frontreporter-Gadgets, wie ein wüstenfestes Notebook, ein Satellitentelefon und eine Digitalkamera und ließ sich von kurdischen Menschenschmugglern auf einem zweitägigen Gewaltmarsch von der Türkei in den Nordirak schleusen, um via Blog aus dem Kriegsgebiet zu berichten. Die Blogosphäre hatte einen eigenen Nervenstrang ins Zweistromland geschickt, um nicht auf eingebettete Mainstream-Reporter angewiesen zu sein.
Mike "Scoop" Gaynor versucht derweil in Chicago, unterstützt mit Wagniskapital von Adobe Inc., eine Verkaufsplattform für Texte aller Art aus dem Netz zu stampfen: Seit Juli diesen Jahres haben sich unter RedPaper.com 26.000 User registriert, und handeln mit Kochrezepten, politischen Essays, Bastelanleitungen, Science-Fiction-Kurzgeschichten und Reiseberichten. Für Beträge zwischen zehn Cents und einem Dollar pro Text.
In Süd-Korea gehört OhMyNews.com zu den populärsten Websites des Landes und wird fast ausschließlich mit Beiträgen gefüttert, die von ihren Lesern verfasst wurden. "Bürgerjournalismus" nennt das der Gründer und Herausgeber Oh Yeon-Ho, der das Magazin als Gegengewicht zur konservativen, von der so genannten Gerontokratie beherrschten, Presse gründete. Die Site ist mittlerweile mit seinen täglich zwei Millionen Lesern eine wahre Medienmacht im Land. Ein südkoreanischer Diplomat sagte einmal dem Guardian: "Kein Politiker kann es sich leisten, OhMyNews zu ignorieren. Südkorea verändert sich in einem Maß, das wir selbst es noch nicht glauben können."
Auch die Urgesteine des Mitmach-Journalismus wie Slashdot, Indienews, Metafilter und Kuro5hin zeigen, dass die Spezies des schreibenden Lesers keine Erfindung aus dem fernen Osten ist. Selbst wer kein eigenes Weblog betreibt, wird somit im Netz einen geeigneten Rahmen finden, um sich öffentlich zu äußern. Speakers Corner ist plötzlich überall.
Eins dürfte klar sein: Der Kampf um die Augäpfel der Web-Nutzer wird in Zukunft noch wesentlich interessanter, da die Medien-Matrix so zersplittert ist, wie noch nie zuvor und sich anschickt, diesen Zellteilungsvorgang fröhlich fortzusetzen. Kommerzielles, institutionelles oder privates Angebot? Who cares? Amateurschreiber, Journalisten, arme Poeten? Gerne alles! Grundmengen, Teilmengen, Schnittmengen? Ja genau, und zum Mitnehmen bitte!
Aber ein Trend immerhin scheint sich deutlich abzuzeichnen: Text ist in. Geschriebenes ist sexy. Wohin die Reise aber geht? Keine Ahnung. Die Schatzkarten der sieben Info-Meere sind noch nicht geschrieben, aber alle Akteure befinden sich bereits auf großer Fahrt. Hey Matrose. Noch einen Rum.
