Ordnung ins Chaos bringen

Das Semantic Web soll die Kooperation von Menschen mit Computern wesentlich erleichtern

Von Mario Sixtus

Frau Mustermann möchte ihren Sohn besuchen, der in London lebt. Die mühsame Arbeit, Preise von Reisebüros, Fluglinien und Last-Minute-Agenturen zu vergleichen, die Verfügbarkeit von Plätzen abzufragen und schließlich ein Buchungsformular auszufüllen, erledigt sie längst nicht mehr selbst. Stattdessen füttert sie ihren persönlichen Software-Agenten mit Prioritäten, schickt diesen ins Web und geht selbst Bummeln. Während sie durch die Stadt schlendert, arbeitet ihr kleines Programm emsig. Anhand der Vorrangliste weiß es, dass Frau Mustermann Nichtraucherflüge bevorzugt (Priorität: hoch), gern am Fenster sitzt (Priorität: mittel), keine bestimmte Linie favorisiert (Priorität: niedrig). Nach kurzer Zeit hat der Agent die ideale Verbindung herausgesucht und selbstständig gebucht.

Dass es sich bei diesem Szenario um eine Zukunftsvision handelt, liegt weniger daran, dass es die Software-Agenten noch nicht gibt, vielmehr wären diese im heutigen Web hilflos; denn mit den Daten, die sie dort vorfinden, können sie nichts anfangen. Obwohl das Web ein computerbasiertes Medium ist, enthält es fast ausschließlich Informationen, die von Menschen für Menschen bereitgestellt werden. Computer können nicht unterscheiden, ob es sich bei einer Ziffernfolge auf einer Webseite um eine Telefonnummer oder eine Postleitzahl handelt. Genauso wenig wissen sie, ob sie eine private oder eine Firmenseite besuchen oder eine Diplomarbeit "lesen". Suchprogramme können Webseiten immerhin nach bestimmten Zeichenfolgen durchforsten, wer aber mit ihnen nach einem "Koch" sucht, wird in den Ergebnislisten Gaumenkünstler und Landespolitiker finden.


Das Netz erklärt sich selbst

Tim Berners-Lee hat sich mit seinem Konzept des "Semantic Web" vorgenommen, endlich Struktur ins Chaos zu bringen. Und Berners-Lee ist nicht irgendjemand. Der von der britischen Queen geadelte Computerwissenschaftler erfand 1989 am Schweizer Teilchenforschungsinstitut Cern das World Wide Web und löste so die bekannte Medienrevolution aus. Seit 1994 ist er Vorsitzender des World Wide Web Consortium (W3C), das Empfehlungen für Standards erstellt.

Das Web der Zukunft wird für jede wesentliche Information eine maschinenlesbare Zusatzinformation (Metadaten) enthalten, die über ihre Bedeutung aufklärt. Berufsbezeichnungen und Familiennamen könnten nicht mehr verwechselt werden. "Das Semantische Web wird kein separates Web sein", erklärt Berners-Lee in einem Artikel des Scientific American, "es wird eine Erweiterung des bestehenden sein, in dem Informationen einen klar bestimmten Sinn haben. Es wird Menschen und Computern ermöglichen, viel besser zu kooperieren."

So einleuchtend die Idee des selbsterklärenden Netzes klingt, so weit ist ihre Umsetzung entfernt. Designer und Programmierer müssten sich von lieb gewonnenen Anwendungen und Angewohnheiten verabschieden. Weitgehend auf der Strecke bleiben dürfte etwa die wegen ihrer Einfachheit beliebte Web-Sprache HTML, die es auch Laien ermöglicht, schnell eigene Seiten ins Netz zu stellen. Neuere Webtechniken wie Cascading Stylesheets erlauben es bereits, Designelemente wie Schriftfarben, -typen und -größen von den eigentlichen Inhalten zu trennen. Dies wäre eine der Grundbedingungen für die Entstehung eines semantischen Webs. Aber selbst diese simple Weiterentwicklung setzt sich nur langsam durch. Auch das Berufsbild des Webdesigners müsste sich wandeln. Reine "Mausmaler" könnten Probleme bekommen, denn Programmieren würde vom Gestalten nicht mehr eindeutig zu trennen sein.

Nicht zuletzt bedeutet das Einpflegen von Metadaten Mehrarbeit - und somit Kosten. Daher leidet Berners-Lees Vision am Henne-Ei-Problem: So lange ein zeitnaher Nutzen nicht abzusehen ist, werden viele Firmen den Mehraufwand scheuen, den das Einfügen von Zusatzinformationen in ihre Webseiten bereitet. Ohne diese Metadaten macht jedoch die Entwicklung darauf basierender, nützlicher Anwendungen keinen Sinn, daher kommt auch diese nur zögerlich voran.

Berners-Lee gab sich kürzlich dennoch überzeugt: "Schon in wenigen Jahren wird es für Unternehmen eine Pflicht sein, ihre Produkte im Semantic Web anzubieten. So, wie es heute schon im Web ist." Im Februar veröffentlichte das W3C zwei genauere Spezifikationen für das Semantic Web. Eine Verpflichtung, sie baldmöglichst einzusetzen, gibt es aber nicht. Frau Mustermann wird ihre London-Reisen noch eine Weile von Hand buchen müssen.



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