
Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"
Von Mario Sixtus
Die Medienwelt steht vor einem Umbruch. Digitale Technologien verändern die Branche und fordern neue Geschäftsmodelle. Darüber sind sich Fachleute zwar einig, wohin genau die Reise aber gehen wird, traut sich niemand vorauszusagen. In der vergangenen Woche lud Hubert Burda Media zum "Digital Lifestyle Day" ins Münchener Schloss Nymphenburg, um mögliche Wege in die neue Welt zu erörtern.
"Manchmal erinnert mich das alles an 1995", sagt Hubert Burda auf dem Podium des Hubertussaals. 200 Gäste aus Wirtschaft und Medien sind seiner Einladung gefolgt und lauschen den Worten des Medienzaren. "Langsam, nach Zeiten mit schweren Stürmen, formt sich nun eine Landkarte, mit neuen Bergen und Städten, von deren Existenz wir vor zehn Jahren noch nichts ahnen konnten."
Einer dieser markanten Punkte auf der Karte ist sicher die Foto-Community "Flickr". Aus dem Stand heraus erreichte der Bilderdienst eine ungeheure Popularität, vor allem in der Weblog-Szene. Dabei ist seine Existenz genau genommen einem Unfall zu verdanken. "Eigentlich wollten wir ein Multiplayer-Online-Game entwickeln", sagt Catarina Fake, Mitbegründerin des Unternehmens.
Werkzeug des Bürgerjournalismus
Flickr" erlaubt es nicht nur Fotos von Kameras oder Handys im Netz zu veröffentlichen; die Nutzer können Zusatzinformationen, etwa über die Herkunft der Bilder oder die darauf abgelichteten Personen eingeben. "'Flickr' ist somit auch ein Werkzeug des Bürgerjournalismus", erklärt Fake. Nicht nur nach dem Tsunami, auch nach dem Bombenattentat auf die australische Botschaft in Jakarta, waren Fotos von diesen Ereignissen bei Flickr zu finden, lange bevor sie in den klassischen Massenmedien auftauchten.
Ein Kollektiv ganz anderer Art stellt Michael Breidenbrücker vor. Seine Plattform "last.fm" bringt Menschen anhand ihres Musikgeschmacks zusammen. "Das zugrunde liegende Prinzip von 'last.fm' kennt wahrscheinlich jeder", mutmaßt Breidenbrücker, "wenn mir in der Plattensammlung eines Freundes viele Scheiben gefallen, gibt es gute Chancen, dass ich dort etwas Neues entdecke, das meinem Geschmack entspricht." Ähnlich wie das Buch-Empfehlungssystem von Amazon, führt "last.fm" seine Nutzer so zu neuer Musik.
"Mainstream der Minderheiten"
"Bei uns teilen die Leute ihren Geschmack, ihr Wissen und nicht ihre MP3-Dateien", sagt Breidenbrücker. Dies sei natürlich besonders interessant für Menschen mit eher ausgefallenen Musik-Vorlieben. "Mit einer globalen Nutzerschaft ist man auch als Exot nicht lange allein." Für Produzenten hieße das andererseits, auch vormalige Nischen können zu interessanten Märkten werden. "Wir sprechen da gerne von dem Mainstream der Minderheiten", sagt Breidenbrücker.
Für Erstaunen sorgt der Vortrag von Yat Sui, Gründer und Chef des Unternehmens Outblaze. Er berichtet von den Netztrends in Asien, die sich von der Entwicklung in den USA und in Europa weitgehend abgekoppelt haben. "In Korea gilt Email als ein Dienst für alte Leute", sagt Sui. Junge Menschen würden die schnellere Kommunikation per Instant Messaging vorziehen - und zwar mit ihrem Mobiltelefon. "Die Jugendlichen sagen dort: eine Email schicke ich vielleicht an meinen Professor oder an meine Eltern", erklärt Sui.
Selbstmord nach virtuellem Tod
Auch in Sachen Breitband hat man in Asien deutlich die Nase vorn. In Südkorea verfügen beispielsweise 60 Prozent der Bevölkerung über einen schnellen Internet-Zugang. "In den USA oder Europa versteht man unter Breitband vielleicht ein Megabit in der Sekunde. In Asien meinen wir 100 Megabit damit", klärt Sui das Publikum auf.
Den größten Boom erleben in Asien derzeit virtuelle Online-Welten. "Allein in China beteiligen sich 20 Millionen Nutzer daran", sagt Yat Sui, "und ich rede nicht von ein paar Minuten täglich, sondern von mehreren Stunden." Es habe sogar schon Selbstmorde nach dem Verlust einer künstlichen Spielfigur gegeben. In Thailand seien die Online-Spiele in Internet-Cafés mittlerweile erst ab 18 Uhr erlaubt, da zu viele Studenten lieber ihre künstlichen Orte aufgesucht hatten, als ihre real existierenden Unis. "Das Umfeld dieser Spiele ist für Viele inzwischen so real, dass es zu einem gesellschaftlichen Problem wird."
Mix ohne roten Faden
Leider konnte der "Digital Lifestyle Day" das Niveau, das die ersten Redner vorgegeben hatten, nicht halten. In der Folge ergoss sich eine recht zusammenhangloser Mix aus Firmenpräsentationen und Selbstdarstellungen über das Publikum. So mancher musste da Hubert Burda Recht geben. "Das erinnert wirklich ein wenig an 1995", sagt ein Besucher.
