
Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet
Von Mario Sixtus
Es hat schon viele Anläufe gegeben, Ordnung in das Chaos des Webs zu bringen. Bislang waren sie alle wenig erfolgreich. Das Fotoportal Flickr macht vor, wie man seine Nutzer die Inhalte selbstständig sortieren lässt. Manche glauben, genau deshalb habe Yahoo den Dienst gekauft.
Gerüchte lagen schon länger in der Luft. Am vergangenen Sonntag sorgte Flickr-Gründerin Catarina Fake mit einem Eintrag in ihrem persönlichen Weblog endlich für Klarheit: "Ich kann bestätigen, dass Yahoo Flickr erwerben wird." Finanzielle Details enthüllte Fake zwar nicht, in den Gerüchteküchen sprach man jedoch einheitlich von etwa 50 Millionen Dollar.
Dass ein großes ein kleines Unternehmen übernimmt, ist in der wiedererstarkenden Internet-Wirtschaft des Jahres 2005 eigentlich nichts Außergewöhnliches. Diese Meldung sorgte trotzdem für einigen Wirbel, denn die Foto-Community Flickr unterscheidet sich in entscheidenden Punkten von anderen Bilderdiensten.
Als "Unfall" begonnen
"Flickr war ein Unfall", erklärte Catarina Fake kürzlich auf einer Münchener Konferenz. Ursprünglich wollten sie und ihre zehn Mitstreiter vom kleinen kanadischen Unternehmen Ludicorp ein webbasiertes Multiplayer-Online-Game entwickeln. Vor einem Jahr stellte das Entwicklungsteam dann eine Website als Vorabversion online, die den Nutzern einige Kommunikationswerkzeuge zur Verfügung stellte und - eher nebenbei - die Möglichkeit bot, Bilder auf die Seite hochzuladen.
"Zu unserer Überraschung nutzten die User das System hauptsächlich, um ihre Digitalfotos zu publizieren", sagt Catarina Fake. Ludicorp reagierte, entfernte die Spielelemente und wandelte Flickr in eine Mischung aus persönlichem Fotoalbum und öffentlicher Bilderschau. Mittlerweile können die Nutzer auf etlichen unterschiedlichen Wegen ihre Fotos an Flickr übermitteln, unter anderem per Foto-Handy. Gut 80 Prozent der mittlerweile rund fünf Millionen Bilder sind öffentlich, der Rest schlummert in privaten Sammlungen.
Bilder und Infos zusammen bringen
Aber es geht nicht nur um Bilder. Catarina Fake erzählt von einer Beobachtung auf einer großen Familienfeier: "Die Leute scharten sich um die mitgebrachten Fotoalben und tauschten Geschichten zu den abgebildeten Personen und Orten aus." Die Erkenntnis, dass all diese Informationen verloren seien, sobald die Versammlung sich auflöst, habe dem Entwicklerteam zu denken gegeben.
Das Resultat: Flickr-Nutzer können einzelne Bildbereiche ihrer Fotos mit Textnotizen versehen. Sobald der Betrachter mit dem Mauszeiger über das entsprechende Segment fährt, erscheinen diese Erläuterungen. Ein Bild aus dem unter Computerfreaks sehr beliebten Spiel "Whatsinyourbag demonstriert sehr schön diese Möglichkeit.
Das größte Geheimnis des Flickr-Erfolges erscheint hingegen auf den ersten Blick recht unscheinbar: die so genannten "Tags". "Tagging" erlaubt es Fotografen, ihren Werken beliebige Schlagworte zuzuordnen. Das Foto einer Katze würde man nach dieser Logik schlicht mit "Katze" verschlagworten. Das hilft einerseits dabei, die eigenen Katzenfotos wiederzufinden, andererseits kann man so auch Bilder mit Katzenkennung entdecken, die andere User geschossen haben. Mehr als 30.000 Bilder sind das zur Zeit - dicht gefolgt von Hundebildern.
Die Ordnung in die eigene Hand nehmen
Schlagworte als Ordnungshilfe sind eigentlich keine neue Erfindung, aber Flickr geht einen Schritt weiter und öffnet dieses System. Nicht nur der Inhaber darf ein Foto "taggen", auch jeder zufällig Vorbeisurfende kann Stichworte hinzufügen. So mag es einem Fotografen ausreichend erscheinen, ein Bild vom Eiffelturm mit dem Begriff "Eiffelturm" zu verknüpfen. Anderen Zeitgenossen würde hingegen noch "Paris" und "Frankreich" sinnvoll erscheinen - was sie mit wenigen Klicks erledigen können. Je mehr Nutzer dieses Spiel mitspielen, um so präziser wird der Bilderberg katalogisiert.
Viele halten Tagging gar für den Königsweg, Ordnung in die chaotischen Weiten des Webs zu bekommen. Flickr ist nicht der einzige Anbieter, der die Macht der Schlüsselworte entdeckt hat: Die Weblog-Suchmaschine Technorati sortiert auf diese Weiser seit neuestem die tägliche Flut der Blog-Einträge, der Hyperlink-Container del.icio.us kategorisiert Verweise ins Web, und die Website 43things.com verknüpft Menschen miteinander, die ähnliche Lebensziele haben.
Die Attraktivität der Graßwurzel
Die Nutzer ordnen auf diese Weise selbständig das Netz. Diese Graswurzel-Gliederung hat bereits ihren eigenen Namen: Folksonomy, ein Neologismus, der sich aus "Folks" (Leute) und "Taxonomy" (Klassifizierung) zusammensetzt. Netz-Auguren vermuten, hier liege der wahre Grund für Yahoos Flickr-Übernahme: mit Hilfe von Folksonomy-Technik wolle Yahoo mittelfristig die eigene Suchtechnik verbessern.
Zu dieser Theorie würde passen, dass Yahoo-Sprecherin Joanna Stevens neulich gegenüber der IT-Nachrichtenseite News.com zugab, um digitale Fotos sei es dem Unternehmen bei dem Kauf nicht gegangen. Ausschlaggebend sei vielmehr "die Technologie" gewesen und "das smarte Gründerteam".
