Kontrolleure für die Kontrolleure

Watchblogger in den USA kritisieren Journalisten - nicht immer auf feinfühlige Art

Von Mario Sixtus

Kurz vor Weihnachten herrschte Aufruhr im Diskussionsforum von Howard Deans Kampagnen-Weblog "Dean for America". Anhänger und Unterstützer des mittlerweile resignierten Bewerbers um die Präsidenten-Kandidatur der Demokraten empörten sich über einen Artikel der New-York-Times-Kolumnistin Jodi Wilgoren. Der Text stecke voller Unwahrheiten und Verdrehungen, polterten sie. Dem anonymen Weblog-Autor Kos war das Schimpfen im Forum schließlich nicht mehr genug, und er rief mit "Wilgoren Watch" ein so genanntes Watchblog ins Leben.

Regelmäßig reflektierte er dort über Wilgorens Zeitungsartikel, verfolgte die Arbeit der Autorin Wort für Wort, überprüfte ihre Behauptungen und checkte Fakten. Am 9. Januar schrieb er: "Mittlerweile haben sechzehn Leser meinen Newsletter abonniert, darunter eine Miss Jodi Wilgoren von der New York Times. Herzlich willkommen Miss Wilgoren."

Adoptierte Journalisten

Die Idee sprach sich schnell herum, und nachdem sie mit "Adopt a Journalist" auch einen knackigen Slogan erhalten hatte, sprossen etliche weitere Watchblogs aus dem Netz. "Wilson watch" widmet sich der Reuters Reporterin Patricia Wilson, "What a Pickler" sieht der AP-Journalistin Nedra Pickler auf die Finger und "Enduring Friedman" kümmert sich um Thomas Friedmann von der New York Times.

Gilt die Presse gemeinhin als gesellschaftliche Kontrollinstanz, haben sich die Watchblogger nun vorgenommen, die Kontrolleure zu kontrollieren. Im Internet bezeichnen manche diese Bewegung bereits als "fünfte Macht".

Jay Rosen, Vorsitzender der Journalismus-Fakultät an der New York University, sieht das Phänomen zwiespältig: "Ich liebe die Idee, weil sie eins-zu-eins ist. ,Die Medien', diese kosmische Abstraktion, die keine irdische Anschrift hat, wird heruntergerechnet auf einen einzelnen Journalisten, auf jemanden, der vielleicht gerade jetzt ein Sandwich isst." Und: "Glaubwürdigkeit ist eine Interaktion, keine Aura." Andererseits fürchtet Rosen jedoch, Watchblogs könnten zum puren Vehikel unreflektierten Medienhasses verkommen: "Im schlimmsten Fall könnten sie ihre Leser mit neuer Munition für ihre Vorurteile versorgen."

Tatsächlich gehen die Watchblogger mitunter nicht besonders feinfühlig mit ihren Beobachtungsobjekten um. Auf "Charen Watch", einer Website, die die konservative Kolumnistin Mona Charen unter Beobachtung stellt, wird der Leser mit einem Porträt-Foto der Schreiberin begrüßt, welches mit den Worten "Media Whore" überstempelt wurde.

"Charen Watch" wird von Joseph Arietta betrieben, einem Web-Producer, der hauptberuflich für die Softwarefirma Symantec arbeitet. Dem Fachmagazin Online Journalism Review sagte er, sein Arbeitgeber habe nichts dagegen, dass er nebenbei ein Weblog betreibe. Arietta hofft: "Wenn normale Bürger eine Watcher-Site schreiben und das gut machen, wird vielen Menschen klar werden, was in den Medien falsch läuft." Das Gros der Watchblogs wird hingegen von anonymen Autoren gefüttert, die ihre Identität aus Angst um ihren Job geheim halten: Vielleicht verreißt man ja gerade den Lieblingskolumnisten des Chefs.


Richtigstellung im Netz

Seit neuestem haben die Watchblogs professionelle Unterstützung bekommen. Mit dem "Campaign Desk" hat das angesehene Medienmagazin Columbia Journalism Review (CJR) ein eigenes Blog ins Web gestellt, das die Wahlkampfberichterstattung in den Medien kritisch analysieren will. Campaign Desk will sachliche Fehler korrigieren, bevor sie sich ausbreiten. CJR stellt für dieses Projekt immerhin fünf Reporter und zwei Redakteure im Vollzeitdienst ab. Erste Erfolge gab es bereits: Nachdem Matt Drudge auf seiner legendären Klatsch- und Skandalwebsite Drudgereport Äußerungen von Wesley Clark in einen missverständlichen Zusammenhang stellte, und AP sowie Reuters diese Passagen weiter verbreiteten, stellte "Campaign Desk" die Sache richtig und bewahrte im letzten Moment so manchen Redakteur vor einer Falschmeldung. Ob die Idee der Watchblogs den Wahlkampf überleben wird, muss sich noch zeigen. Nach Deans Kandidaturverzicht stellte Wilgoren Watch jedenfalls den Betrieb ein.

Watchblogger im Netz:
Wilgoren Watch:
http://wilgorenwatch.blogspot.com

Patricia Wilson Watch:
http://patriciawilsonwatch.blogspot.com

Enduring Friedman:
http://enduringfriedman.blogspot.com

Charan Watch:
http://www.charen-watch.com

CJR Campaign Desk:
http://www.campaigndesk.org



Kurze Werbeunterbrechung:


Jetzt kommentieren!


Aus der gleichen Publikation:

 



















































Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Den klassischen TV-Sendern laufen die Kunden davon. Immer mehr Internetnutzer ziehen sich ihr Programm direkt aus dem Netz - individuell, kostenlos und werbefrei

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht

Social Software und das neue Leben im Netz

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

In der durchdigitalisierten Welt werden Entfernungen gleichgültig. Ferndiagnose, Fernwartung, Fernsteuerung: So genannte Remote Services spielen in Industrie, Medizin und vielen anderen Bereichen eine immer größere Rolle

Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen

Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet

Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, macht leichter Geschäfte. Kontaktplattformen wie LinkedIn und OpenBC können helfen, diesen Jemand kennen zu lernen.

Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"

Ein Gremium des Europa-Parlaments entscheidet heute, ob das Gesetzgebungsverfahren der EU komplett neu gestartet wird

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Drei Schritte vor, zwei zurück und einen zur Seite: Der Hickhack innerhalb der EU um die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Befürworter eines kompletten Neustarts des mittlerweile fast drei Jahre dauernden Verfahrens schöpfen Hoffnung: Polnische Diplomaten haben trickreich den Weg dafür frei gemacht.

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.