
Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen
Von Mario Sixtus
"Eigentlich lustig, dass man ausgerechnet Fußball ausgesucht hat", sagt ein Zuschauer, "traditionell haben Techies eine tiefe Abneigung gegen das Kicken". Anhänger der strikten Trennung von Kopf- und Körpersport können aber beruhigt sein: Die Szenerien, die man derzeit im Heinz Nixdorf Museum in Paderborn beobachten kann, erinnern nur selten an irgendetwas, was man gemeinhin mit Fußball assoziieren würde.
In der "Small Size Robot League" flitzen Akteure übers Grün, die am ehesten rasenden Keksdosen ähneln. Ruckartig fahren die kleinen Blechvehikel an, bremsen unerwartet wieder ab und manchmal fängt eine der Dosen mit einem klackenden Geräusch das golfballgroße Spielgerät ein, um es unverzüglich in Richtung Tor zu schießen. Selten wird dieses Unterfangen allerdings mit Erfolg belohnt. Nein. Fußball ist das wirklich nicht. Nicht nur auf Grund der fehlenden Füße.
"Körper und Geist sind eins"
Die Organisatoren haben sich große Ziele gesteckt: "Im Jahre 2050 wollen wir mit humanoiden Robotern den dann aktuellen menschlichen Fußballweltmeister schlagen", verkündet Hans-Dieter Burkhard von der deutschen Sektion der RoboCup Federation. Kurz darauf relativiert er dieses Ziel ein wenig: "Ob wir das schaffen werden oder nicht, ist natürlich noch unklar, aber eins steht fest: wir werden dann sehr viel mehr über das Wesen der Intelligenz wissen." Noch bis vor wenigen Jahren sei man fälschlicherweise davon ausgegangen, dass Intelligenz auch ohne Körper existieren könne, etwa in einem Computer.
"Heute gehen wir quasi wieder ein paar hundert Jahre zurück und stellen fest, dass Körper und Geist eins sind", sagt Burkhard. Ansgar Bredenfeld vom Fraunhofer Institut für Autonome Intelligente Systeme, erläuert, warum gerade Fußball eine "ideale Benchmark für die Wissenschaft" ist: "Die Maschinen müssen hier in einer dynamischen Umgebung agieren und sich permanent auf neue Situationen einstellen."
Die erste Weltmeisterschaft im Roboterfußball fand 1997 in Nagayo in Japan statt. Die German Open starteten 2001 und wuchsen seitdem Jahr für Jahr. Diesmal nehmen 169 Teams aus zwölf Ländern teil. In sieben verschiedenen Ligen geht es um Ruhm und wissenschaftliche Anerkennung, aber auch um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft, die im Juli in Osaka angepfiffen wird. 2006 wird der Worldcup der kickenden Kisten dann in Bremen ausgetragen, parallel zur FIFA-WM.
Vollständig autonom
In der dritten Etage des Museums spielt die Königsklasse der rollenden Ball-Bots. Die Spieler der so genannten "Middle Size League" sind einen guten Meter hoch und sehen aus wie eine Mischung aus Kanonenofen, Klavierschemel und Fliwatüt. Sven Olufs vom Team AIS/BIT des Bonn-Aachener Technologiezentrums erklärt den entscheidenden Unterschied zu den herumflitzenden Blechkästchen im Erdgeschoss: "Bei den kleinen Bots wird das Spielfeld aus vier Meter Höhe von einer Kamera überwacht."
Diese Informationen fließen in angeschlossene PCs, welche wiederum die Spieler steuern. "Unsere Roboter sind hingegen vollständig autonom", sagt Olufs, "wir können sie per Funk zwar starten und stoppen, alles andere machen sie eigenständig." Über das Funknetz können sich die Spieler auch gegenseitig Anweisungen geben. Gleich werden seine Schützlinge gegen die "Cops" aus Stuttgart antreten. "Die waren vierter bei der letzten WM und sind gegen uns ganz klar die Favoriten", sagt Olufs. Den Gegner stark zu reden war im Fußball schon immer eine beliebte Taktik.
Oft wirr
AIS/BIT schlägt sich wacker gegen den scheinbar überlegenen Gegner. 0:0 steht es am Ende der ersten, zehnminütigen Halbzeit. In der zweiten Spielzeit gehen die Rheinländer durch ein Freistoßtor unerwartet in Führung und kurz darauf machen sie den Sack zu: völlig unbedrängt schaufelt der Spieler mit der Nummer drei den Ball aus zwei Meter Entfernung ins kurze Eck.
Fußballstimmung will trotzdem nicht so recht aufkommen. Es kann ja sein, dass die Automaten autonom agieren, auf Außenstehende wirken ihre Aktionen oftmals wirr und undurchsichtig. Da werden Mitspieler angerempelt, Tor-Bots verlassen unmotiviert ihre Kästen und immer wieder nehmen die Teams einen oder mehrere ihrer Spieler vom Platz, um sie nachzujustieren oder ganz banal zu rebooten.
Watschel-Bots und Leistungsverweigerer
Groß angekündigt war der Auftritt der menschenähnlichen Roboter. Besonders spektakulär verlief das Debüt der Humanoiden allerdings nicht. Zu ungelenk watscheln die Maschinen, die auf handelsüblichen Spielzeug-Bots basieren, über das Feld um irgendeinen der Zuschauer zu beeindrucken. Den Kopf jeder Maschine haben die Forscher durch einen Pocket-PC und eine Weitwinkelkamera ersetzt. Dass die Beinkonstruktion der Automaten zwar eine eierige Fortbewegung erlaubt, nicht jedoch eine wenigstens rudimentäre Ballarbeit, konnten die Wissenschaftler allerdings nicht ändern.
Das zweite präsentierte Exemplar, ein japanischer Bausatz, der ebenfalls um einen Pocket-PC erweitert wurde, verweigert bei der Vorführung gleich jeden Ballschuss. Ein Softwarefehler? Die Blitzlichter der Fotografen? Lampenfieber? Man weiß es nicht. "Wir sind momentan ungefähr da, wo man vor hundert Jahren bei den Anfängen der Flugzeugentwicklung war", versucht Hans-Dieter Burkhard die Maßstäbe gerade zu rücken.
"Wir werden vom Militär beobachtet"
Gänzlich verlässt die Veranstaltung das Fußballfeld bei der "Robot Rescue League". Halbautonome Einheiten sollen in einem künstlich angelegten Trümmerfeld Dummy-Puppen aufspüren, die Kohlendioxyd ausströmen und so Verschüttete simulieren. Verzweifelt winken künstliche Plastikarme, die unter Pappkarton und Holzstapeln hervorlugen, um Hilfe, doch der räder- oder kettengetriebene Beistand lässt auf sich warten. Am ersten Tag kann kaum ein Automat weiter als wenige Meter in den Hindernis-Parcours vordringen. Zu wenig, um die Opfersimulationen zu erreichen.
Ob Erdbeben oder Gasexplosionen: Für elektronische Spürhunde gäbe es sicher etliche sinnvolle Einsatzgebiete. So mancher denkt weiter, beispielsweise an Krisen- oder Kriegsgebiete. "Wir werden natürlich von den Militärs beobachtet", gibt Burkhard zu, "obwohl wir das in der internationalen Gemeinschaft nicht wollen." Speziell in den USA werde die Forschung aber auch durch das Militär unterstützt.
Ein Besucher sieht aus einem anderen Grund mit gemischten Gefühlen in die Roboter-Zukunft. "Wenn die bis 2050 einen Roboter bauen wollen, der Ronaldo umdribbelt", sinniert er, "dann haben die wahrscheinlich vorher schon einen, der Fliesen verlegen oder Autos reparieren kann." Er selbst habe davor allerdings keine Angst, fährt er grinsend fort und sagt auch warum: "Ich studiere Informatik."
