Das Nicht-Windows

Emanuele Aliberti und sein weltweit verteiltes Team von Open-Source-Programmierern stricken am alternativen Betriebssystem der Zukunft. Ihr Ziel: Absolute Kompatibilität zu Windows, aber kostenlos, sicherer und unkomplizierter. Ein Alptraum für Microsoft, ein Traum für PC-Nutzer.

Von Mario Sixtus

Wenn man Programmierer nach ihren gerade laufenden Projekten fragt, füllen sich ihre Augen normalerweise mit Glanz und ihre Sätze mit Superlativen.

Nicht so bei Emanuele Aliberti. Der sechsunddreißigjährige Systemadministrator aus Italien bittet uns: "Packen Sie nicht soviel Begeisterung in den Artikel." Na gut, wir werden uns bemühen. Aber warum? "Das ist die Art, wie Microsoft über Windows redet. Bitte sagen Sie, dass ReactOS nicht Windows ist, genauso wie Linux nicht Unix ist." Was wir hiermit erledigt hätten.

Bei aller gebotener Zurückhaltung und ganz ohne falsche Begeisterung: Was sich Aliberti und seine Mitstreiter vorgenommen haben, könnte sich zu einer mittleren Sensation mausern. Die zwanzig bis dreißig weltweit verstreuten Entwickler werkeln an einem Betriebssystem, das hundertprozentig kompatibel zu Windows-Applikationen und Gerätetreibern sein soll. In Sachen Ausnutzung der Hardware-Resourcen will man den Weltkonzern sogar noch übertreffen und ganz nach GNU-Tradition wird das System für jeden Nutzer kostenlos sein.

Der kleine Idealistentrupp möchte mit ReactOS das Haupthindernis für einen Wechsel des PC-Betriebssystems elegant umgehen. Zwar findet Linux weltweit immer mehr Anhänger und hat mit gut drei Prozent Marktanteil auf dem Desktop-Sektor den Apple Macintosh bereits knapp überholt, aber leider mangelt es der Pinguin-Plattform derzeit noch in vielen Bereichen an professionellen Anwendungen und auch Nutzer exotischer Hardwarekomponenten können nur hoffen, dass die passenden Treiber vielleicht irgendwann einmal entwickelt werden. All diese Probleme hätte der ReactOS-Anwender nicht: Mit einem Schlag stände ihm die ganze Welt der Windows-Applikationen offen.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Zurzeit liegt das System in der Version 0.2 vor und neben dem Explorer und einem Minesweeper-ähnlichem Spiel lassen sich nur ein paar systemeigene Programme bewundern.

Zeitplan: Ein Jahr bis zum Launch?

Aber das soll sich schon bald ändern: "Bereits im Herbst dieses Jahres werden größere Anwendungen wie der Webbrowser Mozilla oder Open Office funktionieren", hofft Thomas Weidenmüller. Der 19jährige Fachoberschüler aus Wunsiedel in Bayern investiert nahezu jede freie Minute in ReactOS: "Inklusive Wochenenden und Feiertagen können das schon 45 Stunden pro Woche werden."

Weidenmüller ist sich sicher, dass spätestens im Frühjahr 2005 das alternative Betriebsystem für alltägliche Arbeiten geeignet sein wird. Textverarbeitung, E-Mailen oder das Web durchstreifen sollen dann problemlos möglich sein.

ReactOS geht auf die Initiative FreeWin95 zurück, die 1996 einen freien Windows95-Klon züchten wollte. Dummerweise verloren sich die Programmierer in Grundsatzdebatten und Glaubenskriegen, was ihre produktive Arbeit arg lähmte. 1997 tauchte dann mit Jason Filby die Persönlichkeit auf, die dem zerstrittenen Haufen bislang offenbar gefehlt hatte.

Enge Verbindungen zu Linux-Projekten

Fortan wurde auch eng mit dem WINE-Team kooperiert, das sich seit Jahren müht, Windows-Programme unter Linux lauffähig zu machen. Trotz der Nähe zum Linux-Team ziehen die Entwickler jedoch eine klare Trennlinie. Alexey Bragin, Student der Computerwissenschaften aus Moskau stellt klar: "Wir verfolgen unterschiedliche Ziele. ReactOS richtet sich an Leute, die freie Software mögen, aber auf die Bequemlichkeit von Windows nicht verzichten wollen."

Berührungsängste zum Redmonder Riesen existieren offensichtlich nicht. "Ich habe sogar schon für Microsoft gearbeitet und Programmteile übersetzt", bekennt der 21jährige Russe und fügt verschmitzt hinzu: "Außerdem nehme ich aktiv am Microsofts .NET-Programm an unserer Universität teil. So bin ich immer über die neuesten Technologien informiert."

Direkte Kontakte zum Softwarekonzern gab es allerdings noch nicht. Filby vermutet: "In diesem Stadium ist es wahrscheinlich in ihrem besten Interesse, uns zu ignorieren, weil jede Stellungnahme öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen würde und uns dadurch sogar zusätzliche Entwickler bescheren könnte."

Emanuele Alberti, der Mann mit der Euphorie-Bremse, gibt proprietären Betriebsystemen sowieso keine Chance mehr: "Durch die zunehmende technologische Komplexität und die kürzer werdenden Produktzyklen, gehört die Zukunft definitiv den offenen Systemen." Und ein wenig Begeisterung scheint auf einmal doch mit zu schwingen.



Kurze Werbeunterbrechung:


Jetzt kommentieren!


Aus der gleichen Publikation:

 



















































Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Den klassischen TV-Sendern laufen die Kunden davon. Immer mehr Internetnutzer ziehen sich ihr Programm direkt aus dem Netz - individuell, kostenlos und werbefrei

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht

Social Software und das neue Leben im Netz

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

In der durchdigitalisierten Welt werden Entfernungen gleichgültig. Ferndiagnose, Fernwartung, Fernsteuerung: So genannte Remote Services spielen in Industrie, Medizin und vielen anderen Bereichen eine immer größere Rolle

Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen

Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet

Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, macht leichter Geschäfte. Kontaktplattformen wie LinkedIn und OpenBC können helfen, diesen Jemand kennen zu lernen.

Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"

Ein Gremium des Europa-Parlaments entscheidet heute, ob das Gesetzgebungsverfahren der EU komplett neu gestartet wird

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Drei Schritte vor, zwei zurück und einen zur Seite: Der Hickhack innerhalb der EU um die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Befürworter eines kompletten Neustarts des mittlerweile fast drei Jahre dauernden Verfahrens schöpfen Hoffnung: Polnische Diplomaten haben trickreich den Weg dafür frei gemacht.

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.