Weblogs in Davos

Davos im Januar. Der alljährliche Eskalationspunkt für die Globalisierten und die nicht weniger global vernetzten Globophoben. Meistens kracht es hier.

Von Mario Sixtus

Unvereinbare Vektoren. Ins Hirn gemeißelte Anschauungen, auf beiden Seiten häufig zu Parolen verstümmelt, finden (draußen) über Megafone und (drinnen) über Medienmikrofone ihre Wege zu den jeweiligen Rezipienten. Communication Breakdown. Die Verständigung zwischen Menschen und Außerirdischen kann sich kaum schwieriger gestalten. Immerhin: Dieses Jahr hielt die körperliche Gewalt sich in Grenzen. Aber nur unverbesserliche Träumer führen das auf die rigiden Bekleidungsvorschriften zurück, die Klaus Schwab, Präsident des Weltwirtschaftsforums, ausgegeben hatte: striktes Krawattenverbot.

Hey, Aufklärung!

Als einige deutsche Weblogs dieses Jahr über interessante Vorgänge innerhalb der Kongresshallen des Weltwirtschaftsforums berichteten, wurden sie direkt in das Polarisierungsritual mit einbezogen. Wie könne man nur über dieses Oligarchen-Treffen schreiben, wetterten Bafög-beziehende Stadtguerilleros. Alles nur Menschen verachtende Monopolisten und natürlich Kriegstreiber dort, konnte man in den Kommentaren lesen. Die Aufforderung dieser vernetzten Hominiden mit Beißreflex war klar: Über so ein Treffen berichtet man nicht, da schaut man noch nicht einmal hinein. Da hat man sich mit denen draußen solidarisieren und zu denen drinnen hat man eine Meinung zu haben. Und welche das zu sein hat, ist auch klar. Wie schön einfach ist das Leben doch, wenn man den Denkapparat auf halbe Impulskraft drosseln kann.

Doch, liebe Alt- und Neulinke: Da schaut man hinein. Ganz der Tradition der Aufklärung verpflichtet, sieht Debug sogar etwas genauer hin und kommt ihrer Chronistenpflicht betreffend elektronischer Lebensaspekte nach. Wer mag, darf mit uns hineinblicken, und wer will, darf sich außerdem eine Meinung bilden. Sogar eine eigene. Wer schon eine hat, darf natürlich auch gerne zu den Veranstaltungstipps weiterblättern.

Weblogs auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

In der Tat waren Blogs oft die einzige Möglichkeit, sich über die Panels in Davos zu informieren: Journalisten laufen dort mit einem braunen Badge herum, der sie von vielen Veranstaltungen ausschließt und ihnen zu zahlreichen Nervenknoten des Kongresses keinen Zutritt gewährt. So konnten die professionellen Berichterstatter meist nur neidisch zusehen, wie die offiziellen Teilnehmer, mit Notebooks unter den Armen, in hyperexklusiven Meetings verschwanden und dort nichts Besseres zu tun hatten, als – vom WLAN umweht – einen Blogeintrag nach dem anderen zu verfassen. Die International Herald Tribune kommentierte diesen Umstand säuerlich: "Dieses Mal waren die Barbaren nicht vor den Toren und protestierten, sie waren drinnen und schrieben Weblogs." Joi Ito, japanischer Venture-Kapitalist und über sein VC-Unternehmen Neoteny auch an der Blogging-Firma Six Apart (Movable Type, TypePad) beteiligt, konterte das Mosern der klassischen Medien: "Die Herald Tribune mag ein gutes Blog sein, allerdings dauert es sehr lange, bis dort die Einträge erscheinen."

Es tat sich also mal wieder ein Spannungsfeld zwischen denen da drinnen und denen da draußen auf - nur dieses Mal nicht zwischen Globalisierungsgegnern und Weltwirtschaftsbetreibern, sondern zwischen alten und neuen Journalisten. Und wer genau hinsah, konnte das Brennglas Davos nutzen, um festzustellen, wie tief verunsichert die Vertreter der klassischen Medien durch das größer werdende Blog-Phänomen tatsächlich sind. "Nach mehreren Tagen der Diskussion erkannte ich, wie schwer es war, Leuten aus der News- und Medienindustrie die Signifikanz der Weblogs klar zu machen", stöhnte Jay Rosen, Vorsitzender des Lehrstuhls für Journalismus an der New York University. "Die einzige Frage, die sie zu interessieren schien, war die, ob Weblogs dabei sind, das Territorium der News-Medien zu übernehmen. 'Sind Blogger eine Bedrohung für unser Geschäftsfeld und werden sie eines Tages Journalisten arbeitslos machen?'"

Ah, die professionell geschulten Trend-Schnüffelnasen haben zwar eine Witterung aufgenommen, können das Thema aber nicht fassen, weil Existenzangst ihren Rücken hoch kriecht und die Logikzentren lähmt. Rosen weiter: "Was viele von ihnen unter einer 'Diskussion' über Weblogs verstehen, ist, diese Fragen immer wieder zu stellen und sich selbst laufend mit 'nein' zu beantworten. Es kümmert sie überhaupt nicht, ob irgendjemand jemals behauptet hätte, sie könnten künftig überflüssig werden."

Wir besuchen ein Panel

Auf dem von Jay Rosen geleiteten Panel zum Thema Weblogs kann man den Beteiligten auf dem Podium zumindest nicht vorwerfen, nicht noch anständig Salz in die Wunden der Mainstream-Medien gestreut und kräftig verrührt zu haben. Zur Eröffnung erinnerte Rosen die Vertreter der schreibenden Zunft zunächst einmal an den evolutionären Ursprung der regelmäßigen Papierpublikationen: "Anfang des 18ten Jahrhunderts tauchten diese Broadsheets in Londoner Kaffeehäusern auf. Meistens hatten sie nur einen einzigen Autor, der auch noch Verleger in Personalunion war. In den Blättern wurden politische und wirtschaftliche Ereignisse kommentiert. Die Quellen dieser Schreiber waren größtenteils private Korrespondenzen." Rosen frühstückte danach in wenigen Sätzen die darauf folgenden dreihundert Jahre, die Entstehung von Massenmedien und Medienindustrien ab, bevor er zum Ausgangspunkt zurückkehrte und nahezu triumphierend aufzeigte, wie dieser sich binnen drei Saekuli transformiert hatte: "Der Unterschied ist, dass diese Privilegien, welche einmal einer kleinen, gebildeten Elite vorbehalten waren, nun, im 21ten Jahrhundert, Millionen Menschen zugänglich sind. Dies ist eine Revolution, wie man es auch dreht und wendet." Das Publikum staunte ungläubig – und schwieg.

Die Blogosphäre als Ideenaggregator

Joi Ito, der sich ebenfalls auf dem Podium befand und der sich angewöhnt hatte, sich während der Zeit in Davos schlicht als "Blogger" vorzustellen ("Jeder ist hier mindestens ein CEO oder hat einen sonstigen wichtigen Titel"), versuchte den Anwesenden näher zu bringen, wie die Gesamtheit der Blogs mit Ideen und Inspirationen umgeht, wie ein Mem, das seinen Ursprung in einem kleinen Weblog am Rande der Blogosphäre genommen hat, seinen Weg von Blog zu Blog findet, angereichert, diskutiert und geprüft wird, bis es schließlich bei den Power-Blogs landet, die von mehreren tausend Lesern täglich frequentiert werden, und wie es von da aus nur noch ein Hüpferchen bis in die Massenmedien ist. Die Blogosphäre als Ideenaggregator, als praktisches Testgebiet für Einfälle. So eindringlich wie logisch Ito diese Sichtweise auch versuchte zu präsentieren, seine Zuhörer schienen damit leicht überfordert zu sein. An dieser Irritation trug er allerdings auch eine gewisse Mitschuld: Als Einziger auf dem Podium hackte Ito permanent auf die Tastatur seines Powerbooks ein – selbst während er sprach. Ob er gleichzeitig bloggte und redete oder ob er zwischendurch einfach nur eine Email an Oma Ito schrieb, blieb sein Geheimnis.

Blogs - das Filesharing der Newsindustrie?

Rechts neben dem Japaner saß Loic Le Meur, ein französischer Serientäter in Sachen Unternehmensgründung und Inhaber des Weblog-Services U-Blog.net. Le Meur, der auf diese charmante Art die englische Sprache vergewaltigt, wie es nur Franzosen können, glänzte vor allem durch blumige Metaphern, wie man sie sich für jeden Kalender-Blog wünscht: "Bloggen verleiht meinem Hirn mehr Bandbreite", oder "Wenn ich blogge, downloade ich meine Gedanken, so wie ich meinen Palm synchronisiere." Und: "Bloggen ist 'Open Sourcing myself'."

Schön. Aber auch schön spitz: Die anwesenden Medienvertreter zuckten einmal mehr zusammen, als er schließlich seinen P2P-Vergleich auspackte. Le Meur verhielt sich dabei dramaturgisch äußerst geschickt. Erst eine Finte als Ablenkung: "Euer Publikum entwickelt sich zu Produzenten, alles muss neu überdacht werden." Dann zustoßen: "Blogs haben das Potenzial, für die Newsindustrie zu dem zu werden, was Napster und andere Filesharing-Dienste für die Musikindustrie sind." Strike. Jetzt die Klinge noch ein wenig rumdrehen: "Es könnte sogar noch schlimmer kommen: Napster hat nur das Tauschen von Dateien ermöglicht. Weblogs erlauben auch das Produzieren." Raus mit der Klinge und die Wunde sofort verbinden: "Niemand sagt, dass die Printmedien verschwinden werden, natürlich nicht, aber wir denken, dass die Auswirkungen auf die traditionelle Presse sehr groß sein werden." So und nicht anders hält man sein Publikum bei der Stange: durch Gedanken, die ihnen weh tun. Und oberste Pflicht dabei: lächeln.

Nach Le Meur wurde dann das Mikrofon von Orville Shell aktiviert, dem Dekan der Berkeley Graduate School of Journalism. Shell gilt als Experte für China und er wirkte in dieser Runde seltsam deplaziert. Außer ein paar wirren Gedanken über eine "fragmentierte Medienlandschaft" hatte er auch nicht viel zu sagen. Chance vertan. Setzen. Der nächste bitte.

Es spricht: Hubert Burda

Schließlich ging das Wort an den Mann rechts außen auf dem Podium, der bisher sämtliche Ausführungen interessiert verfolgt und sich gelegentlich Notizen dazu angefertigt hatte. An Hubert Burda. Wer nun glaubt, der Chef des Hauses, das uns neben "Focus" und "Bunte" noch weitere Qualitätserzeugnisse wie beispielsweise "Super-Illu", "Lisa", "Frau im Trend" und "Mein schöner Garten" beschert hat, würde ob der bisher geäußerten, provokativen Mediensicht ins Schwimmen geraten, der hatte sich geirrt. Burda parlierte, zwar in holprigem Englisch, aber äußerst sachkenntnisreich, über das Internet als Publikationsplattform, sprach über die Schwierigkeiten, Printtitel ins Web zu transferieren, und zeigte sich auch beim Thema Weblogs äußerst informiert: "Wer viel Arbeit in sein Blog steckt, für den stellt sich früher oder später auch die Frage nach der Finanzierung." Aber selbst dabei ist Burda optimistisch: "Es ist wie Kunst. Man kann Kunst auch nicht vorhersagen. Aber wenn es ein Publikum gibt, wird es auch ein Geschäftsmodell geben. Da bin ich sicher."

Einige Medienvertreter mussten da wohl Verrat aus dem eigenen Lager vermutet haben, denn als Rosen zum Abschluss noch einen drauflegte ("Das Zeitalter der Massenmedien ist genau das: ein Zeitalter, es muss nicht ewig andauern"), standen eine Hand voll von ihnen auf und verließen den Raum, was wie eine abgesprochene Protestaktion wirkte. Der ebenfalls anwesende anonyme Blogger, der unter dem Pseudonym "Billmon" schreibt, kommentierte das so: "Sie erinnerten mich an die Vertreter eine Pferdekutschenmanufaktur aus dem Jahre 1910, die gerade der Präsentation eines Automobils beigewohnt hatten."

Das Weblog als Filter

Einige standhafte Vertreter der etablierten Medien versuchten bei der anschließenden Diskussion erneut ihre eigene Wichtigkeit zu belegen: "Unabhängig davon, wie viele kleine Produzenten es auch geben mag, es wird immer die Notwendigkeit eines Filters geben. Es wird immer die Notwendigkeit einer Organisation, einer Institution geben, der man vertraut. Vielleicht jetzt mehr denn je." Aber so plump kann man Jay Rosen nicht kommen: "Die Qualität eines redaktionellen Filters wird zunehmend auch von der Interaktion abhängen, zwischen denen, die filtern und denen, für die diese Arbeit getan wird. Aber was ist ein interaktiver Filter? Nun, die Antwort lautet: Ein gutes Weblog kann genau das sein." Das saß.

"Billmon" hackte derweil in sein Weblog: "Massenmedien, die mehr Zeit auf Michael Jacksons Strafprozess als für die Irak-Krieg-Berichterstattung aufwenden, sind nicht in der Position, irgendjemand über irgendwelche Standards zu belehren. Die Wahrheit ist, dass Blogs besser und besser und dass Massenmedien zunehmend schlechter werden. Falls die Glaubwürdigkeitslinien sich noch nicht überschnitten haben, werden sie es bald tun."
Den Brüller des Abends steuerte aber sicherlich eine "Advertising-Maus" (Billmon) aus New York bei, die ganz blauäugig fragte, warum man denn nicht einfach ein paar dieser Blogs kaufen würde, jetzt, wo sie noch billig seien. Herr, lass Hirn regnen.

Der entscheidende Anstoß von Rosen ging dadurch leider etwas unter: "Statt zu fragen, ob Blogs eine Bedrohung für die Medienwirtschaft darstellen, sollte man eher fragen: 'Was können sie besser?'"

Revolution von Innen

Eines ist klar: Mit den Weblogs aus Davos hat man sowas wie eine Revolution von innen. Genau das wollen die Weblog-verachtenden Globalisierungsgegner, die glauben, die Revolution für sich gepachtet zu haben, nicht wahrhaben. Ein mit Mythos aufgeladenes Weltwirtschafts-Drinnen ist eben auch nicht mehr das, was es ist, wenn man per Blog hineinguckt. Die Berichterstattung von diesem Panel in Davos konnte auf jeden Fall in dieser Form wirklich nur in Weblogs stattfinden. Le Meur postete Videos der Diskussionsbeiträge in seinem Blog, so dass auch jeder Normalsterbliche sich ein eigenes Bild machen konnte, fast alle Beitragenden beschrieben ihre subjektiven Eindrücke und erwähnten, was aus Zeitmangel leider nicht mehr gesagt werden konnte, und in den Kommentarfeldern fand ein reger Austausch zwischen Teilnehmern, Zuschauern und Interessierten aus aller Welt statt. Und so wird die Eskalation vielleicht auch deshalb immer geringer, weil man nicht zuletzt durch Blogs daran teilhaben kann, dass die da oben auch nicht weniger ratlos sind als die da unten.



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