
Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht
Von Mario Sixtus
Videos auf dem Handy-Display, bunte Infos aus dem Internet, massenhaft verschickte Bildnachrichten: So stellte man sich 2003 das Jahr 2005 vor. "Mobile Multimedia" hieß der Cebit-Trend vor zwei Jahren. Die Fakten von heute sind ernüchternd: Lediglich 11 Prozent der Mobiltelefonierer gehen ab und zu mit ihrem Handy ins Internet und nur 16 Prozent verschicken Multimedia-Messages (MMS), fand kürzlich eine Umfrage im Auftrag der DPA heraus. Auch über die eingebaute Kamera freut sich offenbar nur eine Minderheit: Ganze 23 Prozent nutzen sie. Der archaische Text-Dienst SMS erfreut sich dagegen ungebrochener Beliebtheit. Von den 14- bis 19-Jährigen verschicken sogar 97 Prozent die kurzen Textschnipsel.
Der Verbraucher, das unbekannte Wesen. Immer häufiger gelangen Technologien auf den Markt, die ganz offensichtlich an den Bedürfnissen der Kunden vorbei entwickelt wurden. Sie funktionieren zwar oft fehlerlos, ihr Nutzwert will sich dem potenziellen Anwender aber partout nicht erschließen. Was global agierenden Unternehmen das Leben zusätzlich schwer macht: Der Erfolg in einem Kulturkreis lässt sich nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen. MMS sind beispielsweise andernorts durchaus ein Renner. In Asien ist der Versand von quietschbunten Handy-Bildchen ein beliebtes Hobby. Die nüchternen Europäer ziehen dagegen schmucklosen Text vor und US-Amerikaner entdecken das Texten gerade erst.
Geht man die Cebit-Trends der letzten Jahre durch, stößt man auf etliche hoffnungsvoll gestartete Innovationen, die außer ihren Entwicklern niemand begeistern konnten. Erinnert sich noch jemand an die so genannten Webpads? Diese heftgroßen Stiftcomputer, die speziell für den Internetzugriff konzipiert waren, sollten das drahtlose Surfen daheim, über die Telefontechnik DECT ermöglichen. Auf der Cebit 2001 gehörten die flachen Brettchen zu dem am meisten herumgezeigten Geräten – bevor sie kurz danach im Plunderkasten der Geschichte landeten. Dort liegen sie jetzt direkt neben den Ebook-Readern, jenen buchähnlichen Anzeigegeräten, von denen es 1999 hieß, sie würden das gesamte Verlagswesen revolutionieren. In beiden Fällen hätte man wohl vorher besser jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Einen Endkunden zum Beispiel.
"Videotelefonie im Festnetz wird ein Blockbuster" tönt in diesem Jahr Vodafone und holt damit rechtzeitig zur Cebit eine Idee aus der Rumpelkammer, die sich seit den Science-Fiction-Filmen der 50-er Jahre zum zuverlässigen Wiedergänger entwickelt hat. Das letzte Mal wurde sie 1997 von der Telekom entstaubt, die damit auf neue Nutzer für ihr ISDN-Netz hoffte. 2001 stellte die Telekom die Produktion dieser Fernsehquasselkisten sang- und klanglos ein. Jetzt soll die schnelle Datentechnik DSL den Bildquatschen zum Durchbruch verhelfen, hofft zumindest Arcor. Skeptiker weisen dagegen auf das Grundproblem der Videotelefonie hin, das weniger ein technisches, sondern ein menschliches ist: Jeder solle nur kurz überlegen, wie oft er mit seinem Chef oder einem Geschäftspartner telefoniert habe und gleichzeitig froh darüber war, dass es noch kein Bildtelefon gab. Die Momente mit Rasierschaum im Gesicht oder im zerknitterten Schlafanzug sind dabei wahrscheinlich noch die harmlosesten.
Eine andere, ebenfalls für den Massenmarkt entwickelte Technologie, schickt sich derweil an, in eine Nische abzuwandern: Bluetooth. Einst wurde der Kurzstrecken-Datenfunk als ultimative Lösung zur drahtlosen Heimvernetzung gefeiert. Diese Aufgabe übernimmt inzwischen längst der leistungsfähigere Wlan-Standard. Der Blauzahn-Funk findet sich höchstens noch in Mobiltelefonen, um diese mit drahtlosen Freisprechanlagen oder mit einem Laptop zu verbinden. Bei den Handy-Herstellern hat man bereits entsprechend reagiert: Im unteren Preissegment sucht man mittlerweile Bluetooth-fähige Geräte vergeblich.
Bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung, die von Vielen zu dem "Cebit-Trend 2005" ausgerufen wurde, beim Endkunden auf mehr Akzeptanz stößt: Computersicherheit.
