Über Gott und die Welt hören

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Von Mario Sixtus

Das Geld scheint im Haus von William Shatner knapp zu sein, groß jedoch der Glaube an seine Fans. Anders ist kaum zu verstehen, dass der 73-jährige Darsteller des Captain Kirk aus dem Filmhit "Raumschiff Enterprise" ein Rock-Album auf den Markt bringt, das kaum eine Radiostation auf den Teller legen mag.

Wer den ehemaligen Weltraumhelden hören will, muss das Internet anschalten, beispielsweise die Sendung "Normcast". Hier agiert der Plattenliebhaber Norman Osthus als Moderator einer Mischung aus Musik und Informationen aller Art. "Macht’s gut, bleibt frisch, bis die Tage", verabschiedet sich der 36-jährige Informatiker jedesmal munter von seinem Publikum. Osthus’ Plaudereien landen automatisch auf einem an den PC angeschlossenen MP3-Player seiner Stammhörer. "Podcasting" nennt sich diese junge Variante des Radio-on-Demand.

Ohne große Frickelei kann jeder mit Hilfe der Software iPodder Radiosendungen aus dem Netz aufzeichnen und jederzeit an beliebigem Ort hören. iPodder prüft selbsttätig, ob die neue Sendung im Netz bereitliegt. Der Nutzer muss lediglich einmal die entsprechende Adresse eingeben. "Ich wollte schon immer Radio machen", sagt Osthus, "als Podcast kostet mich die Produktion praktisch nichts."

Eine der größten Hörergemeinden versammelt der Erfinder des Podcastings, der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry, um sich. Currys eigene Plauder- und Musikstunde "The Daily Source Code" verfolgen etwa 50 000 Abonnenten. Seit Curry vor einem halben Jahr iPodder veröffentlichte, wächst vor allem in den USA die Zahl der Podcasting-Sendungen rasant. Im Februar meldete das Verzeichnis ipodder.org den 3000. Eintrag.

Ob tiefgläubig oder Technokrat – für nahezu jeden findet sich etwas. So behandeln die "IT Conversations" technologische Trends, der "GodCast" verspricht die "tägliche Dosis von Gottes Wort", und zahllose Musikprogramme decken das Spektrum zwischen Death-Metal und Drum ’n’ Bass ab. Viele sehen in Podcasts die Audio-Entsprechung zu privaten Online-Journalen, den so genannten Blogs.

Manche Beobachter wähnen bereits die gesamte Medienbranche im Umbruch. "Die Tage, in denen Programmplaner die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt vor den Geräten versammeln konnten, sind gezählt", glaubt Terry Heaton, Medienberater und Buchautor aus Nashville. Preisgünstige Technologien wie Blogs oder eben Podcasting seien im Stande, die Eintrittshürden in die Medienwelt dauerhaft zu senken.

Solcherlei revolutionäre Töne sind hierzulande eher selten. Das Hauptthema vieler deutscher Podcasts: Podcasting. "Dass sich ein junges Medium oft mit sich selbst beschäftigt, ist normal", findet Thomas Wanhoff. Der Online-Journalist vermisste aber irgendwann "ernsthaftere Inhalte". Seit Januar produziert er daher "Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft" und parliert im Wochenrhythmus über Farbdarwinismus, Quantencomputer und DNA-Barcodes. "Ich versuche, Themen aufzugreifen, die einem nicht jeden Tag in Wissenschaftssendungen im Fernsehen begegnen", erläutert er sein Programm. Zu Spitzenzeiten zieht er immerhin 700 Hörer an.

Eine solche Nische nutzt auch Frank Westphal. Der Hamburger ist Trainer für "Extreme Programming" und "Agile Software-Entwicklung". Ein Feld, auf dem sich in Deutschland vielleicht einige Hundert Spezialisten auskennen. Ihnen bietet Westphal seit Neuestem mit "Tonabnehmer" den Podcast zum Fachgebiet. "Man zwingt niemanden, zu einer bestimmten Zeit einzuschalten, und erreicht so Leute, die wenig Zeit haben", sagt er. Westphal selbst hält sich dank englischsprachiger Hörprogramme auch unterwegs über IT-Entwicklungen auf dem Laufenden.

Am häufigsten liefern Podcasts allerdings Musik. Viele Podcaster übernehmen die mühselige Suche nach neuen Stücken junger Musiker, die ihre Produktionen kostenlos ins Netz stellen, und versorgen Fans regelmäßig mit frischem Ohrenfutter. Auch Moritz Sauer, Gründer des Web-Magazins "Phlow.net", beliefert seine Leser mit frischen Tonwerken aus dem Web. Sauer weiß allerdings auch um die Ambivalenz solcher Angebote: Viele Podcaster seien sich nicht über das juristisch dünne Eis im Klaren, auf dem sie ständen. "Im Endeffekt ist ein Podcast eine Sammlung von direkten Download-Links. Und die müssen geprüft werden, sonst hagelt es Abmahnungen und Beschwerden", warnt Sauer.

Das Radar der Gema konnten die Minisender bisher unterfliegen. "Radioprogramme zum Downloaden? So etwas hatten wir bisher noch nicht", räumt Ernst Hecht, Abteilungsleiter Multimedia bei der Gema-Direktion München, ein, "das wäre ein Sonderfall, für den wir ein spezielles Vergütungsmodell entwickeln müssten." Die übliche Lizenzzahlung für Internet-Downloads beträgt zehn Cent für jeden Gema-pflichtigen Song. "Dieses Modell", sinniert Hecht "kann man hier wohl nicht guten Gewissens anwenden."

Auf der sicheren Seite sind die Selfmade-Sender nur, wenn sie ausschließlich Gema-freie Klänge ausstrahlen. Das bedeutet: keinen William Shatner mehr. Dabei haben die MP3-Radios durchaus auch positive Wirkung für die Plattenbranche, wie Moderator Osthus weiß: "Drei Hörer haben sich direkt nach meiner Sendung die Shatner-Scheibe gekauft."

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