Fernsehserien abonnieren? Bald kein Problem mehr. Fernsehen revolutioniert sich. Am Anfang wird aus dem Videorekorder eine Festplatte, dann kommt mit kleinen technischen Kniffen wie RSS-Feeds die Verzahnung von Internet mit dem Fernsehen. Bald schon muss es Broadcatching statt Broadcasting heißen. Werden nach der Musikindustrie auch die Senderfamilien wanken?
Von Mario Sixtus
Ende Juni war RTL-Sprecher Christian Körner stinksauer: "Das Gerät greift in das Geschäftsmodell des werbefinanzierten und daher kostenlosen TV-Programms ein", schimpfte er. Anlass für seinen akuten Wutanfall war ein Urteil des ersten Zivilsenats des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Der Grund: Das Koblenzer Unternehmen TC Unterhaltungselektronik AG hatte ein kleines Kistchen namens "Fernsehfee" im Programm, das jenen kleinen Knopfdruck automatisieren sollte, den die meisten Fernsehzuschauer bereits verinnerlicht haben wie eine Pawlowsche Hundefamilie: Das Umschalten auf einen anderen Kanal beim ersten Anzeichen eines Werbeblocks. Die Robenträger, bei Fällen aus dem Technologiebereich oft genug gänzlich merkbefreit, sahen die Sache erstaunlich realistisch. Die Fernsehfee biete dem Zuschauer lediglich ein technisches Hilfsmittel zum Ausblenden nicht gewünschter Werbung, bügelten sie nach fünf Jahren Prozessdauer das Ansinnen der Bertelsmann-Tochter ab.
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Die Informationen und Formulierungen des elektronischen Wikipedia-Lexikons sind ebenso frei wie seine Freie Software. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sich diese Enzyklopädie konstant weiter entwickeln kann. Mit Wissen gefüllt wird sie von uns, den Usern. Und obwohl also dort jeder schreiben kann, klappt das Experiment erstaunlich gut.
Von Mario Sixtus
Rund 700.000 Papyrusrollen sollen in ihren besten Zeiten in den Regalen der Bibliothek von Alexandria herum gelegen haben. Durchschnittlich drei Meter lang war solch eine Wissenswurst. Das entspricht in etwa zehn aneinander gelegten Din-A4-Blättern. Wenn wir jetzt annehmen, die Schreiber vom Land am Nil hätten sich auf 24-Punkt-Hieroglyphen (Font: Osiris) geeinigt und die Normungsstelle des Bibliotheksbeirates hätte ferner, aus Gründen der Lesbarkeit, die Obergrenze der Zeichenzahl auf 9.000 pro Rolle festgelegt, dann hätte das gesammelte Weltwissen der Antike einen Speicherbedarf von 6,3 Gigabyte gehabt. Der neue iPod kommt beispielsweis in den Gewichtsklassen 20 und 40 Gigabyte in den Handel. Das Wissen der Welt des Jahres Null ließe sich somit von jedermann quasi nebenbei herumtragen. Auf eine Musiksammlung von der Größe eines Kleinstadt-Plattenladens müsste man trotzdem nicht verzichten.
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Die Suchmaschine Google hat den besten Ruf als freundliches Unternehmen. Mittlerweile ist man allerdings durch weitere Ankäufe im Bereich von Blogs und - jetzt neu geplant - Email zu einem Wissensimperium angewachsen, das Zugriff auf einen beträchtlichen Teil dessen hat, was im Internet vor sich geht. Grund genug zur Sorge, denn von so vielen Datenbanken ist es nur noch ein kurzer Weg zu einer möglichen Überwachung.
Von Mario Sixtus
Die öffentliche Meinung ist bekanntlich ein launiges Ding. Das wissen nicht nur Popstars, Fußballer und Politiker, auch Religionsrepräsentanten und die ihnen mental verwandten "Markenmacher" kennen das unstete Wesen der gesellschaftlichen Zuneigung. Anfang April konnten nun auch die drei Obergoogler, CEO Eric Schmid und die beiden Firmengründer Sergey Brin und Larry Page, herausfinden, wie sich medialer Gegenwind anfühlt. Offenbar völlig unvorbereitet trafen verbale Pfeile wie "datenschutzrechtlich bedenklich", "Verletzung des Briefgeheimnisses" oder "Missbrauch eines Kommunikationskanals" die verdatterten Googlianer direkt in ihre wunden Punkte. Bürgerrechtler und Privacy-Aktivisten schrieben offene Briefe, machten behördliche Eingaben und verfassten Gastkolumnen in Massenblättern, in denen sie vor den Machenschaften des Bunte-Bällchen-Imperiums warnten. Was war geschehen? Kann die allgemeine Stimmung so schnell kippen? Gehören "Die-sich-vom-Grateful-Dead-Koch-bekochen-lassen" in den Augen der Allgemeinheit plötzlich und unerwartet zur dunklen Seite des Netzes? Wohnen sie nun auch in jener sonnenlichtabweisenden Region der Matrix, wo die Netzgemeinschaft bis Dato nur Gehörntes und Pferdefüßiges à la Microsoft und SCO vermutet hatte?
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An der Technischen Universität Illmenau hat man ein System entwickelt, um Musik jenseits der Musikindustrie an den Mann zu bringen: das Potato-System. Mit der Gema ist man darüber bereits einig. Und jetzt? Keine Musikindustrie mehr? Das ist neu, das ist toll und das geht so.
Von Mario Sixtus
Musikgenießer geben gerne weiter. Jeder Fan ist ein kleiner Missionar. Sätze wie "Kennst du schon?" oder "Hast du schon gehört?" haben sie daher zwecks schnellerem Zugriff auf verbale Funktionstasten gelegt. Damals, nach dem Krieg, schleppten wir unsere Schellack-Schätzchen noch den ganzen Tag mit uns herum, um sie unseren Freunden vorzuspielen. Wir hatten ja sonst nichts. Später nahmen wir für unsere Angebeteten Mixtapes auf, um ihnen zu beweisen, was für einen guten Geschmack wir hatten und was wir für eine tolle Partie wären. Aus Kassetten wurden selbst gebrannte CDs und heute schicken wir die Songs per Email durch die Gegend. Morgen werden wir die Tracks unserer jeweiligen Süßen einfach per Ultrawide-Bluetooth™ oder XXL-WiFi™ oder wie auch immer in ihren Sunglasses-Player™ beamen, den wir ihr zuvor auf der Kirmes geschossen haben. Musikweitergabe ist Teil unserer Kultur. Wir geben gerne.
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Kinderpornographie als Bedrohung aus dem Netz, das begleitet die Technologie Internet seit ihren ersten Schritten. Doch gerade weil Pädophilie so glasklar zu verurteilen ist, wähnen sich die Aktionen gegen Kinderpornographie mitunter zu sehr auf der sicheren Seite.
Von Mario Sixtus
Das Aufheben der Anonymität vermeintlicher Pädophiler kann deshalb in die Hose gehen. Die Initatoren um die Website PervertedJustice.com etwa machen es sich zur Aufgabe, Pädophile zu entlarven - und schlagen dabei deutlich über die Stränge.
"Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist", lautet ein geflügeltes Wort. Auf Chaträume gemünzt, würde das Wort noch ein paar Flügel mehr benötigen. Etwa: "In Chats weiß jeder Hund, dass niemand ein Hund ist, der sich als ein Hund ausgibt." Oder: "Wenn Du sagst, Du bist ein Hund, bist Du alles, nur kein Hund." Denn wie schon Doc Searls und David Weinberger in ihrem Essay "World of Ends" so simpel wie einleuchtend feststellten: "Das Netz ist keine Sache, sondern eine Übereinkunft." Genau. Eine Vereinbarung, ein Arrangement, ein Agreement, eine Konvention und manchmal auch ein Kompromiss (Thesaurus off). Chaträume sind Camouflagetempel. Dicke, alte Männer mit Mundgeruch und schwäbischem Akzent posieren als "bikini_babs" und mancher realen Babs mit Bikinifigur bereitet es wiederum Freude, als "partyhengst_gut_bestueckt" aufzutreten. Das ist allseits bekannt und akzeptiert und ein Teil der ungeschriebenen Abmachung.
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Davos im Januar. Der alljährliche Eskalationspunkt für die Globalisierten und die nicht weniger global vernetzten Globophoben. Meistens kracht es hier.
Von Mario Sixtus
Unvereinbare Vektoren. Ins Hirn gemeißelte Anschauungen, auf beiden Seiten häufig zu Parolen verstümmelt, finden (draußen) über Megafone und (drinnen) über Medienmikrofone ihre Wege zu den jeweiligen Rezipienten. Communication Breakdown. Die Verständigung zwischen Menschen und Außerirdischen kann sich kaum schwieriger gestalten. Immerhin: Dieses Jahr hielt die körperliche Gewalt sich in Grenzen. Aber nur unverbesserliche Träumer führen das auf die rigiden Bekleidungsvorschriften zurück, die Klaus Schwab, Präsident des Weltwirtschaftsforums, ausgegeben hatte: striktes Krawattenverbot.
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Gute Satire kann leicht zur bösen Wirklichkeit werden, zumindest wenn Politiker humorlos und Fachkräfte inkompentent sind. Der Fall Regierungspräsident NRW vs. Alvar Freude
Von Mario Sixtus
Der Satz "Satire darf alles, nur nicht langweilen" wird Kurt Tucholsky zugeschrieben und drückt natürlich eher Wunsch als Wirklichkeit aus, schließlich landen hierzulande Satiriker nicht selten vor dem Richter, dem dann die undankbare Aufgabe zufällt, die Grenzen von Übertreibung und Ironie juristisch zu lokalisieren.
Auch Alvar C.H. Freude ist ein humorvoller Mensch. Nicht zuletzt deshalb wird der Stuttgarter Kommunikationsdesigner demnächst wohl auf der Anklagebank Platz nehmen und sich gegen den Vorwurf der Volksverhetzung und Gewaltdarstellung im Internet verteidigen müssen. Strafanzeige hatte im Juni dieses Jahres die Bezirksregierung Düsseldorf gestellt.
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Spam wird mit mehr Filtern nicht weniger, sondern mehr. Warum? Weil hinter Spam natürlich ein heftig laufendes Geschäft steckt, von dem nicht nur ehemalige Neonazis, arbeitslose Webdesigner, sondern auch Banken, Service Provider und Filterentwickler profitieren.
Von Mario Sixtus
Spam ist nicht nur ärgerlich und außerdem drauf und dran, ein ganzes Kommunikationssystem unbrauchbar zu machen, Spam ist vor allen Dingen ein Riesengeschäft, eine Boombranche, ein Milliardenmarkt.
Alan Chalem wurde nicht so einfach umgebracht, sein Schädel wurde regelrecht perforiert: Einmal in jedes Auge, einmal in jedes Ohr und obendrein in den Mund schossen ihn unbekannte Täter im Oktober 1999. Kaum besser erging es seinem Kollegen Maier S. Lehmann. Diesem raubte man zunächst die Bewegungsfähigkeit durch gezielte Schüsse in die Beine, bevor schließlich drei Kugeln durch seinen Kopf gejagt wurden. Obwohl der Fall nie eindeutig aufgeklärt wurde, gelten die beiden in der Internet-Gemeinde als die ersten Spammer, die das Spammen mit dem Leben bezahlen mussten. "Bang! bang! Those fucking spammers are *DEAD*!" jubilierten einige müllmailgeplagte Netizens in den einschlägigen Foren und Sätze wie "I can only encourage that this example of good citizenry is followed everywhere!" legten den Schluss nahe, dass sich das Mitgefühl mit den frisch verblichenen in engen Grenzen hielt. Zwar sind Lehman und Chalem wahrscheinlich eher aufgrund ihrer Verwicklungen in dubiose Aktiengeschäfte spontan entleibt worden, aber was soll's: Sie hatten gespammt und sie waren tot. Gut so.
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Was macht einen Text zum Journalismus? Dass er bei einer Institution erscheint? Hohe Qualität? Seine meist schlechte Bezahlung? Definitiv ist Text das Format, das die New Econmy Krise ungeschadet überlebt hat - vielleicht, weil es von Beginn an von ihr nicht besonders gut erfaßt wurde.
Von Mario Sixtus
Keine Tätigkeit wird von den Netzbewohnern so häufig und intensiv ausgeübt, wie das gute alte Lesen. Primär ist das Web ein Informationsmedium. Punkt. Alles andere folgt auf den Rängen. Filesharing, Chats, Online-Spiele und –Einkauf. Multimedia- und Medienkonvergenz-Schreihälse aus der DotCom-Ära sind ja mittlerweile glücklicherweise allesamt arbeitslos und schwallern nur noch in butzenbescheibten Eckkneipen zwischen Bebra und Neu-Isenburg ihre jeweiligen Thekennachbarn mit abgestandenem Innovationsspeech aus den späten Neunzigern zu. Das Netz ist Text. Nochmal Punkt. Zwar treiben sich immer noch ein paar unbelehrbare Flash-Frickler herum, die sich nach wie vor bemühen, die stinkende Brühe der Fernsehvorspann-Ästhetik auch im Web zu verkleckern, inklusive Sound-Djingles, die den Straftatbestand der Körperverletzung lässig übererfüllen, aber als Optimist darf man davon ausgehen, dass sich diese Problematik auch ohne Anrufung der UNO-Menschenrechtskommission bald von selbst erledigt: Diese animierte Digitalgülle will einfach niemand mehr sehen.
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Dritter und letzter Teil unserer Google-Serie. Nachdem wir uns letztes Mal über Googles merkwürdigen Ankauf des Weblog-Redaktionssystem der Firma Pyra gewundert haben, taucht jetzt der eigentliche Grund dafür auf: Die perfekte Momentaufnahme der gesellschaftlichen Trends.
Von Mario Sixtus
Der auftauchende Dritte und sein Computeralgorithmus liefern den Schlüssel, warum Google die Firma Pyra und ihr Weblogredaktionssystem angekauft haben. Jon Kleinberg hat kürzlich an der New Yorker Cornell-Universität einen Computeralgorithmus entwickelt, der den Kauf unter einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Seine so genannten "Word Bursts" spüren das plötzliche Ansteigen von bestimmten Schlüsselwörtern in beliebigen Texten auf und wertet dieses aus. "Burstiness" kann das schlagartige Interesse an einem bestimmten Thema signalisieren oder aber auch das Gegenteil, das Nachlassen der Beachtung , quasi ein letztes Aufbäumen.
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