
Ein kleines Start-up entwickelt einen Online-Musikvertrieb, der Fans bezahlt - und weniger bekannten Bands hilft
Von Mario Sixtus
Die Musikindustrie wird nicht müde, für ihre Umsatzeinbrüche Raubkopien im Allgemeinen und das Internet im Speziellen verantwortlich zu machen. Auch durch Deutschland solle eine juristische Klagewelle gegen Tauschbörsennutzer rollen, kündigt der Deutsche Phonoverband an. Zwar wurde in der vergangenen Woche eine aufwendige wissenschaftliche Studie der Universitäten von Harvard und North Carolina veröffentlicht, die zu dem Schluss kam, Filesharing habe keinerlei negativen Einfluss auf Tonträgerverkäufe. Trotzdem begreifen die großen Musiklabel das Netz bis dato eher als Feind, denn als Vertriebskanal.
Die bisherigen Versuche der Entertainmentindustrie, ins Geschäft mit bezahlten Musik-Downloads einzusteigen, schwankten denn auch zwischen zögerlich und halbherzig. Viele User empfinden das strikte Digital Rights Management (DRM), das in die Dateien integriert ist, als Gängelei. Verhindert es unter anderem doch genau das, was einen Teil des Musikgenusses ausmacht: das Weiterempfehlen an Freunde.
Auf die Empfehlung kommt es an
"Genau das ist der Punkt", sagt Jürgen Nützel, der zugleich Vorstand des Unternehmens 4FriendsOnly.com Internet Technologies (4FO) ist und an der Technischen Universität Ilmenau lehrt. "Diese technischen Schutzmechanismen versuchen, die Weitergabe von Musik zu vermeiden oder zumindest zu erschweren. Jeder Musikkonsument hat eine missionarische Ader und will seinen Bekanntenkreis auf neue Entdeckungen hinweisen. Sämtliche Strategien von DRM wollen genau das verhindern."
Während einer "harten Forschungssitzung" in einer "lokalen Einrichtung" in Ilmenau diskutierte Nützel das Paradoxon vor einiger Zeit mit seinem Kollegen Rüdiger Grimm. Nach dem zweiten Bier kam den beiden die Erleuchtung: "Wenn alle die Musik weitergeben wollen, dann lassen wir sie doch", lautet die Erkenntnis simpel. Kurz: "If you can't beat them, feed them."
Die praktische Umsetzung der Idee heißt Potato-System. Den Vertrieb übernehmen dabei die Konsumenten. Nach dem Kauf eines Musikstücks erhalten sie nicht nur eine Datei, die übrigens frei von jeglicher DRM-Beschränkung ist, sondern auch einen personalisierten Link. Den können sie nun auf ihren Homepages platzieren, beispielsweise neben einer Besprechung des dazugehörigen Songs. Sobald ein Besucher den Verweis anklickt und danach kauft, erhält der Homepagebesitzer und Erstkäufer als Provision 20 Prozent des Kaufpreises gutgeschrieben - und das Spielchen beginnt von Neuem. Wie bei einem Schneeballsystem greift die Provisionierung bis hinein in die dritte Käufergeneration, dann allerdings nur noch mit fünf Prozent. Je zu einem Drittel verdienen so die Musikkäufer - oder Verkäufer, ganz wie man will -, 4FO als Abrechnungsdienstleister und natürlich nicht zuletzt die Künstler.
"Tauschbörsen, in denen alles gratis herumliegt, wird das nicht vom Markt drängen", räumt Nützel ein. "Das sollen ruhig die Großen weiter versuchen und ihren Ruf dabei endgültig ruinieren." Das Potato-System folgt einem anderen Grundgedanken: "Es geht nicht um den Wert des Produktes, der Datei, die ja nur aus Einsen und Nullen besteht und die beliebig oft kopiert werden kann. Es geht um die Bereitschaft, dem Künstler etwas zu geben, weil man ihn mag, seine Musik schätzt und ihn einfach unterstützen möchte."
Bezahlen können Potato-User die Songs auf unterschiedliche Weise: Der Anruf einer gebührenpflichtigen Telefonnummer ist genauso möglich wie die Nutzung verschiedener Zahlungssysteme wie Paypal, dem MicroMoney der Deutschen Telekom oder Firstgate (Click & Buy).
Derzeit befindet sich Potato noch im Testbetrieb, kann aber beim Berliner Musikportal Dorfdisco bereits genutzt werden. Am heutigen Montag soll die Registrierungsmöglichkeit für neue Künstler freigeschaltet werden. Zwar werden sich anfangs vermutlich hauptsächlich Stücke von Amateuren oder unbekannteren Künstlern im Downloadbereich finden.
Wird die Musikindustrie überflüssig?
Das muss aber nicht so bleiben. "Warner Music Holland hat sämtliche niederländischen Acts aus ihrem Katalog gestrichen, da sich ihre Vermarktung angeblich nicht lohnen würde", sagt Nützel und deutet an: "Es könnte demnächst Musik von Künstlern im System geben, die überhaupt nicht unbekannt sind. Zumindest sind entsprechende Dokumente bereits ins Holländische übersetzt worden." So könnte Potato die Auflösungstendenzen in der Musikindustrie zumindest für die Musiker etwas abfedern - oder sich mittelfristig sogar zu einer Alternative zum Labelvertrag mausern.
Wegen Mitarbeitermangel braucht 4FO nicht zu klagen: Das Unternehmen ist eine Ausgründung der Technischen Universität Ilmenau und kooperiert mit dem Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie von Karlheinz Brandenburg. Und der hatte mit der Erfindung des MP3-Formats die Revolution schließlich angestoßen.
Wieso Potato? "Nun", sagt Nützel, "die besagte wissenschaftliche Diskussion, auf der diese Idee geboren wurde, fand in einer Ilmenauer Lokalität namens ,Verrückter Kartoffelkeller' statt." Sollte sich Potato durchsetzen, hätte die Musikindustrie ganz andere Probleme als Tauschbörsen oder deren Nutzer: Sie wäre schlicht überflüssig.
