
Die Interessen reichen von Musik über Einstein bis Sushi: In der Web-Community Myspace suchen Millionen nach Gleichgesinnten
von Mario Sixtus
Angela hat ein eigentümliches Hobby. Die 21-jährige Schülerin singt und tanzt in ihrem Auto, sobald sie an einer Ampel warten muss. "Ich liebe es, mich kindisch zu verhalten und kümmere mich nicht darum, was andere denken", sagt sie. Und Angela mir ihrer Vorliebe für den automobilen Sitztanz nicht allein: Immerhin 8292 Mitglieder hat ihr Club, der den einprägsamen Namen trägt "I sing and dance in my car".
Herzlich willkommen in der wundersamen Welt von Myspace.
In der weltgrößten Internet-Gemeinschaft ist wahrscheinlich keine Freizeitbeschäftigung zu absurd und keine Marotte zu kauzig, um nicht doch von ein paar Gleichgesinnten geteilt zu werden. Mehr als zwölftausend Mitglieder tauschen sich hier regelmäßig über theoretische Physik aus, rund fünftausend Literaturfreunde diskutieren Shakespeares Werke, während sich direkt nebenan etwa neuntausend Fans der japanischen Küche gegenseitig den Mund wässrig schreiben. Übersichtlicher geht es hingegen in der Gruppe "Alchemie und Ninjas" zu. Hier ist man bislang nur zu zweit.
Als Medienmogul Rupert Murdoch vor einem knappen Jahr die 2003 gegründete Community Myspace für satte 580 Millionen Dollar übernahm, zweifelten nicht wenige Branchenkenner an seinem Geisteszustand. Diese Skeptiker sind mittlerweile auffallend leise geworden, denn Myspace ist längst zu einem Phänomen mutiert, für dessen Beschreibung man einen Sack voller Superlative benötigt. Knapp 80 Millionen Menschen haben sich bisher bei Myspace angemeldet. Das ist mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Die Ranking-Website Alexa listet Myspace auf Platz sechs der meistbesuchten Internet-Angebote. Myspace ist verantwortlich für zehn Prozent aller werberelevanten Seitenaufrufe im Netz. Zum Vergleich: Etwa drei Monate dauert es, bis Spiegel-Online sich über eine Milliarde Seitenimpressionen freuen kann. Myspace schafft das in 24 Stunden.
Die Ursache für diesen beispiellosen Erfolg bleibt weitgehend unklar, denn die Bausteine des Dienstes sind alles andere als neu. Die überwiegend jugendlichen Nutzer können sich mit wenigen Klicks eine Web-Visitenkarte anlegen, die Auskunft gibt über Beruf, Hobby, Alter und andere wichtige oder unwichtige Eigenschaften. Gästebücher, Foren und Interessengruppen sorgen für Gesprächsräume, das eigene Weblog nimmt geduldig bedeutende wie belanglose Bemerkungen auf und natürlich gibt es Platz für fotografische Selbstbildnisse. Besonders wichtig: Eine Buddy-List verweist auf Seiten befreundeter Mitglieder. Alles ist so oder ähnlich schon mal da gewesen. Oder auch nicht. Myspace unterscheidet sich nämlich in einigen wichtigen Kleinigkeiten von der Community-Konkurrenz. Zum einen stehen die Mitgliederseiten für jeden offen im Netz und werden somit auch von Suchmaschinen wie Google entdeckt. Andere Betreiber so genannter virtueller sozialer Netzwerke sperren Zufallsbesucher hingegen aus und gefallen sich eher in der Rolle des exklusiven Members-only-Clubs. Außerdem genießen Myspace-Nutzer eine vergleichsweise große Freiheit, was die Gestaltung ihrer eigenen Seiten angeht. Das führt allerdings oft genug zur Rückkehr längst tot geglaubter Design-Sünden: Auf vielen Member-Pages zappeln die Grafiken und schreien die Farben wie auf den gefürchteten privaten Homepages Mitte der 90-er Jahre.
Ausschlaggebend für das einmalige Gedeihen der Gemeinschaft dürfte auch die Nähe von Myspace zur Musikszene sein. Mitgründer Tom Anderson nutzte früh seine Kontakte zu Bands und Künstlern und überzeugte sie von der Idee, über Myspace direkt mit potenziellen Fans in Kontakt zu treten. Das Experiment wurde ein Erfolg. Die Musiker boten ein paar Demos oder fertige Songs gratis an und profitierten schnell von der wachsenden Aufmerksamkeit der Gemeinde. Auf der anderen Seite konnten die Nutzer sich als Talent-Scouts fühlen und sich an nagelneuen Popsongs erfreuen. Mit den Arctic Monkeys hat es jüngst die erste Rockkapelle aus den Myspace-Seiten direkt in die britischen Charts geschafft. Auch gestandene Show-Größen wie Coldplay oder Madonna haben inzwischen die Notwendigkeit erkannt, in dem virtuellen Popclub Präsenz zu zeigen. Fachleute halten Myspace gar für das "MTV der nächsten Generation".
Ins Rollen gebracht hat die Welle der virtuellen sozialen Netzwerke der Serien-Unternehmensgründer Jonathan Abrams als er 2002 mit seiner Plattform Friendster online ging. Es folgten etliche Nachahmer, darunter Google mit seinem Dienst Orkut, sowie die Business-orienterten Services LinkedIn und OpenBC. All diese Geschäfts-, Freundschafts- oder Dating-Communities berufen sich auf das "Kleine-Welt-Phänomen", das der Psychologe Stanley Milgram bereits 1967 formuliert hatte. Diese – in Fachkreisen nicht unumstrittene – These besagt: Jeder kennt jeden, über maximal sechs Ecken. Zeichnete man also eine Karte, auf der Freunde, Kollegen, Verwandte und Bekannte durch Linien miteinander verbunden sind, so wären höchstens fünf Mittelsmänner nötig, bis sich ein Robbenjäger aus Grönland und ein pakistanischer Ziegelbrenner kennen lernten.
Verglichen mit seinen Netzwerk-Vorläufern, in denen sich die Mitglieder einem oft komplizierten Regelwerk unterwerfen müssen, herrscht bei Myspace pure Anarchie. Jeder kann mit jedem in Kontakt treten, man plappert auf gleicher Augenhöhe. Diese Freiheit scheint vielen zu gefallen, sie birgt aber auch Gefahren, denn niemand kann sich darauf verlassen, dass ein neuer Kontakt der ist, der er vorgibt zu sein. Empfehlungsbasierte Netze wie beispielsweise das äußerst restriktive LinkdIn verhindern weitgehend das Operieren unter falscher Identität. Bei Myspace fehlen solche Kontrollmechanismen völlig. So wundert es nicht, dass die Community immer wieder in den Ruf gerät, ein Jagdrevier für Pädophile zu sein. Viele amerikanische Schulen und Universitäten haben die Site mittlerweile gesperrt. Medienberichte über sexuelle Belästigungen veranlassten Murdochs News Corp. im April, 200.000 Profile zu löschen. Entfernt worden seien Seiten mit "gehässigem Inhalt" sowie "schlüpfrige" Selbstdarstellungen junger Mädchen und Frauen, hieß es. Künftig sollen hauptberufliche Ordnungshüter Anstößiges und Verdächtiges aus Myspace verbannen.
Mit solcherlei Eingriffen bewegen sich die Betreiber auf dünnem Eis: Übertreiben sie das Großreinemachen und wandeln den anarchischen Ort in ein antiseptisches Disneyland, stoßen sie ihre User vor den Kopf und nehmen ihnen den Spaß. Gerät die Community hingegen weiter in Verruf, springen Werbepartner und Sponsoren ab. Ob News Corp. diesen Balanceakt bewältigt, muss sich noch zeigen.
Besonders misstrauisch beäugen derzeit Vertreter der Medien- und Marketingbranche das verwobene Gewusel in den virtuellen Freundeskreisen. Seit über 100 Jahren leben diese Industrien davon, Aufmerksamkeit zu generieren und zu vermarkten. Bei Veranstaltungen à la "Deutschland sucht den Superstar" klappt das bislang vorzüglich, doch wie lange noch? In einer Welt, in der nicht mehr eine Hand voll großer Kanäle den Massengeschmack bestimmt, sondern in der die Bewohner selbst Millionen winziger Aufmerksamkeitsrinnsale kreieren – die sich gerne spontan zu einem Strom vereinen, funktionieren die alten Regeln nicht mehr. Wenn jeder des anderen Talent-Scout und DJ ist, verlieren die professionellen Trendsetter zwangsläufig an Bedeutung. Dass sich mit Rupert Murdoch ausgerechnet ein Vertreter der alten Medienwelt den Myspace-Ameisenhaufen einverleibt hat, zeigt die Verunsicherung in der Branche. Ob er sich damit ein Stück Zukunft gekauft hat, bleibt fraglich. Medienberater Jeff Jarvis warnt jedenfalls: "Man kann eine Community nicht besitzen. Die Community gehört der Community."
