Das Hit-Orakel von Barcelona

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Von Mario Sixtus

Als Norah Jones ihr Album "Come away with me" veröffentlichte, glaubten Fachleute kaum an einen nennenswerten Erfolg. Zu jazzig und zu altmodisch, nörgelten viele, die glaubten, die Mechanismen des Pop-Marktes zu durchschauen. Mike McCready war dagegen fest davon überzeugt, die melodischen Songs würden in die Hitparaden aufsteigen - und er behielt Recht.

McCready ist seit 14 Jahren im Musikmarketing tätig, 1999 schaffte es der in Barcelona lebende Amerikaner sogar mit ein paar eigenen Songs in die spanischen Charts. Doch er setzte nicht auf Grund seiner Berufserfahrung auf Norah Jones. "Es ist pure Mathematik", sagt er. Bei acht Songs auf dem Album habe die Software ein "außergewöhnlich hohes Chart-Potenzial" erkannt.

McCready ist Chef des Unternehmens Polyphonic HMI. Gemeinsam mit der Partnerfirma AIA entwickelte die Gesellschaft 2002 die Software Hit Song Science (HSS). Das Ziel: Noch vor dem Markteintritt die Verkaufschancen eines Stücks ermitteln.

"Mit HSS und der Musikindustrie ist es wie mit Berufssportlern und Doping", sagt ein Insider. "Viele tun es, niemand spricht darüber." Die Produzenten von Anastasia gehören angeblich ebenso zu den Nutzern wie Robbie Williams. Offen zugeben will es kaum jemand.

Einer der wenigen, die bekennen, Elaborate ihrer Künstler vom Computer vorhören zu lassen, ist der deutsche Produzent Frank Plasa (Echt, Selig, Falco): "Musik ist niemals neu. Die musikalischen Parameter Rhythmus, Melodie und Tempo lassen sich nie neu erfinden", erklärt er. Das System könne funktionieren, wenn man "sehr mainstreamig" denke. Plasas Erfahrungen mit HSS sind positiv: "Wir haben beispielsweise vier Songs von Daniel Hall analysieren lassen und tatsächlich: Der eine Track, bei dem die Maschine eine hohe Punktzahl ausgeworfen hatte, hielt sich neun Wochen in den Radio-Charts."

"Die Musikindustrie landet im Schnitt einen Hit unter fünf bis sechs Veröffentlichungen", sagt McCready. HSS habe dagegen eine "100-prozentige" Erfolgsquote. Jedes Mal, wenn HSS Chart-Potenzial erkannt habe, sei der Song unter die Top-40 gekommen. Plasa sieht in der Software auch einen "Rückenstärker" für von Selbstzweifeln geplagte Manager. Die Branche sei schließlich derzeit davon gezeichnet, dass "niemand mehr weiß, was gut ist und was nicht." Beim Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie in Illmenau ist man HSS gegenüber "relativ skeptisch" eingestellt. Bisher seien solche Technologien einfach noch nicht weit genug, um verlässliche Aussagen zu machen und um Geld dafür zu verlangen, sagt Experte Markus Cremer.

Billig ist der Musik-TÜV in der Tat nicht. 5000 Euro verlangt McCready für die Analyse eines kompletten Albums. Bei fortlaufender Betreuung zum Zwecke der Feinabstimmung einer Produktion, sind auch schon mal 12 000 bis 15 000 Euro fällig. Cremer, Mitarbeiter des MP3-Erfinders Karlheinz Brandenburg, vermutet, das Programm bewerte eher die Produktion als die Komposition: Man könne mit einfachen Mitteln die Klangqualität ermitteln, das helfe, mies aufgenommene Musik herauszufiltern und ein Lied einem Genre zuzuordnen. "Das kann natürlich für ein paar Glückstreffer reichen." Von Glück will McCready nichts wissen: "Unsere Technologie ist für die Musikwirtschaft das, was die Röntgentechnik für die Medizin ist. Ein Röntgenbild allein nützt nichts ohne einen guten Doktor." Auch mit Genre-Kategorisierungen habe sein System nichts zu tun. So habe ein Label versucht, einen Jazzsänger beim Norah-Jones-Publikum bekannt zu machen. Eine HSS-Analyse habe gezeigt, dass die musikalischen Muster eher denen von Aerosmith ähnelten. Die Firma habe also die falsche Zielgruppe umworben.

Frank Fenstermacher, Musiker (Der Plan, A Certain Frank, Fehlfarben) und Mitbegründer des Düsseldorfer Labels Atatak hat eine klare Meinung zu den spanischen Chart-Auguren: "Hitmusik für Rundfunk und Fernsehen ist sehr formatiert." Nahezu jeder könne gegen viel Geld Tipps dafür geben, "wie etwas klingen soll, damit es klingt, wie etwas mal geklungen hat".

Im Netz
http://www.polyphonichmi.com
http://www.idmt.fraunhofer.de
http://www.atatak.com



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