Massenmedium

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Von Mario Sixtus

Ein einzelnes Weblog ist so aufregend oder langweilig wie die Person, die es schreibt. In ihrer Gesamtheit entfaltet die Blogwelt aber eine explosive Publikationsmacht. Unternehmen, Politiker und Journalisten haben diese bereits zu spüren bekommen.

Als am Morgen des 7. Juli 2005 die ersten Meldungen über einen "größeren Zwischenfall" in der Londoner U-Bahn aus den Agenturtickern tröpfelten, waren einmal mehr persönliche Web-Journale die beste Quelle für aktuelle Informationen. Während Reporter sich an den abgesperrten U-Bahnhöfen in Ermangelung anderer Gesprächspartner gegenseitig interviewten, saßen viele Augenzeugen bereits an der Tastatur und tippten ihre Blogs voll.

Jo Herbert beispielsweise steckte nach einer der Explosionen 30 Minuten in einer rauchgefüllten U-Bahn fest. Er notiert: "Ich dachte wirklich, dass ich sterben muss und hoffte nur, dass es der Rauch und nicht das Feuer sein würde." Auf Moblog.co.uk, einem Kollektiv-Blog für Handy-Fotografie, finden sich schnell Schnappschüsse aus dem Londoner Untergrund. Unscharf und verrauscht -- aber vielleicht gerade deshalb so beklemmend authentisch.

Nicht zum ersten Mal war es eine Katastrophe, die die persönlichen Online-Journale in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit rückte. So geschah es bereits nach dem Tsunami in Südostasien, dem Irak-Krieg und dem elften September. Wo Menschen sind, sind auch Blogger: Jeder PC mit Internet-Zugang irgendwo auf der Welt wird plötzlich zum Publikationswerkzeug.

"Die Presse ist immer nur so frei wie ihr Kontostand", sagt Doc Searls, Redakteur des Linux Journal, Buchautor und Übervater der Szene. Mit dem Internet und den nötigen Blog-Tools kann nun aber auf einmal jeder publizistisch tätig werden. "Pixel kosten nichts", sagt Searls. Obendrein benötigt man dafür kein spezielles Technik-Know-How. Vielleicht entzieht sich gerade deshalb IT-affinen Zeitgenossen manchmal die Faszination der Blogwelt.

Medienrevolution im Geheimen?

Es ist schwierig, Außenstehende für Blogs zu begeistern. Da fallen Vergleiche wie "Homepage", "Forum" und "Gästebuch" und schon nähert sich die Aufmerksamkeitskurve der Nulllinie. Davon ungerührt schwärmt die Gegenbewegung mit leuchtenden Augen von einer "Demokratisierung der Medien". Das Wirtschaftsmagazin "Business Week" hob die kleinen Journale kürzlich auf seine Titelseite und mahnte, fast ein wenig drohend: "Niemand kommt an Blogs vorbei!"

Schlagworte wie "Revolution der Medienwelt" und "P2P-Journalismus" werden geprägt. Die Redaktion des angesehenen Wörterbuchs "Merriam Webster" kürte den Begriff "Blog" gar zum Wort des Jahres 2004. Doch laut einer aktuellen Umfrage weiß nur knapp ein Viertel der deutschen Internet-Nutzer, was sich hinter diesem Terminus verbirgt.

Die denkbar knappste Definition für "Weblog" stammt von Rebecca Blood und lautet: "Eine Website, die regelmäßig aktualisiert wird und auf der neues Material am Beginn einer Seite veröffentlicht wird." Ausgedacht hat sich das Kunstwort aus "Web" und "Log(buch)" der US-amerikanische Programmierer und Philosoph Jorn Barger, der seit Dezember 1997 die Website "Robot Wisdom" betreibt, um dort seine Touren durch das Web zu "loggen". Später alberte der Webdesigner Peter Merholz ein wenig mit der Vokabel herum und schrieb: "Ich habe beschlossen, das Wort 'Weblog' wee-blog auszusprechen. Oder kurz: 'Blog'".

Google auf Speed

Es ist die Summe technischer Kleinigkeiten, die die Welt der Blogs so dynamisch macht und sie von den Regionen der statischen Homepages abgrenzt. Da wäre zunächst das Backend: Meist serverseitig, in seltenen Fällen auch mittels Client-Software, kümmert sich ein Mini-Content-Management-System (CMS) um die Technik des Web-Publizierens. Wer unfallfrei eine E-Mail verfassen kann, kommt in der Regel auch mit diesen Bonsai-CMS klar (siehe Seite 158).

Weit wichtiger als die einfache Bedienbarkeit: Die Blog-Tools kommunizieren hinter den Kulissen untereinander und mit zentralen Diensten. Jede gängige Blog-Software füttert die Verzeichnisse von Weblogs.com oder Blo.gs, die somit stets über Listen frisch aktualisierter Weblogs verfügen. Diese Aufstellungen dienen wiederum Blog-Suchmaschinen wie Technorati oder Feedster als Trigger für eine inhaltliche Indizierung.

Anders als bei herkömmlichen Websuchdiensten wie Google oder Yahoo dauert es somit nur noch Augenblicke, bis ein neuer Text erfasst ist, und nicht Tage oder gar Wochen. Die BBC zählte via Technorati bereits zwei Stunden nach der Explosion der Londoner Bomben 1.300 Postings zu diesem Thema. "Google auf Speed", wird Technorati ob dieser Echtzeitfähigkeit gerne genannt.

Ob ein politischer Kommentar, ein Filmtrailer, ein wissenschaftlicher Artikel oder schlicht der neueste Klatsch: Worüber Blogger reden, das verlinken sie auch. Und diese Links lassen sich natürlich zählen und in Hitparaden anordnen. Neben Technorati liefern Popdex, Daypop, Blogpulse und etliche andere Services solche Hyperlink-Charts. Hierzulande bietet Blogstats.de einen ähnlichen Dienst.

Ein wichtiger Faktor ist die Verlinkung der Blogs untereinander: Trackbacks sind Rücklinks auf andere Blogs, die sich thematisch auf den aktuellen Eintrag beziehen. Je nach System muss man eine Trackback-URL manuell eingeben, neuere Tools finden diese dank Trackback-Auto-Discovery bereits automatisch. Trackbacks erlauben es somit einem Blog-Autor zu sagen: "Hey, zu diesem Thema habe ich auch etwas geschrieben. Schau dir das mal an."

Wem das zu kompliziert ist, der nutzt einfach die Kommentarfunktion eines Blogs. Abgerundet wird der Funktionsumfang durch RSS (Rich Site Summary oder auch Really Symple Syndication). In diese XML-Sprache eingebettet lassen sich Inhalte von Blogs und News-Portalen komfortabel in einem Reader-Programm lesen. Auch Microsoft hat den Nutzen von RSS erkannt und will Longhorn und Internet Explorer 7 mit RSS-Unterstützung ausstatten [2].

In der Summe entsteht aus diesen Zutaten ein einzigartiges dynamisches Informationsgeflecht, ein pulsierendes Netz im Netz, welches das einstige Niemandsland zwischen Kommunikation und Publikation urbar macht.

Dynamisches Informationsgeflecht

Die Größe der Blogosphäre, wie man dieses Gespinst gerne nennt, ist beachtlich: Duncan Riley vom "Blog Herald" schätzt die Zahl der Weblogs weltweit auf 60 Millionen. Technoratis Datenbank enthält derzeit immerhin 13,6 Millionen Blogs -- und 1,3 Milliarden Links. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Alle fünf Monate verdoppeln sich diese Zahlen. Allein die schiere Größe der Blogwelt macht klar: Blogger sind keine kauzige Randgruppe, vielmehr gehören Vertreter aus nahezu allen Alters- und Berufsgruppen zu den Journal-Autoren.

Blogger schreiben über Nanotechnologie oder ihren letzten Zahnarztbesuch, sie kritisieren Kinofilme, schimpfen über das Fernsehprogramm oder über Frauenpolitik, sondern Banales und Hochgeistiges ab. Das Etikett "Internet-Tagebücher" hat die hiesige Presse den Blogs aufgeklebt, in Ermangelung einer griffigeren Metapher. Und tatsächlich gibt es sie auch, die Diaristen, die emsig jedes Detail ihres Tagesablaufs protokollieren. Der Artikel ab Seite 154 präsentiert die gesamte Bandbreite der deutschen und internationalen Blogosphäre.

Aus einzelnen Weblogs jedoch einen Rückschluss auf die Inhalte "der Blogs" zu ziehen, ist ebenso zulässig, wie über das Medium Papier ein Urteil zu fällen, nachdem man einen Groschenroman und ein Telfonbuch durchgeblättert hat. In seinem Blog "Notizen aus der Provinz" stellt Markus Breuer klar: "Eine der ganz wenigen Aussagen, die mit 'Die Blogger' beginnt und uneingeschränkt stimmt, geht mit 'betreiben ein Weblog' weiter. Alles andere ist meist Bullshit."

Auch von einer Blogosphäre zu sprechen, ist genau genommen illegitim, vielmehr existieren Abertausende Communities, die locker untereinander vernetzt sind und deren Grenzen sich überlagern. Gerade diese Heterogenität ist der Grund dafür, dass sich Informationen bisweilen in Flächenbrandgeschwindigkeit verbreiten. Webforen sind dagegen meist in sich geschlossene Systeme mit eng abgezirkelten, thematischen Grenzen. Ebenso gleichen Mailinglisten und Usenetgruppen quasi-geschlossenen Veranstaltungen. Die offenen, informellen Kreise der Blogger sind jedoch anfällig für Informationen und Neuigkeiten aus allen Richtungen -- und sie plappern diese gerne weiter.

Politische Kraft

In den USA haben die Selbstpublizisten schon für einige Erdstöße in der Politik gesorgt. "Blogs verändern die politische Landschaft", schreibt etwa der San Francisco Chronicle und erinnert an den mittlerweile legendären Sturz von Trent Lott, den damaligen republikanischen Mehrheitsführer im US-Senat. Lott hatte während einer Rede auf einer Jubiläumsparty ein paar rassistische Bemerkungen fallen gelassen.

Die großen Medien, von Bloggern verächtlich MSM (Mainstream Media) abgekürzt, ignorierten die fragwürdigen Äußerungen, welche der Nischen-Kabelsender C-SPAN an ein überschaubares Publikum übertrug. In der Blogosphäre sorgte Lotts Ansprache hingegen für rege Diskussionen.

Der Blogger Josh Marshall stöberte ein wenig in Lotts Vergangenheit und enthüllte, der Senator habe sich seit seiner Universitätszeit schon häufiger positiv über Rassentrennung geäußert. Hunderte politisch ambitionierte Blogger trugen diese Informationen weiter und fünf Tage später sprangen auch die großen TV-Sender auf den Zug. Als Parteikollegen und selbst Präsident Bush sich daraufhin von Lott distanzierten, blieb diesem keine andere Möglichkeit als der Rücktritt.

Der Grundmechanismus solcher Infolawinen ist recht simpel: Selbst ein kleines, wenig besuchtes Blog kann eine plötzliche Besucherschwemme erleben, wenn es einen interessanten Informationshappen zu bieten hat. Hyperlinks verbreiten sich innerhalb der Blogosphäre wie ein Schnupfen im Winter. Ist die Meldung interessant genug, steht sie irgendwann in einem der so genannte A-List-Blogs, die täglich von Hunderttausenden gelesen werden -- darunter genug Journalisten, die das Thema schließlich in ihre Medien tragen.

Kein Wunder, dass in den USA Politiker versuchen, diese Aufmerksamkeitswellen für sich zu nutzen. Bei den Wahlparteitagen sowohl der Republikaner als auch der Demokraten waren Blogger erstmals ebenso wie reguläre Pressevertreter akkreditiert.

Am erfolgreichsten setzte der demokratische Kandidatenkandidat Howard Dean auf Blogs im Vorwahlkampf. Beraten von Blog-Vordenkern wie Joi Ito und David Weinberger gelang es Dean im Präsidentschafts-Vorwahlkampf über 40 Millionen Dollar an Spenden einzusammeln. Das Erstaunliche daran: Dean setzte nicht wie seine Mitbewerber auf Großspenden einzelner Gönner oder Unternehmen, vielmehr sammelte er über eine virale Blog-Kampagne Kleinbeträge ein. Die durchschnittliche Einzelspende lag bei 80 Dollar.

Interessanterweise beendete dann ausgerechnet das alte Medium Fernsehen die politischen Ambitionen des Mannes, dessen Team so virtuos auf der Klaviatur der Graswurzel-Medien spielen konnte: Nach einem enttäuschenden Vorwahlergebnis in Iowa steigerte Dean sich vor einer Menschenmenge und laufenden TV-Kameras mit überschlagender Stimme in ein hysterisches Kampfgebrüll hinein, das mittlerweile als "Dean-Scream" zu einem Teil der amerikanischen Polit-Folklore wurde. Danach galt der Mann mit der wohl ersten Internet-Wahlkampagne nicht mehr als präsidiabel.

Marketingfaktor

Zur Blog-Folklore gehört mittlerweile die Geschichte um das US-Unternehmen Kryptonite. Die kostspieligen Fahrradschlösser dieser Firma galten eigentlich als besonders sicher. Findige Biker entdeckten aber, dass sie sich mit Hilfe eines billigen Plastikkugelschreibers in Sekundenschnelle knacken lassen. Diesen Trick demonstrierten sie auf einem Video in einem Forum für Fahrradfreunde und von dort fand es schnell seinen Weg in die Blogosphäre.

Nur eine Woche, nachdem das Video erstmals im Netz zu sehen war, haben laut Schätzungen von Technorati 1,8 Millionen Nutzer von den unsicheren Edeldiebstahlsperren erfahren. Kryptonite aber schwieg hartnäckig und reagierte nicht auf E-Mails -- was die Internet-Gemeinde weiter gegen die Firma aufbrachte. Schließlich berichteten auch klassische Medien wie die "New York Times", der "Boston Globe" und die Nachrichtenagentur AP über den Fall. Erst danach kündigte der Hersteller zähneknirschend eine Rückrufaktion an.

Allein der Umtausch der fehlerhaften Schlösser hat die Firma nach Berechnungen des US-Magazins "Fortune" zehn Millionen Dollar gekostet -- und einen gehörigen Imageschaden verursacht. Der plötzliche Aufmerksamkeitsschwall aus dem Internet traf die PR-Abteilung von Kryptonite offenbar vollkommen unvorbereitet. Der Unternehmer Russel Buckley notiert in seinem Blog: "Hätten sie schnell genug und ehrlich reagiert, hätten sie Respekt und Sympathie gewinnen können, stattdessen steckten sie ihre Köpfe in den Sand und hofften, das Problem gehe wieder weg. Es ging nicht."

"Kryptonite schien nicht recht erfasst zu haben, dass sie nicht nur ein kleines Problem, sondern eine handfeste Krise hatten", resümiert der Internet-Berater Martin Roell. Er prophezeit: "Künftig werden immer mehr Produktprobleme online entdeckt werden und Kommunikationskrisen online starten. Nur wenige Unternehmen sind darauf vorbereitet."

Spektakuläre Fälle wie diesen sucht man in deutschen Landen bisher vergeblich. Kein Wunder: Blogstats.de zählt hierzulande gerade einmal 62**000 Weblogs. Andere Schätzungen gehen von etwa 100**000 deutschen Ich-Publikationen aus. Anders als im Nachbarland Frankreich, wo sich bereits geschätzte drei Millionen Blogger tummeln, gleicht die teutonische Blogosphäre somit eher einem Dorf. Allerdings: Die Verdoppelungsrate entspricht in etwa der internationalen.

Mangels Masse reichte es in Deutschland bislang lediglich zu einem durch Blogs ausgelösten Mini-Skandälchen: Mehrere Verbraucherschutzzentralen hatten zwar davor gewarnt, dass man sich, ohne es zu wollen, beim Klingelton-Händler Jamba leicht ein kostspieliges Abo einfangen kann, statt einer einzigen Handy-Melodie. Aber erst ein amüsant geschriebener Text des Bloggers Johnny Haeusler brachte die Aufmerksamkeitswelle richtig in Fahrt: Im Stil der "Sendung mit der Maus" berichtete Haeusler in seinem Blog "Spreeblick" über die Methoden der Melodien-Dealer und sorgte so für eine fröhliche Hyperlink-Party im deutschen Bloggerdorf.

Richtig peinlich wurde es für die Handytöner, als plötzlich anonyme Pro-Jamba-Kommentare unter dem Posting auftauchten und Haeusler diese anhand ihrer IP-Nummer dem Berliner Melodienlieferanten zuordnen konnte. Zerknirscht hieß es daraufhin aus dem Hause Jamba, einige Mitarbeiter hätten wohl aus Eigeninitiative und ohne Wissen der Geschäftsleitung die Ehre des Unternehmens verteidigen wollen. Doch zu spät: Mehrere Online-Magazine und Tageszeitungen berichteten anschließend über den Fall und bei "Stern-TV" mussten sich die Firmengründer für ihre fragwürdigen Geschäftspraktiken rechtfertigen.

Ein weiteres Problem für Unternehmen: Google und andere Suchmaschinen lieben Blogs geradezu und platzieren sie auf den Ergebnisseiten häufig unter den besten Treffern. Die Suchdienste bewerten bekanntlich die Anzahl eingehender Hyperlinks als Indiz für die Relevanz einer Seite und bei der grassierenden Linkwut unter Bloggern mangelt es Weblogs selten an ausreichenden Verweisen. Eine Google-Suche nach "Jamba" wirft Johnny Haeuslers launiges Posting an zweiter Position aus und eine Recherche nach "Planetopia" könnte die Redakteure des Sat1-Magazins in Erklärungsnöte bringen: "Planetopia lügt" lautet der Titel des Blog-Postings, das sich auf Platz zwei der Trefferliste findet.

Blog-Wächter

Die Gefahr für den Ruf eines Unternehmens, die über Nacht aus der Blogosphäre erwachsen kann, hat findige Zeitgenossen auf eine neue Geschäftsidee gebracht: Blog-Scan-Dienste bieten für 30**000 bis 100**000 Dollar jährlich ihre Dienste an und schlagen Alarm, sobald der Markenname ihrer Kunden in einem schlechten Licht erscheint. Wer es günstiger mag: Bei den einschlägigen Services wie Technorati oder dem "Buzz Index" von Yahoo kann man einzelne Schlüsselworte per RSS-Feed abonnieren -- kostenlos.

Pete Blackshaw von Intelliseek, einem Betrieb, der ebenfalls Blogs überwacht, erklärte dem Wall Street Journal, die Beschwerden von ein oder zwei Kunden konnten Unternehmen bisher noch ignorieren. Jetzt aber müssten sie aufpassen, denn die Kunden könnten Blogs besitzen: "Diese Leute haben über das Internet Einfluss auf andere." Mohanbir Sawhney rät im "Harvard Business Manager": "Marketingexperten sollten nicht ungeschickt versuchen, Blogger zu beeinflussen. PR-Verantwortliche sollten stattdessen Informationen in aller Offenheit an diejenigen weitergeben, die über ihre Unternehmen schreiben, und auf deren Berichterstattung reagieren, selbst -- oder gerade -- wenn es sich um negative Kommentare handelt."

So zartfühlend ging der Computerhersteller Apple neulich nicht mit den Autoren zweier Apple-Fanblogs um, sondern verklagte sie auf Nennung ihrer Informanten. Die Blogs AppleInsider und PowerPage hatten über ein angeblich geplantes Produkt mit Codenamen Asteroid berichtet, einen Adapter für Nutzer von Apples Software Garageband.

Die flugs herbeigeeilte Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontiers Foundation (EFF) kümmerte sich zwar um die Verteidigung der Apple-Blogger und forderte Presserechte -- und somit Informantenschutz -- für Weblog-Schreiber ein. Jedoch vergeblich: Diese Rechte gelten nicht für die Betreiber von Online-Journalen, entschied das Gericht. Der Kasten auf Seite !!! beschreibt, worauf Blogger hierzulande aus rechtlicher Sicht achten müssen.

Journalisten haben zu Bloggern oftmals ein ambivalentes Verhältnis. Offenbar irritiert es viele Profi-Schreiber, dass sich plötzlich Amateur-Konkurrenz im gleichen Publikationsraum herumtreibt. "Ist also jeder Laie berufen, journalistisch eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen?", fragt etwa der Medienjournalist Holger Wenk im Gewerkschaftsmagazin M, um sich kurz darauf selbst die Antwort zu geben: "Mitnichten!"

Das Medienmagazin Insight will die Ursache des "Problems" im "Senfstau" entdeckt haben: "Jahrzehntelang unentdeckt und allenfalls vermutet, zeigt sich in Deutschland mehr und mehr die Existenz einer gewaltigen angestauten Menge nicht dazugegebenen Senfes." Die FAZ warnt gar vor einer "frei flottierenden Gerüchteküche" und die "Süddeutsche" malt mit Hilfe einer selbsternannten Fachfrau für "Online-Abhängigkeit" das Bild vom Blogger als einsamem Internet-Süchtigen.

Wächter-Blogs

Auf der anderen Seite schießen sich einige Blogs auf die professionelle Berichterstattung ein. So genannte "Watchblogs" analysieren und sezieren die Veröffentlichungen einzelner Publikationen oder "adoptieren" gar einen einzelnen Journalisten, um ihn daraufhin auf Wort und Silbe zu verfolgen.

Was passieren kann, wenn man sich auf zu dünnem Eis bewegt, musste Emmy-Preisträger und CBS-Nachrichtenikone Dan Rather vor einigen Monaten erfahren. In seiner Sendung "60 Minutes" präsentierte er Dokumente, die endgültig beweisen sollten, Präsident Bush habe seinen Wehrdienst geschwänzt. Bereits wenige Minuten, nachdem CBS die Akten parallel zur Sendung im Web veröffentlichte, tauchen in konservativen Blogs die ersten Zweifel an der Echtheit der Papiere auf.

Viele Blogger betätigten sich daraufhin als Amateurdetektive: Einer kennt einen Spezialisten für alte Schreibmaschinen, ein anderer ist Experte für Militärformulare, ein dritter führt vor, wie schnell man solche Dokumente mit Hilfe des Schreibprogramms Word nachbauen kann. Ganz nach dem Motto: "Viele wissen immer mehr als wenige", das bereits der kollektiven Internet-Enzyklopädie Wikipedia ihren beispiellosen Erfolg beschert hat. Rather versucht zwar den Vorfall herunterzuspielen, aber alles Abwiegeln hilft nichts: Wenige Wochen später nimmt er seinen Hut.

Hierzulande schaut das Bildblog Deutschlands größter Boulevardzeitung auf die Finger. Vier Medienjournalisten berichten regelmäßig über "die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme". Dafür bekamen sie jüngst den Grimme-Online-Award verliehen, die Internet-Variante des bekannten Fernsehpreises.

Jay Rosen, Vorsitzender der Journalismus-Fakultät an der New York University, sieht diese Adoptionsbewegung zwiespältig: "Ich liebe die Idee, weil sie eins-zu-eins ist. 'Die Medien', diese kosmische Abstraktion, die keine irdische Anschrift hat, wird heruntergerechnet auf einen einzelnen Journalisten, auf jemanden, der vielleicht gerade jetzt ein Sandwich isst." Und: "Glaubwürdigkeit ist eine Interaktion, keine Aura." Andererseits fürchtet Rosen, Watchblogs könnten zum puren Vehikel unreflektierten Medienhasses verkommen: "Im schlimmsten Fall könnten sie ihre Leser mit neuer Munition für ihre Vorurteile versorgen."

Brötchen verdienen

Das Beispiel Bildblog zeigt: Während viele Journalisten noch nach Abgrenzungsdefinitionen zu den ungefragt aufgetauchten Hobbyisten suchen, kapern einige ihrer Kollegen schlicht das Blog-Format und freuen sich über neue Freiheiten jenseits der Redaktionskonferenzen. Autoren der Zeit und Auslandskorrespondenten des Handelsblatt bloggen mittlerweile mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie ihre Kollegen bei der Wirtschaftswoche oder beim Tagesspiegel.

Derweil bestreiten -- zumindest in den USA -- bereits einige Blogger ihren Lebensunterhalt allein durch Online-Webung auf ihren Journalen. Zu heißen Zeiten des Präsidentschaftswahlkampfes sollen Politblogs wie Dailykos bis zu 20~~000 Dollar monatlich erwirtschaftet haben. Inzwischen zahlt das Unternehmen Blogads immerhin noch 8000 Dollar im Monat an Dailykos, wie Sprecher Miklos Gaspar gegenüber c't bestätigte.

Ganze Netzwerke kommerzieller Weblogs wachsen mittlerweile in den USA aus dem Netz, meist angefüllt mit thematisch strikt eingegrenzten Journalen. In Deutschland versucht sich seit neuestem Jamba-Blogger Johnny Haeusler an diesem Modell. Er rief den Spreeblick-Verlag ins Leben, der bislang aus sechs Blogs besteht. Den Ur-Blogger Jorn Garber hat sein Weblog "Robot Wisdom" indes nicht reich gemacht. In Chicago lief er kürzlich "Wired"-Autor Paul Boutin über den Weg, obdachlos, abgebrannt und in der Hand ein Pappschild auf dem stand: "Habe den Begriff Weblog erfunden, hat mir nie einen Cent gebracht."

Literatur

[1] Mario Sixtus, "Wie einen Schneeball rollen", Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich zum Gedankenaustausch, c't 11/05, S. 58

[2] Moritz Sauer, Richtig Schnelle Schlagzeilen, RSS: Nachrichten-Appetizer für jedermann, c't 12/03, S. 188



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Kommentare dazu:

Ich denke es ist nur ein Hype.


mal schauen wie lange der hype noch anhält?
Ich glaube, die wirklich guten Blogs werden bestehen bleiben und gefestigt werden. Damit wird aber auch die Unabhängigkeit weniger werden :(


Aus der gleichen Publikation:

 



















































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