Die Koalition der Willigen

Während des Irak-Krieges fand ein bemerkenswertes Medienexperiment statt: Ein junger Journalist berichtete via Internet direkt aus dem Kriegsgebiet. Finanziert wurde der 'ausgebettete' Reporter durch die Leser seiner Website. Ein Modell mit Zukunft?

Von Mario Sixtus

Die Frage, ob es sich bei Weblogs um eine Form von Journalismus handelt oder lediglich um subjektive "Online-Tagebücher" ohne publizistischen Wert und die Gegenfrage, ob News-Magazine im Web nicht eigentlich lediglich so etwas ähnliches sind wie Blogs, die halt redaktionell betreut werden, haben schon so manche Netz-Diskussion hochkochen lassen und dürften beide bis dato als unbeantwortet gelten. Nicht wenige standesbewusste Vertreter der schreibenden Zunft fühlen sich berufen, zwischen ihrer Berufsgruppe und Millionen bloggenden Amateuren eine deutliche Grenzlinie auf den virtuellen Webboden zu pinseln. Übertreten verboten.

Aber dieser, oft mühsam gezirkelte Trennstrich verwischt in letzter Zeit zusehends: Bloggende Journalisten auf der einen Seite und weblogähnliche, redaktionell betreute Netz-Kolumnen, wie sie beispielsweise BBC-Auslandskorrespondenten führen, auf der anderen Seite, weichen diese Demarkationslinie mehr und mehr auf.

Schon sehen Web-Visionäre und -Phantasten in dieser Grauzone einen Nährboden, aus dem sich eine vollkommen neue Form der Berichterstattung entwickeln könnte: "Mikro-Journalismus" soll zukünftig eine Eins-zu-eins-Informationsübermittlung zwischen Reporter und Leser ermöglichen und den Umweg über eine Zeitung oder ein Nachrichtenmagazin überflüssig machen. Schon wird in einschlägigen Foren von einer "eBayisierung" des Newswesens geschwärmt, über Versteigerungen von Reportagen nach dem Vorbild des Internet-Auktionshauses spekuliert oder über mögliche Bezahlmodelle gemutmaßt.

Allbritton: "Ausgebettet", aber nah dran

Während des Irak-Krieges trat Christopher Allbritton, ein in New York lebender, freier Journalist, mit seinem Projekt "Back to Iraq" (B2I) den Beweis dafür an, dass komplett autonome Berichterstattung prinzipiell zumindest möglich ist. Ausgestattet mit einem Satellitentelefon, einem wetterfesten Notebook, einer Digitalkamera und einer guten Portion Abenteuerlust, überquerte er mit Hilfe von kurdischen Schleusern Anfang April die Grenze zwischen der Türkei und dem Nord-Irak und dürfte so der erste Internet-Kriegsreporter gewesen sein. Eine Ein-Mann-Nachrichtenagentur, die nur ihren Lesern verpflichtet war.

Vorrausgegangen war eine Spendenaufruf per Website, der Allbritton letztendlich rund 14.000 Dollar in die Reisekasse spülte und ihm, neben der Finanzierung seiner Ausrüstung, eine vierwöchige Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet ermöglichte. Insgesamt 316 Leser spendeten je durchschnittlich 43 Dollar und erhielten Allbrittons Berichte und Fotos im Gegenzug fortan per eMail, einige Stunden bevor diese auf der Website auch dem Rest der Welt zugänglich gemacht wurden. Die Spendernamen finden sich noch heute auf der Seite, unter der Überschrift "Coalition of the Willing".

"Ich stolperte damals über die Homepage von Karyn Bosnak, die per Internet um Spenden bettelte, um ihr vollkommen überzogenes Kreditkartenkonto auszugleichen. Da dachte ich mir: Das kann ich besser!", erklärt Christopher Allbritton gegenüber SPIEGEL ONLINE, wie er zu der Idee kam.

Krisenzeiten werten den "O-Ton" auf

Der Zeitpunkt für das Pilotprojekt hätte auch kaum günstiger sein können: im Vorfeld des Irak-Feldzuges zeigten sich kritische US-Amerikaner zunehmend unzufrieden mit den weitgehend im patriotischen Gleichschritt berichtenden Mainstream-Medien, und machten sich auf die Suche nach alternativen Nachrichtenquellen. Europäische Newssites verzeichneten damals eine rapide Steigerung der Zugriffszahlen durch Leser aus dem amerikanischen Raum und neben dem "Baghdad-Blogger" der unter dem Psoudonym "Salem Pax" aus der irakischen Hauptstatt berichtete, gehörte auch das private Weblog des CNN-Kameramanns Kevin Sites, der mit seinem Team im Norden Iraks unterwegs war, schlagartig zu den am häufigsten verlinkten Internetangeboten.

Kevin Sites füllte sein Blog regelmäßig mit persönlichen Erlebnissen und Kommentaren und lieferte Fotos aus dem irakischen Alltag. Mittels so genannter "Audio Posts", kurzer Wortbeiträge, die er per Satellitentelefon einstreute, schaffte er es sogar, so etwas wie ein nostalgisches Radioreportagen-Feeling aufkommen zu lassen, bis CNN schließlich am 21. März dem Mitteilungsdrang seines Angestellten einen Riegel vorschob und Sites kurzerhand zur Einstellung seiner Internet-Aktivitäten aufforderte.

Mit solcherlei Problemen hatte Christopher Allbritton naturgemäß nicht zu kämpfen. Er interviewte Kurdenführer und Leute aus dem Volk, war beim Sturm auf Kirkuk vor Ort, wo man sein Auto unter Beschuss nahm, fotografierte Plünderer in Saddam Husseins verlassenen Palästen, aber dokumentierte auch Proteste und Demonstrationen gegen die amerikanischen Besatzer. "In der täglichen Arbeit gab es eigentlich keine sehr großen Unterschiede zur herkömmlichen Berichterstattung, außer vielleicht, dass ich auf die kollegiale Atmosphäre eines Newsrooms verzichten musste und darauf, dass mir ein Redakteur ab und an den Kopf streichelte. Je nach meiner Tagesverfassung wertete ich das entweder als positiv oder als negativ."

Aber anders als seine Kollegen bekam Allbritton auf seine Berichte auch ein unmittelbares Feedback seiner Leser. Und das war nicht immer nur positiv: "Einmal beschwerte sich ein Typ im Kommentarbereich der Website darüber, dass ich angeblich nicht nahe genug am Krieg sei und verlangte seine fünfzehn Dollar zurück. Am nächsten Tag berichtete ich über die Befreiung von Kirkuk und siehe da: er begann mir Komplimente zu machen."

Aber funktioniert der autarke Journalismus auch in Friedenszeiten? Bei Themen, die nicht so sehr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit angesiedelt sind? David Appell ist Wissenschaftsjournalist und experimentierfreudig genug, um diese Frage öffentlich zu stellen - und direkt zu beantworten. Appell recherchierte an einer Story über Zucker-Lobbyismus und die Versuche von Interessensverbänden, die WHO unter Druck zu setzen. Sicherlich ein durchaus interessantes Thema, aber genauso sicher auch keine Geschichte für die Titelseiten.

Appell versprach den Lesern seiner Website, die Ergebnisse der Recherche dort vorab zu veröffentlichen, sobald wenigstens 200 Dollar auf seinem Konto eingegangen seien. Mittlerweile hat man ihm insgesamt 425 Dollar überwiesen und er ist fleißig bei der Arbeit. Experiment gelungen.

Gehört also dem Mikro-Journalismus die Zukunft? Beziehen Reporter ihre Honorare bald nur noch direkt von ihren Lesern? Wird Berichterstattung zukünftig ein Take-Away-Business, bei dem Geschichten bestellt und geliefert werden? Rollt da ein digitales, publizierendes Pizza-Taxi auf uns zu? Ein weiterer Nagel im Sarg der momentan so arg gebeutelten Qualitätspresse?

Das glaubt ernsthaft momentan wohl niemand und Allbritton, der Vorreiter des autonomen Berichtens, dessen Website jüngst durch Aufnahme ins Internet-Archiv der amerikanische Kongress-Bibliothek geadelt wurde, stößt sich bereits an der Begrifflichkeit: "Ich bevorzuge 'unabhängiger Journalismus'. Mikro-Journalismus klingt für mich zu sehr nach kleinen Geschichten. Ich habe über einen Krieg berichtet. Das ist überhaupt nicht klein." Auch sonst ist der Pionier bei diesem Thema eher skeptisch: "Ich denke auch wirklich nicht, dass persönliche Weblogs die dominierende Form der Nachrichtenmedien sein sollten. Sie sind bruchstückhaft, meinungsgeprägt und - offen gesprochen - liegen sie oft falsch. Ich hoffe B2I war und ist eine der wenigen Ausnahmen."



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