
Videos gehören auf die Festplatte der Nutzer und nicht in Streaming-Player auf Webseiten
Als die Bilder laufen lernten, liefen sie ihren Erzeugern davon. Sie spielten bei Youtube nachlaufen, bei Bittorrent verstecken, reisten im Usenet um die Welt und vervielfältigten sich pausenlos, wie Grippeviren in einer überfüllten U-Bahn. Ihre Eltern, die Fernsehmacher, schauten fassungslos auf das muntere Treiben ihrer einstigen Zöglinge und wussten nicht so recht, wie es weitergehen sollte.
Der erste, der aus seiner Schockstarre erwachte, war Robert Amlung, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Neue Medien. Das ZDF müsse seine "Inhalte dorthin bringen, wo der Nutzer ist", verkündete er flugs und meinte damit Videoportale a la Youtube und Co. Kurz zuvor hatten die Macher des Zweiten noch mit Mainzelmännchen-großen Augen zuschauen müssen, wie ein kleiner Filmausschnitt einer "Aspekte"-Sendung auf Youtube Hunderttausende junge Menschen begeisterte – eine Zuschauergruppe, an der das ZDF seit Jahrzehnten erfolgreich vorbeiproduziert.
Neben "User generated Content" (für mich gleichzeitig das Unwort das Jahres) war "Videos im Web" 2006 zweifellos das beherrschende Thema auf öffentlichen Medienkongressen und internen Strategiesitzungen. Meine Kristallkugel sagt: Viele der Video-Projekte, die im letzten Jahr am Reißbrett entworfen und dieses Jahr ins Web entlassen werden, haben nur eine begrenzte Erfolgschance. Der Grund: Den großen Medienhäusern sind das Netz und seine Bewohner immer noch fremd. Hier eine kleine Gebrauchsanleitung für erfolgreiche Bewegtbilder im Web:
Web-User sind Selbstfahrer. Sie sind es gewohnt, auf eigene Faust durch den Hyperlink-Dickicht des Webs zu navigieren und jene Abzweigung zu nehmen, die sie gerade für richtig halten. Diese Unabhängigkeit hat ganz nebenbei ihr Verhältnis zur Nutzung jeglicher Medien verändert. Sie wollen neben den Zeitpunkt auch den Ort ihres Konsums bestimmen. Im Zug gibt es kein Internet? Dann müssen die Videos halt vorher auf die Notebook-Platte oder auf den Ipod. Kurz: Netznutzer wollen besitzen, nicht nur mal eben kucken. Das betrifft natürlich nicht die dreiminütigen Funny-Shit-Filmchen auf Youtube oder die News-Schnipselchen aus dem Hause Reuters, die derzeit aller Orten auf die Nachrichtenseiten geklebt werden, als gebe es eine EU-Richtlinie, die das verlangt. Sämtliche Produktionen, die ein wenig mehr Zeit vom Rezipienten verlangen als eine Runde Boxen, fühlen sich prinzipiell auf der Festplatte des Users wohler, als in einem Browser-Fensterchen. Also Leute, streut nicht nur Filmchen über eure Seiten sondern auch die dazu passenden Download-Links – und möglichst gleich den podcastfähigen RSS-Feed dazu.
Dieser Gedanke mag vielen Oldschool-Medienmenschen wie pure Blasphemie erscheinen. Dem Nutzer Dateien in die Hand drücken? Unkontrolliert? Ohne Einfluss darauf zu haben, was er damit anstellt und wo? Als Schocktherapie gegen solcherlei Angstzustände empfehle ich stets einen Blick in die rechtlichen Grauzonen der Usenet-Newsgroup alt.binaries.tv.german oder in die einschlägigen Bittorrent-Netze. Dort liegen Guido Knopps Geschichtsstunden bereits friedlich neben "3Sat Neues" und "CT.TV", nur ein paar Klicks entfernt von "Monitor" und "Panorama". Der Blick auf diese Download-Listen macht uns auf einen Schlag gleich zweimal klüger. Erstens: Der Nutzer hat längst die Vertriebskontrolle übernommen – und zwar wahrscheinlich über jegliche Videoproduktion, die jemals veröffentlicht wurde. Zweitens: Es gibt im Netz ganz offensichtlich einen Bedarf an journalistischen Videos jenseits der dreiminütigen Web-Fragmente – nur eben nicht als festgeklebte Flash-Filmchen.
Filme wollen frei sein und wer sie einsperrt – ob auf seiner Website oder in einen DRM-Käfig – wird sowohl seine Produktionen, als auch sein Publikum weiterhin in die dunklen Ecken des Netzes treiben. Nichts spricht dagegen, journalistische Bewegtbilder mit Hilfe von Sponsorenkennungen oder –Einblendungen zu versilbern und dann über alle zur Verfügung stehenden Kanäle in die Freiheit zu entlassen. Nichts spricht dagegen, zufriedene Nutzer zu haben und eine Reichweite, von der die Konkurrenz träumt – höchstens Angst vor der Freiheit.

Aber andrerseits ..
Die geschützten Produktionen, die werden dann eben einfach gar nicht beachtet.
Die hier gegebenen Beispiele machen auch klar, dass sich der User sein Programm heute wirklich selbst zusammenstellen kann, Liveübertragungen von Nachrichtensendungen und mehr inclusive.
Schon Napster zeigte den wahren Publikumsgeschmack besser als jede Verkaufscharts, und heute sind diese Daten noch besser .. die Industrie sollte wirklich bald mal anfangen, sich zu reformieren. Solange sie noch da ist.