
Ganoven ködern ihre Opfer mit dubiosen E-Mails. Jetzt schlagen Surfer zurück und führen die Kriminellen an der Nase herum
Von Mario Sixtus
Horst Henker scheint ein unverbesserlicher Romantiker zu sein. „Ich wünschte, ich könnte nach Lagos kommen und dich, versteckt in einem Teppich, aus dem Land schmuggeln, wie einst Königin Kleopatra geschmuggelt wurde“, schreibt der angeblich pensionierte US-General seiner Maryam, einer vorgeblich wohlhabenden Witwe aus der nigerianischen Metropole. Die scheint das Angebot verlockend zu finden und antwortet: „Ich freue mich sehr auf deine Teppichbehandlung.“
Die schwärmerische E-Mail-Korrespondenz läuft bereits seit einigen Wochen, und neben zärtlichen Worten geht es immer wieder um viel Geld. 14 Millionen Dollar hat Maryam Horst dafür versprochen, dass er eine Truhe voll Bargeld bei einem Sicherheitsunternehmen abholt. Bisweilen liest sich der elektronische Briefwechsel allerdings ein wenig bizarr. So schreibt Horst seiner Angebeteten: „Schön wäre, du würdest mit mir durch Amsterdam spazieren. Dort könntest du im Rotlichtviertel in einem Schaufenster sitzen und dir die Passanten anschauen.“
Ein Happy End wird diese sonderbare Fernbeziehung nicht haben. In einigen Monaten, nach etlichen verabredeten, aber stets unter seltsamen Umständen geplatzten Treffen, wird Maryam den Kontakt frustriert abbrechen. Dem vermeintlichen General, der sich Horst Hannibal Henker nennt und als Gründer der Henker-Mahlzeit-Stiftung ausgibt, wird dieser Umstand nicht sonderlich zu Herzen gehen, denn er weiß genau: Die Empfängerin seiner Mails ist eine Betrügerin.
Seit Jahren tricksen Ganoven der so genannten Nigeria-Connection arglose Surfer aus. In massenweise verschickten E-Mails erzählen sie von Erbschaften, illegalen Gewinnen oder Schwarzgeldkonten im Ausland. An die hohen Millionenbeträge kommt der Absender ohne fremde Unterstützung angeblich nicht heran. Die Betrüger geben sich gern als Regierungsmitarbeiter aus oder als Mitglieder gestürzter Herrschaftshäuser. Für die Unterstützung werden potenziellen Helfern horrende Summen versprochen. Springt ein Opfer darauf an, beginnt ein Ausplündern auf Raten: Notargebühren sind zu zahlen, Beamte zu schmieren, Transaktionskosten werden fällig, oder Reisemittel müssen vorgestreckt werden. Die versprochenen Millionen fließen nie.
Gegen diese Abzocke leichtgläubiger Surfer ziehen mittlerweile so genannte Scambaiter (Betrugsköderer) mit Einfallsreichtum und falschen Identitäten zu Felde. So lebt Scambaiter Matthias Trenck*, der sich als General Horst Henker ausgibt, nicht in den USA, sondern in einem kleinen Ort in der Nähe von Berlin und verdient seinen Lebensunterhalt mit IT-Dienstleistungen. In seiner Freizeit pflegt der 35-Jährige lange E-Mail-Wechsel mit den Ganoven und fabuliert munter drauflos. Mal schlüpft Trenck in die Rolle des italienischen Bestattungsunternehmers „Giorgio Betonshu“, mal nennt er sich „Nina van der Schlampen“. Seine Glaubwürdigkeit untermauert er mit digitalen Kopien von phantasievoll entworfenen Ausweisdokumenten. Das fiktive Leben eines Scambaiters gleicht einer unendlichen Seifenoper: Immer wenn die Geldübergabe kurz bevorsteht, durchkreuzt eine plötzliche Krankheit die Pläne, Angehörige sterben, Flugzeuge werden entführt, oder Wohnhäuser brennen ab.
Zum Scambaiting fand Trenck per Zufall. „Ende 2002 erhielt ich die erste Nigeria-Mail“, erinnert er sich. „Ich antwortete irgendeinen Blödsinn und war überrascht, wie leicht sich die Kerle leimen lassen.“ Seine bisweilen mit derbem Humor gewürzte Korrespondenz veröffentlicht er unter seinem Decknamen „Fidul“ bei Antispam.de.
So trickreich Nepper ihre Opfer auch übervorteilen, sie selbst sind offenbar nicht immun gegen ihre eigene Masche. Bereitwillig lassen sich manche zu den absurdesten Handlungen hinreißen. Mike Wood*, Computer-Ingenieur aus Manchester, verleitet die Betrüger gern zu Fotos, auf denen sie sich in lächerlichen Posen präsentieren. Sein Lieblingsbild zeigt einen Mann, der sich Samuel Eze nennt und sichtlich bemüht ist, den Anschein eines seriösen Geschäftsmanns zu wahren, während er eine Packung Toastbrot auf seinem Kopf balanciert. Wood hatte ihn als „Father Vincent Price“ von der „Church of Bread and Wine“ (Brot-und-Wein-Kirche) um dieses „Zeichen des Vertrauens und des guten Willens“ gebeten. Unter den Trophäen auf Woods Website 419eater.com finden sich Dutzende digitale Schnappschüsse derart grotesk dekorierter Hochstapler.
Woods neuester Ehrgeiz ist es, den Scharlatanen Bargeld abzuluchsen: „Meine bisher größte Beute ist ein 50-Dollar-Schein.“ Statt der erhofften Verabredung zu einem persönlichen Treffen erhielt der Betrüger nur eine Fotoserie per E-Mail, die zeigt, wie Wood die Banknote genüsslich mit einer Papierschere bearbeitet. Derlei freiwillige Enttarnung hält Scambaiter Trenck allerdings für falsch, denn „wir wollen doch Zeit und Ressourcen der Betrüger möglichst lange binden“.
Mit technischer Finesse verfolgt Scambaiterin Sandra Schuster*, 30-jährige Studentin aus Österreich, dieses Ziel. Sie lässt ein Programm auf die Betrugsmails antworten. Wer an die Adresse von „Miss Penny Less“ schreibt, erhält von der virtuellen älteren Dame belanglose Sätze als Antwort. Ihr so genannter Autobaiter „beantwortet derzeit etwa 200 Mails am Tag“, sagt sie. „Die meisten merken nie, dass sie sich mit einem Programm unterhalten. Sie geben irgendwann frustriert auf.“ Manchmal toben die Halunken jedoch und „schicken handfeste Todesdrohungen“, erzählt Schuster. Aber selbst Verwünschungen lässt ihre Software stoisch ins Leere laufen: „Ich bin so aufgeregt. Mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut wie früher. Sie müssen mir genau erklären, was ich tun soll.“
*Name von der Redaktion geändert
