
Warum aosgerechnet Verlage und Medienhäuser glauben, sich ins Community-Geschäft stürzen zu müssen, entzieht sich dem gesunden Menschenverstand.
Stellen Sie sich bitte kurz mal vor, die "FAZ" kündigt an, eine Biergarten-Kette zu eröffnen, der "Spiegel" verhandelt derweil mit etlichen Gemeinden über den Ankauf von Jugendzentren, während die "Süddeutsche" eine Dorfdisko nach der anderen übernimmt. Auf ihre Strategien angesprochen, antworten die jeweiligen Verlagsmanager übereinstimmend, an diesen Orten fände schließlich die Zukunft der Medien statt, das wisse doch jeder.
Absurd? Nur bedingt. Ersetzt man die genannten Orte durch virtuelle Treffpunkte, kommt man der Wahrheit erstaunlich nahe. Denn nichts scheint Medienmacher derzeit mehr zu elektrisieren, als der Begriff "Community". Die Welle ins Rollen brachte zweifellos Medienmogul Rupert Murdoch, als er im Jahre 2005 für 580 Millionen Dollar das überwiegend von Teenagern besiedelte Netzwerk "MySpace" übernahm. Hierzulande legte im Januar der Hotzbrinck-Konzern wenigstens 50 Millionen Euro für den Studentenclub "StudiVZ" auf den Tisch, eine schamlose Kopie der US-Community "Facebook" und obendrein mit einem Ruf in der deutschen Internet-Szene behaftet, der permanent zwischen Pubertätspeinlichkeiten und technischer Totalkatastrophe oszilliert. Die klamme Bertelsmann-Gruppe muss bei solcherlei Übernahmepoker zwar passen, will aber
Trotzdem mitspielen und erteilte einem Berliner Start-Up kurzerhand den Auftrag, MySpace nachzubasteln. "Bloomstreet" heißt das neue Bertelsmann-Baby, das seine Erzeuger quietschebunt angemalt haben und das seine Besucher mit peinlich-pseudojugendlicher Jovialität nervt ("Also zeig mir Deins, ich zeig Dir Meins. Zeig’s einfach allen").
Warum ausgerechnet die Old-Media-Platzhirsche so scharf auf all die Gruschel-Buden sind, erschließt sich auch auf den zweiten Blick nicht, denn Synergieeffekte mit dem klassischen Mediengeschäft – ob offline oder online – tendieren gegen null. Und auch die Erlösmodelle der Web-Gemeinschaften stehen auf wackeligen Beinen. Das US-Marktforschungsunternehmen eMarketer untersuchte jüngst die Vorlieben der so genannten Digital Natives, der 17- bis 25-Jährigen, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Binnen eines Jahres rutschte die Beliebtheit der Community MySpace bei den männlichen Vertretern dieser Spezies vom ersten auf den sechsten Platz. Das anzeigenfinanzierte StudiVZ-Vorbild Facebook belegt nun zwar unangefochten den ersten Platz, kann diese Popularität allerdings kaum in bare Münze umwandeln. Wie das Technologie-Blog Valleywag erfahren haben will, belaufen sich die Klickraten der Online-Werbung innerhalb der Facebook-Mauern auf katastrophale 0,04 Prozent – das entspricht 400 Klicks bei einer Million Werbeeinblendungen. Schlimmer geht’s nimmer.
Oder doch? Der entscheidende Denkfehler, wenn es um virtuelle Gemeinschaften geht, ist zu glauben, ihr Wert ließe sich an der Zahl ihrer Mitglieder messen. Community-Teilnehmer sind nun mal keine Zeitungsabonnenten. Die kurze Geschichte des Webs ist voll mit Beispielen ehemals dicht besiedelter Orte, die inzwischen Geisterstädten gleichen. Geocities beispielsweise, eine Art Web-1.0-Vorläufer von MySpace: 3,57 Milliarden Dollar zahlte Yahoo auf dem Höhepunkt des Dot-Com-Hypes für die enorme Sammlung privater Homepages – nur um hilflos zusehen zu müssen, wie die Bewohner der Web-Stadt nach kleineren Änderungen der Nutzerbedingungen, nahezu kollektiv das Weite suchten. Aber so weit muss man eigentlich gar nicht zurückschauen: Noch 2003 galt "Friendster" als die Vorzeigeplattform sozialer Netze. Vier Jahre später dümpelt der einstige Shooting-Star irgendwo im Mittelfeld vor sich hin.
"Menschen sind wandernde Tiere, sie ziehen von Ort zu Ort", erklärt Web-Veteran Marc Canter das Phänomen der schlagartig verwaisenden Web-Zirkel. Canter prophezeit gar das Ende der zentralistischen Netzwerke: "Menschen schließen sich gerne in Gruppen zusammen, die zwischen 25 und 150 Mitglieder zählen." Die Tage der Millionen-Communities hält er für gezählt.
Warum ausgerechnet dieser unberechenbare und volatile Web-Sektor so anziehend auf Verlage und Medienhäuser wirkt, bleibt mehr als unklar. Schließlich würde die "FAZ" ja auch keine Biergärten eröffnen. Oder?

"Warum ausgerechnet dieser unberechenbare und volatile Web-Sektor so anziehend auf Verlage und Medienhäuser wirkt, bleibt mehr als unklar."
Heute noch unberechnbar und volatil, in 10 Jahren nicht mehr wegzudenken. Wer also heute kleinkariert meint, "das interessiere mich nicht", genauso wie die Reisebüros mal meinten das die Leute doch nie im Internet "Reisen buchen würden", ist in eben 10 Jahren ganz unten.
Was bringt das starre Festhalten an klassischen Medienstrukturen und Erlösquellen wenn eben genau diese sich langsam auflösen und bald nicht mehr zum überleben reichen? Soll Holtzbrinck untergehen, oder sich neuorientieren? Will man X-Millionen Studenten einfach so ablehnen?
Das Engagement in StudiVZ ist nicht nur unabdingbar, sondern langfristig auch ein cleverer Cou und absolut erfolgversprechend.