"Wie einen Schneeball rollen"

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

Von Mario Sixtus

Mit dem Senat im Palais du Luxembourg, dem Sitz der zweiten Kammer des französischen Parlaments, hatten die Veranstalter einen recht symbolträchtigen Ort gewählt: Installierte hier doch dereinst Napoleon das erste demokratische Abgeordnetenhaus. Skurrilerweise eröffnete Cécile Moulard, Vizepräsidentin des Club Senat den Kongress mit einem Griff in die US-amerikanische Popkultur-Kiste: "Schon Onkel Ben sagte zu Peter Parker: 'Mit großer Macht kommt große Verantwortung'." An die auf ihre Notebooks einhackenden Konferenzteilnehmer gerichtet fuhr sie fort: "Ihr habt große Macht. Ihr gestaltet die Art und Weise neu, wie wir uns mitteilen, wie wir untereinander kommunizieren und uns organisieren. Also habt ihr, wie Spiderman, eine große Verantwortung."

Ob Blogger über Superkräfte verfügen, sei dahin gestellt, zumindest in Frankreich aber breitet sich die Blogosphäre, also die Gesamtheit aller Weblogs, mit erstaunlicher Dynamik aus. "Franzosen lieben es, sich zu artikulieren und zu diskutieren", sagt Loïc Le Meur, Vizepräsident und Europa-Chef des Softwareherstellers Six Apart, "vielleicht sind Blogs das ultimative Werkzeug für uns." Nach der englischen ist die französische Sprache in der Blogwelt am stärksten vertreten. Neben Berufsretorikern wie den Politikern Alain Juppé und Dominique Strauss-Kahn hat das Blog-Fieber jetzt die Jüngsten erwischt: Nach einer Regierungsstudie bloggt bereits die Hälfte der französischen Schüler. Allein das sind drei Millionen.

Für Joi Ito, japanischer Internet-Tausendsassa und passionierter Blogger, sind Weblogs ein logischer Schritt in der Evolution des Internets sind: "TCP/IP verbindet Computer untereinander, HTML verbindet Content miteinander und Blogs verbinden Menschen mit Menschen." Anhand des berühmt gewordenen Falles "Rathergate" (Blogger wiesen dem CBS-Achorman Dan Rather nach, dass er im TV gefälschte Dokumente präsentiert hatte) zeigte Ito auf, inwiefern Weblogs die Öffentlichkeit verändert haben: "Wenn noch vor wenigen Jahren jemand diese Fälschung entdeckt hätte, hätte er vielleicht mit seinen Freunden in der Kneipe darüber gesprochen, dort wäre die Information dann versandet." Durch Hyperlinks, die sich flächenbrandartig innerhalb der Blogosphäre ausbreiten, gehen solche Informationen nun nicht mehr verloren.

Caterina Fake vom Internet-Fotodienst Flickr prophezeite: "Bald wird jeder ein Blog haben, ob öffentlich oder privat für eine kleine Gruppe." Die Beliebtheit des Bilderberges Flickr unter Bloggern erklärt jedenfalls das bisweilen lahmende Funknetz vor Ort: Nicht weniger als 1800 Digitalfotos schaufelten die Teilnehmer während des Kongresses auf den Flickr-Server . "Viele Leute haben Probleme, sich ausschließlich schriftlich auszudrücken", sagte Caterina Fake, "Fotos können auch enorm viel aussagen." An Video-Blogs glaubt sie hingegen weniger, Filme müsse man erst bearbeiten und schneiden. Das sei zu zeitaufwändig und würde daher ein Randphänomen bleiben.

Charlie Schick von Nokia ging auf den Vorwurf ein, Blogs seien oft nur Teenager-Seiten mit 'Katzen-Content': "Es geht nicht darum, ob man für zwei Menschen publiziert oder für zwei Millionen." Beide Kommunikationsformen hätten die gleiche Berechtigung. Die Grenzen zwischen tauschen, publizieren und kommunizieren würden sich auflösen. Er sieht in Blogs obendrein die ideale "non-invasive" Kommunikationsform: "Ob Email, Instant Messaging oder Telefon: "Immer nötigt man dem Empfänger eine sofortige Reaktion ab." Beim Bloggen übermittele man der Welt hingegen eine Nachricht und würde es den Lesern überlassen, ob oder wann sie reagieren.

Ross Mayfields Unternehmen Socialtext entwickelt Wiki-Software für den Unternehmenseinsatz. Das Vobild ist dabei die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia: "Wenn man sich Wikipedia anschaut, erkennt man, dass ein unglaublich hoher Grad an Zusammenarbeit durch den Einsatz recht einfacher Werkzeuge entsteht." Mayfield glaubt, die gigantischen Enterprise- Dokumentenmanagementsysteme in Großunternehmen würden von den Mitarbeitern kaum eingesetzt, da sie zu kompliziert sind und die Anwender keine Vorteile für sich erkennen könnten: "Social Software ist dagegen so simpel, dass die Leute sie gerne nutzen, warum sollten sie es also nicht auch innerhalb eines Unternehmens tun?" Euan Semple von der britischen BBC gibt ihm Recht. Der Sender nutzt seit sechs Monaten unternehmensintern Wikis. "Das wächst unglaublich schnell", berichtet Semple, "man findet dort inzwischen enorm viele Projektunterlagen, Einsatzpläne oder Brainstorming-Notizen." Vorher habe der Sender eine komplizierte, interne Webstruktur eingesetzt, die nach Aussage von Semple "fast niemand genutzt hat". Die Wikis seien hingegen schon nach zwei Tagen äußerst beliebt gewesen: "Die Leute fühlen sich wohl mit diesen kleinen Programmen."

Mehrere Unternehmer versuchen inzwischen in den USA ganze Farmen kommerzieller, anzeigenfinanzierter Weblogs heranzuzüchten. Gaby Darbyshire von Gawker Media erklärt den Unterschied zu den klassischen Medienmodellen: "Abgesehen von den Honoraren für die Blogger und ein wenig Hosting-Gebühren hat man quasi keine Kosten." Das sei der große Unterschied zur Zeitungs- oder Magazinindustrie. Für Blogger gebe es – außer der Talentfrage – praktisch keine Einstiegshürde. Jason Calacanis betreibt mit Weblogs Inc. ein ähnliches Geschäftsmodell. Er ist sicher, dass die Kombination aus Blogger und Leserkommentaren sogar viel effektiver funktioniert, als eine klassische Redaktion: "Wer schon einmal etwas falsches gebloggt und direkt danach 30 verschiedene Richtigstellungen in den Kommentaren gefunden hat, weiß, was das für ein unglaubliches Gefühl ist."

Jochen Wegner, Wissenschaftsredakteur des Focus, fand es auffällig, dass Deutschland, gemessen an der Einwohnerzahl und den Breitbandanschlüssen nur über eine verschwindend geringe Zahl an Weblog-Autoren verfügt: "Deutschland ist definitiv Entwicklungsland in Sachen Blogs." Wegner führte dies unter anderem auf eine mangelhafte rhetorische Kultur, auf Technologiefeindlichkeit und auf das Fehlen wirklich einflussreicher Blogs zurück. Vielleicht mangele es auch an einem nationalen Großereignis. Sein ironisches Fazit: "Ein deutscher Papst ist nicht genug, wir brauchen mindestens fünf."

Hossein Derakhshan erzählte vom großen Einfluss, den Weblogs auf das kulturelle und politische Leben im Iran ausüben: "Es findet gerade eine große Veränderung statt. Durch Blogs lernen viele junge Iraner, sich selbst auszudrücken, das ist für sie oft völlig neu." Auch für die Auflösung der strengen Grenzen zwischen den Geschlechtern seien Weblogs ideal. Derakhshan sieht in Blogs einen "diskursiven Raum im Sinne Jürgen Habermas'". Der ehemalige iranische Präsident Rafsanjani soll sogar versucht haben, Blogger zu kaufen um wieder zu größerem politischem Einfluss zu kommen.

Zum Abschluss wies Linux-Journal-Redakteur und Buchautor Doc Searls darauf hin, dass sowohl das Internet, als auch die Blogosphäre "von unten" gewachsen seien: "Hätte man das Internet den großen Konzernen überlassen, wäre es nie so schnell gewachsen. Beim Bloggen ist es genau so: Kein großes Unternehmen hat es erfunden und keines kann es unterbinden." Eine Idee in die Blogwelt zu entlassen, sei, wie einen Schneeball bergab zu rollen: "Manche bleiben liegen, manche rollen weiter und werden groß, manche werden sogar riesig. Aber wirklich fertig sind sie nie."



Kurze Werbeunterbrechung:


Jetzt kommentieren!


Aus der gleichen Publikation:

 





















































Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Den klassischen TV-Sendern laufen die Kunden davon. Immer mehr Internetnutzer ziehen sich ihr Programm direkt aus dem Netz - individuell, kostenlos und werbefrei

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht

Social Software und das neue Leben im Netz

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

In der durchdigitalisierten Welt werden Entfernungen gleichgültig. Ferndiagnose, Fernwartung, Fernsteuerung: So genannte Remote Services spielen in Industrie, Medizin und vielen anderen Bereichen eine immer größere Rolle

Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen

Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet

Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, macht leichter Geschäfte. Kontaktplattformen wie LinkedIn und OpenBC können helfen, diesen Jemand kennen zu lernen.

Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"

Ein Gremium des Europa-Parlaments entscheidet heute, ob das Gesetzgebungsverfahren der EU komplett neu gestartet wird

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Drei Schritte vor, zwei zurück und einen zur Seite: Der Hickhack innerhalb der EU um die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Befürworter eines kompletten Neustarts des mittlerweile fast drei Jahre dauernden Verfahrens schöpfen Hoffnung: Polnische Diplomaten haben trickreich den Weg dafür frei gemacht.

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.