
Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.
Wenn sich Journalisten mit Weblogs auseinandersetzen, landen sie schnell in der Metaphernfalle. Sie vergleichen dann Erbsen mit Murmeln. Da werden Blogs wahlweise als Tagebücher Pubertierender verlacht oder aber mit professionellen Web-Publikationen verglichen – nur um einen Satz später zu erklären, dass die persönlichen
Journale dieser Gegenüberstellung natürlich nicht standhalten. „Viele etablierte Journalisten verstehen unter einer ‚Diskussion‘ über Weblogs nur, permanent die Frage zu stellen, ob Blogs eine Bedrohung für den Journalismus sind, und sich diese dann selbst permanent mit ‚Nein‘ zu beantworten“, sagt Jay Rosen, Vorsitzender des Fachbereichs für Journalismus an der Universität von New York und selbst leidenschaftlicher Blogger. Doch den neuen Jedermann- Medien kann man sich nicht mit Bildern aus dem letzten Jahrhundert nähern. Mikromedien wie Weblogs, Podcasts und Wikis, die langsam über die allgemeine Wahrnehmungsschwelle schwappen, sind vielmehr die sichtbaren Vorboten einer grundlegenden Umwälzung, die gerade auf die Medienwelt zurollt.

Foto: Heiko Hebig
Futuristischer Cocktail
Bereits heute kann sich jeder Internet-Nutzer einen individuellen Cocktail aus Nachrichten und Blogs auf dem Bildschirm mixen. Auf dem Weg zur Arbeit und beim Joggen lauscht der Bewohner des einundzwanzigsten Jahrhunderts abonnierten Audiobeiträgen, welche via Podcasting selbsttätig in seinen MP3-Player geflossen sind. Neues Lesefutter liefern von tausenden Nutzern gepflegte Web-Linksammlungen – und die persönlichen Erkenntnisse des Tages landen schließlich im eigenen Weblog, von wo aus sie wiederum Weg in den Nachrichteneintopf anderer Menschen finden.
Noch ist es lediglich eine Minderheit, deren tägliche Informationsgewohnheiten heute so aussehen. Aber auch E-Mail war vor noch gar nicht langer Zeit ein Kommunikationsmittel ausschließlich für Freaks und Wissenschaftler. Die Info-Pioniere machen derzeit ein Gelände urbar, das bislang auf keiner kommunikationswissenschaftlichen Landkarte zu finden war: die Grauzone zwischen persönlicher Kommunikation und öffentlicher Publikation. Vor allem die Unwissenheit über die dort herrschenden Gesetzmäßigkeiten lässt die Journalisten immer wieder in die besagte Metaphernfalle tappen. „Sicher ist es berechtigt und wichtig, über das Verhältnis von Weblogs und Journalismus oder Organisationskommunikation nachzudenken, sei man nun Blogger, professioneller Medienmacher oder Wissenschaftler“, sagt Jan-Hinrik Schmidt, stellvertretender Leiter der Forschungstelle Neue Kommunikationsmedien an der Uni Bamberg. „Aber nur darüber zu reden, verkennt das wahre Wesen von Weblogs: Sie sind Werkzeuge zum Networking, sie fördern Praktiken des Vernetzens – da ist das ‚Publizieren‘, also das Veröffentlichen für eine disperses und diffuses Publikum, nur eine Praxis unter vielen.“
Abwehrschlachten
Im Web bedarf es keiner Superkräfte, eine Debatte zu eröffnen, ein Thema zur Diskussion zu stellen oder schlicht seine Meinung zu verbreiten, sei es für fünf oder für 50.000 Leser. Kein Wunder eigentlich, dass die Superhelden von gestern zickig werden. So warnte die „FAZ“ vor „Lauffeuerklatsch“, vor einer „flottierenden Gerüchteküche“; die „Süddeutsche“ strickte derweil mit Hilfe einer selbst ernannten Fachfrau für „Online-Abhängigkeit“ an der Theorie vom Blogger als einsamem Internet-Süchtigen und entdeckte einen „Ozean der Banalitäten“ – nur um ein paar Monate später, als der Hurrikan Rita auf Houston zustrebte, fleißig Dutzende von Weblogeinträgen abzuschreiben. Offensichtlich waren die Augenzeugenberichte dann doch nicht ganz so banal, die Blogger nicht ganz so vereinsamt – und sie ersparten der Zeitung ganz nebenbei einen eigenen Korrespondenten vor Ort. Ähnlich verfuhren die Nachrichtenagenturen nach dem Bombenanschlag in der Londoner U-Bahn: Sie besorgten sich flugs ebenso unscharfe wie verrauschte Handy-Fotos aus Blogs und von der Foto-Sharing-Community Flickr – und schon kurz darauf illustrierten diese weltweit die Fernsehnachrichten.
Vorsprung im Netz
Nicht erst seit Augenzeugen von Katastrophen ihre Berichte in die Welt hinaus bloggen, ist klar: Das neuartige und rasant wachsende Nervengeflecht der Mikromedien steckt voller Informationen und Inspirationen. Eigentlich ein Paradies für Journalisten. Und nicht nur das: „Die vielfach vernetzte Community von Internet-Akteuren verschafft dem Journalismus einen völlig neuen, in dieser Form noch nie gekannten Resonanzraum“, sagt Professor Dr. Lorenz Lorenz-Meyer von der Fachhochschule Darmstadt. Dieses Zusammenspiel entdeckte bereits anno 2002 der US-amerikanische Internet-Berater John Hiler und sprach von einem „Emergenten Medien-Ökosystem“, einer Biosphäre innerhalb des Webs, in der Profis und Amateure sich gegenseitig mit Informationen, Themen und Aufmerksamkeitswellen versorgen.
Als die Medienhäuser vor zehn Jahren recht überstürzt ins Web aufbrachen, um dort möglichst schnell ihre Claims abzustecken, hatten sie solcherlei informelle Kooperationen freilich nicht auf dem Zettel. Vielmehr begriffen sie das Netz als ein weiteres Massenmedium, als einen reinen Transportkanal, um Inhalte zum Konsumenten zu schaufeln. Doch das Internet tickt anders. Und in vielen Bereichen können professionelle Webangebote noch einiges von der Blogosphäre lernen, denn Blogs sind das erste Format, das seinen Ursprung im Web hat. Die Linkfreudigkeit der Autoren, die Vernetztheit, die gegenseitigen Benachrichtigungssysteme, die Syndizierbarkeit, und allen voran die Kommentarmöglichkeiten zeigen die Richtung auf, in welche die Webpublizistik marschiert.
Eine immer wieder gerne erzählte Weisheit in der Blogosphäre lautet: „Es geht nicht um Vorträge, es geht um Gespräche.“ Der Journalist und Autor Dan Gillmor drückt es in seinem Buch „We the Media“ noch radikaler aus: „Deine Leser wissen immer mehr als du.“
Glossar: Die Welt der Mikromedien
Weblog (Blog): Kunstwort aus Web und Log(buch). Ein Online-Journal, das meist von einer einzigen Person mit Inhalt gefüttert wird. Um ein Weblog zu betreiben, bedarf es keiner besonderen technischen Fähigkeiten. Eine wichtige Rolle nimmt die Kommentarfunktion ein. Sie erlaubt es Lesern, eine Stellungnahme zu einem Eintrag zu hinterlassen. Oft entstehen so leidenschaftlich geführte Debatten.
Blogger: Weblog-Autor
Blogosphäre: Die Gesamtheit aller Weblogs. Blogs sind per Hyperlink stark miteinander vernetzt; die Blogosphäre kann somit auch als Informations- und Gesprächsraum der Blogger begriffen werden. Weltweit soll es 60 Millionen aktive Weblogs geben. In Europa breitet sich die Blogosphäre in unterschiedlichem Tempo aus. In Frankreich existieren bereits mehrere Millionen Blogs; nach einer Regierungsstudie führt schon jedes zweite französische Schulkind ein eigenes Weblog. In Deutschland ist Bloggen noch ein Randphänomen: Gerade einmal 60000 deutsche Online-Journale zählt die Website Blogstats.de.
Podcast: Asynchroner, abonnierbarer Audiobeitrag im MP3-Format, der automatisiert auf einen transportablen Player übertragen wird.
RSS: Steht je nach Lesart für „Rich Site Summary“ oder für „Really Simple Syndikation.“ Erlaubt u. a. das browserlose Lesen von individuell zusammengestellten Nachrichten- und Blog-Feeds in speziellen Programmen, so genannten
Feedreadern.
Social Bookmarking: Seiten wie Del.icio.us oder Furl dienen als öffentlicher Container für Lesezeichen. Nach dem von Amazon bekannten Wer-dieses-liest-liest-auchjenes-Prinzip schlagen die Systeme je nach Interessengebiet neue Artikel vor.
Wikis: Websites, auf denen jeder Besucher den Inhalt ändern, ergänzen oder auch löschen kann. Ein besonders populäres Wiki-Exemplar ist die freie Enzyklopädie Wikipedia.

aus dieser Lektion über
"Neue Wege" im Web.