Traktor am Handgelenk

Die Raketa ist als Armbanduhr unvergleichlich: Groß, schwer, laut und dank des 24-Stunden-Ziffernblattes auf den ersten Blick kaum zu lesen. Kurz: einfach toll.

Von Mario Sixtus

"Entschuldigung, können Sie mir bitte die Uhrzeit sagen?" wurde ich von der attraktiven Dame angesprochen. "Klar", erwiderte ich und legte meine Armbanduhr durch leichtes Zupfen am Jackenärmel frei. "Es ist Viertel nach..., äh..., Moment..." Während der folgenden, kurzen Pause, wechselte der Gesichtsausdruck der hübschen Frau von unverbindlicher Freundlichkeit in leichte Irritation. "Nach Fünf?" fragte ich unsicher und blickte kurz vom Ziffernblatt hoch. "Nein", stellte sie entschieden fest, "das kann nicht sein" und trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück. "Na dann nach sechs", murmelte ich und schob nach einem weiteren Blick auf meine Uhr rasch ein entschiedenes "Ja, genau, Viertel nach sechs" hinterher. Aber ich hatte meine Glaubwürdigkeit offensichtlich schon eingebüßt. Die Lady bedankte sich mit diesem mitleidigen Tonfall, den Frauen für erwachsene Männer übrig haben, die augenscheinlich immer noch nicht die Uhr lesen können und ging weiter.

Diese peinliche Episode ereignete sich 1993. Wenige Stunden zuvor hatte ich auf einem Flohmarkt für zwanzig Mark eine russische Armbanduhr der Marke "Raketa" erstanden. Das Ungewöhnlichste an diesem Chronographen (und der Grund für meine vermeintliche Ausfallserscheinung): Sein Ziffernblatt weist keine zwölf, sondern vierundzwanzig Stundenmarkierungen auf, weswegen der kleine Zeiger sich mit lediglich einer Runde pro Tag zufrieden gibt. Der Minutenzeiger verhält sich hingegen wie gewohnt und passiert brav im Stundentakt den Scheitelpunkt der Skala. Unter ein bis zwei Wochen Eingewöhnungszeit geht mit dem Ding gar nichts.

Bei dieser extravaganten Darstellungsform handelt es sich übrigens weder um modischen Schnickschnack noch steckt eine nach Aufmerksamkeit heischende Marketingstrategie dahinter. Der Zeitmesser wurde vielmehr für den Personenkreis des russischen Riesenreiches konstruiert, der seinen Wohnsitz nahe des Polarkreises hat, wo bekanntermaßen monatelang das Licht nicht ausgeht – oder nicht an.

Auch in anderer Hinsicht verblüfft die Raketa Swatch-gewohnte Westeuropäer. Da wäre zum Beispiel das Gewicht, das die Überlegung nahe legt, die Uhr bestünde komplett aus Plutonium, zumindest aber aus hochkomprimierten Bleiplatten. Oder die Größe, die eher einen Einsatz als Reisewecker nahe legt, als eine Montage am Handgelenk. Der Antrieb: Muskeln. Einmal täglich aufziehen und möglicht immer zur gleichen Zeit, denn Gangreserve ist ein Fremdwort für das Teil. Und dann natürlich der Lärm: Eine Raketa tickt in etwa so laut wie ein russischer Traktor in fünfzig Metern Entfernung. Auf Flughäfen und Bahnhöfen habe ich es mir deshalb abgewöhnt, mich unbedacht dem Sicherheitspersonal zu nähern, um kein hektisches Umherblicken oder gar einen Bombenalarm auszulösen.

Laut, schwer, groß. Die Raketa ist eine typische Männermaschine und hat bisweilen mehr Prahlpotenzial, als so manches modische Handy oder ähnliches Herumzeigegerät. Datumsanzeige? Stoppuhr? Beleuchtung? Brauch ich nicht. Fühl mal, wie schwer die ist.

Ein bisschen Schwund ist immer: Rund drei Minuten geht meine Raketa pro Tag falsch, ominöserweise aber mal vor und mal nach. Ein System habe ich dahinter noch nie erkennen können und daher habe ich das Nachjustieren auch irgendwann aufgegeben. Es ist ein Spiel mit Geduld und Lebenserfahrung: Wartet man lange genug, wird die Uhr schon früher oder später wieder richtig gehen. Man weiß nur leider nie genau wann.

Benutzt man häufig öffentliche Verkehrsmittel oder gar die Bundesbahn, spielt eine zuverlässige Armbanduhr sowieso keine Rolle, da die Massentransportmittel oft mindestens so eine unkonventionelle Vorstellung von Präzision haben, wie die Raketa. Manchmal schwingen beide sogar im Gleichklang: Hinken sowohl mein Zeiteisen, als auch die Bahn gerade fünf Minuten hinter ihrem jeweiligen Plan her, bin ich der einzige, der sich nicht aufregt, weil für mich schließlich alles pünktlich abläuft.

Die Raketa hat sich mittlerweile zu einer Konstante in meinem Leben gemausert. Alles ist in Bewegung, alles ist im Fluss, aber das knatternde Unikum an meinem Arm bleibt. Ein portables Stück Industriezeitalter. Der letzte Link ins zwanzigste Jahrhundert.

Fragen nach der Uhrzeit beantworte ich inzwischen immer wieder gerne durch ein wortloses Vorzeigen der Uhr. Die Reaktionen reichen von "Häh?" über "Soll das ein Witz sein?" bis zu "Die geht falsch!". Wobei mir die letzte Aussage am liebsten ist, denn ganz unwahr ist sie selten.


INFORMATIONEN
Hersteller: Petrodworzowy-Uhrenbetrieb, St. Petersburg (Konkurs 1999)
Gerät: RAKETA 24-Stunden-Uhr
Preis: 20-50 Euro (gebraucht, z.B. eBay)
Betriebsart: Handaufzug
Gehäuse: Metall
Deckglas: Plexiglas
Ganggenauigkeit: +/- 3 Min./Tag



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