
Das ist die Geschichte von Google; die Geschichte einer kleinen sympathisch-schnuckeligen Suchmaschinenfirma in Turnschuhen, die sich auf Grund hervorragender Leistung zum Suchmaschinen-Monopol mausert, sich um ein viel genutztes Weblog-Tool erweitert und schließlich 70-80 Prozent der Besucherströme im Internet regelt. Und - dunkel ist die Macht - so mutiert das schnuppige Unternehmen unter der minimal-designten Oberfläche zu einem Microsoft der Information. In dieser Ausgabe Teil eins: Wie alles begann.
Von Mario Sixtus
Ein Raunen ging Mitte Februar durch den digitalen Blätterwald, als bekannt wurde, dass Google, die mit Abstand erfolgreichste und beliebteste Internet-Suchmaschine, die Weblogs-Community "Blogger" für eine nicht näher genannte Summe übernommen hatte. Wildeste Gerüchte und Spekulationen über diesen Coup, der sämtliche Netzbeobachter vollkommen überraschte, machten schneller als ein Doppelklick die Runde und die üblichen Netzauguren und Orakel übertrafen sich mit Prophezeiungen über die möglichen Folgen dieses Deals, dass es nur so eine Freude war. Grund genug, die beteiligten Unternehmen und die ihnen zugrunde liegenden Philosophien und Phänomene einmal genauer zu betrachten, um selbst einmal ein wenig öffentlich zu spekulieren.
Suchen Anno Tobak
Um die beispiellose Erfolgsgeschichte von Google verstehen zu können, begeben wir uns einmal gedanklich zurück in das Jahr 1997, als das Web sich gerade aufmachte, endgültig zum Massenphänomen zu werden. Es war eine Zeit des zügellosen Wachstums, vor allen Dingen aber ein quantitatives. Ein frisch mit Venture Capital ausgestattetes Start Up nach dem anderen launchte seine Community, sein Portal, seinen Online-Store mit realtime Vogelfutter-Bestellmöglichkeit. Alteingesessene Unternehmen, die befürchteten, den Anschluss zu verpassen, schaufelten megabyteschwere Produktdarstellungen ins Web. Millionen Privatanwender, die gerade die AOL-CD aus der HÖRZU gefriemelt hatten, schickten sich an, ihre berüchtigten Ich-und-meine-Katze-Seiten auf die einschlägigen Free-Webspace-Server zu pumpen.
Die einzige Möglichkeit, sich in dieser Angebotsschwemme zurechtzufinden, waren handgepflegte Verzeichnisse, wie beispielsweise Yahoo - oder eben Suchmaschinen, wie der damals gerade aufgehende Stern Altavista. Aber gerade die Suchmaschinen stellten sich zunehmend als den steigenden Anforderungen des Mediums nicht mehr gewachsen heraus.
Herkömmliche Web-Recherche-Maschinen bewerten seit Jahr und Tag die Relevanz einer Seite nach einem verhältnismäßig simplen Prinzip: eine Kombination aus Häufigkeit des jeweiligen Suchbegriffes im Fließtext, in den Meta-Tags, im Seitentitel, in den Überschriften und in der Domain entscheidet darüber, ob eine Seite in der entsprechenden Trefferliste ganz oben oder an Stelle 14587 dargestellt wird.
Diese Vorgehensweise machte Suchmaschinen natürlich verwundbar. Leute mit einer ähnlichen Charakterlage wie die, die einen täglich mit "Free-Teen-Pussy-Porn"-Mails zumüllen, begannen flugs diese durchsichtige Technik auszuhebeln.
Was ist leichter, als sich unter einer exotischen Südseeinsel-Domain sagen wir einmal www.startrek-fansite.nu zu besorgen, die entsprechende Seite im Title, Body, Meta-Tag, etc. hundertfach mit den Begriffen "Star Trek, Enterprise, Voyager" und vielleicht noch dem einen oder anderen klingonischen Blutwein-Rezept zu füttern, danach dann einen 0190-Dialer auf die Seite zu kleben und Hunderte, sich selbst aufrufende Porno-PopUps dort einzuflechten, um sich anschließend zurückzulehnen und sich über jeden Klick eines unbedarften Mr. Spock-Fans zu freuen.
So wurden die Trefferseiten der altgedienten Suchmaschinen zunehmend nutzloser, da nicht nur oben erwähnte, unter Charakterschwäche leidenden Individuen sich des 'Suchmaschinen-Spams' bedienten, sondern zunehmend auch Reiseveranstalter, Buchhändler, Online-Auktionshäuser und Handylogodealer, die sich beispielsweise so knackige Domains besorgten wie www.klingeltöne-logos-sms-mailboxsprüche.de
Die Pioniere
Und genau zu diesem Zeitpunkt trat Google auf den Plan, der weiße Ritter, der angetreten ist, uns von dem ganzen überflüssigen Müll im Netz zu befreien. Googles Erfolgsgeschichte basiert vor allen Dingen auf dem patentierten "PageRank"-Algorithmus, den die damaligen Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin sich aus den Hirnen gewrungen hatten. Das Grundprinzip dieses Systems ist - wie so oft bei genialen Ideen - denkbar einfach. Larry und Sergey gingen davon aus, dass nicht alle Seiten im Netz gleichviel wert sind. Es gibt Wichtiges und Unwichtiges, Langweiliges, Ärgerliches und Faszinierendes im Web, wie wir alle wissen. Da Maschinen nun mal schlicht zu blöd sind, um Relevantes von Irrelevantem zu trennen, nahmen die beiden die von Menschenhand hergestellten Verknüpfungen des Webs als Qualitätskriterium: die Links.
Um zu obigem Beispiel zurückzukehren: die Betreiber unserer .nu-Site könnten bei anderen Websitebetreibern und Verzeichnissen wahrscheinlich bitten, betteln und auf den Knien herumrutschen, man würde trotzdem keinen Link auf seine Seite legen. Punkt. Wohingegen eine interessante, mit gutem Inhalt gefüllte Startrek-Fansite gerne verlinkt wird, selbst wenn sie eine unaussprechliche und ellenlange URL haben sollte.
Für den PageRank bei Google ist jedoch nicht nur die Anzahl der Links relevant, die auf die Betreffende Seite verweisen, sondern auch die Qualität der Websites, die diesen Verweis setzen. Unser Spammer von weiter oben könnte sich somit zwar mühsam Hunderte von Free-Webspace-Seiten zusammenbasteln, die alle einen Link auf seine Dialer-Site enthalten, da diese Seiten aber ihrerseits wiederum einen PageRank von Null aufweisen dürften, nützt ihm das nicht die Bohne.
Wohingegen unsere Fansite mit der unaussprechlichen URL mittlerweile zahlreiche Links von relevanten Film- und SciFi-Websites einsammeln konnte und sich so Link für Link, kontinuierlich einen respektablen PageRank erarbeitet hat.
Mittlerweile ist der PageRank-Algorithmus natürlich wesentlich komplexer und bezieht auch andere Aspekte wie zum Beispiel den Link-Text in die Gewichtung mit ein, am Grundprinzip hat sich aber bis heute nichts geändert. Doch der Pferdefuß dieser Technik soll hier jedoch auch nicht verschwiegen werden: das ganze Google-Prinzip ist schlichtweg ausgesprochen langsam. Der Index wird im Schnitt alle vier Wochen aktualisiert (Google-Esoteriker behaupten bis heute, dass dies jeweils bei Vollmond passiert) und eine nagelneue Website, egal wie interessant und relevant sie sein mag, hat zunächst nicht den Hauch einer Chance, in den Trefferlisten aufzutauchen, sondern muss sich erst mühsam die notwendigen Links zusammenschnorren. In einem lebendigen, pulsierenden, ständig mutierenden Web, ist dieser Fakt natürlich fatal und allein die Tatsache, dass die Konkurrenten diese Problematik mitunter noch viel schlechter in den Griff bekommen, sichert Googles Spitzenposition unter den Recherche-Machinen.
Die freundlichen California Beach Boys
Google machte von Anfang an alles richtig. Während der damalige Branchenprimus Altavista auf die Consultans mit den kryptischen Berufsbezeichnungen hörte und seine Suchmaschine Stück für Stück um Dienste, Zusatzdienste und noch mehr Dienste erweiterte und schließlich die eigene Webseite so sehr mit Partnerangeboten und Klicki-Bunti-Bannern zugekleistert hatte, dass man Mühe hatte, das eigentliche Sucheingabefeld zu finden, holten sich die Jungs von Google den Usability-Guru Jacob Nielsen ins Büro und lauschten nicht nur seinen Ratschlägen, sondern handelten sogar danach, was bis heute ungewöhnlich genug ist. Das Ergebnis war eine pure, schnörkel- und schmucklose Weboberfläche, die einzig und allein dem Funktionalitätsprinzip folgte und die präzise für eine einzige Tätigkeit ausgelegt war: der Suche im Web. Statt auf bunte Werbebanner setzte man bei Google auf kontextrelevante Text-Ads, die nicht nur für eine schnellere Ladezeit der Seite sorgten, sondern außerdem bei weitem nicht so störend wirkten und obendrein eine weitaus höhere Klickrate aufwiesen, als knallbunt animierte GIF-Grafiken.
Alle hatten Google lieb. Zu den beiden Erfolgsfaktoren Suchtrefferrelevanz und funktionale Website, trug sicher auch das freundliche Turnschuh-Image des Unternehmens zur rasend schnellen Mauspropaganda-Verbreitung bei. Geschichten von Rollhockey-Turnieren unter Google-Mitarbeitern, von Mitgründer Sergey Brin, der bis heute ein kleines, umweltfreundliches Elektromobil der Marke "Ford Think" fährt statt eines standesgemäßen Straßenkreuzers, und von säuglingsstillenden Programmiererinnen im Büro, verschafften dem Startup einen geradezu legendenhaften Hippie-Ruf, der Google bis heute vorauseilt.
Gerade bei einer Suchmaschine ist der emotionale Aspekt nicht zu unterschätzen. Während so mancher Oberstudienrat im Buchladen den Hut tiefer ins Gesicht zieht, wenn er sich langsam zu den Regalen mit erotischer Literatur vorschiebt, vertraut der Internetuser auf die Diskretion der digitalen Recherchehilfe und tippt mitunter eine Ferkelei nach der anderen ins Suchfeld. Eine Suchmaschine ist im Idealfall verschwiegener als ein Urologe und taktvoller als ein Pfarrer.
Das Geschäft mit der Recherche
Ach ja, Geld verdient wurde nebenbei auch noch. Wie viel, weiß zwar niemand so genau, da die Google-Presseabteilung, sich diesbezüglich stets sehr zugeknöpft gibt (dazu später mehr), doch schwarze Zahlen erscheinen glaubhaft. Der Gros des Umsatzes wird dabei übrigens nicht mit den bereits weiter oben erwähnten Textanzeigen erzielt, sondern durch Lizenzierung der Suchtechnologie an Großunternehmen wie beispielsweise Cisco, die dadurch ihre Website und ihr Intranet benutzerfreundlicher gestalteten und schließlich an Webportale wie Yahoo, die nicht länger der Abwanderung ihrer User zuschauen wollten und so zähneknirschend dem langjährigen Lieferanten ihrer Suchergebnisse, Inktomi, kündigten und sich fortan mit Google-Ergebnissen beschicken ließen.
Neben Yahoo beliefert Google mittlerweile die Portale Netscape.net und AOL mit frischen Treffern aus ihrem Index und sorgt so dafür, dass im Schnitt sieben von zehn Besuchern einer Website, direkt oder indirekt, über Google ihren Weg dorthin finden.
Diese strikte Konzentration auf das Kerngeschäft lässt die Akquisition von Pyra Ltd., dem Unternehmen hinter der Weblogs-Comunity Blogger, noch seltsamer erscheinen. In der nächsten Ausgabe stöbern wir dann exakt an dieser Stelle mal aufmerksam weiter. - Fortsetzung folgt.

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Gepingt: 26.09.2004 | 16:28