Hit oder Niete?

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Von Mario Sixtus

"Achten Sie auf den Song 'Be the Girl' der neuen Emi-Künstlerin Aslyn ", fordert uns Mike McCready auf. Dieses Lied werde sich bald in den Charts wiederfinden", weissagt er. Wir hatten den in Barcelona lebenden US-Amerikaner um einen Blick in die Zukunft gebeten, um seine auf den ersten Blick tolldreiste Behauptung überprüfen zu können: McCready beteuert, sein Unternehmen Polyphonic HMI könne mit Hilfe des Softwaresystems "Hit Song Science" (HSS) vorab prognostizieren, ob aus einem Popsong ein Verkaufsrenner oder ein Ladenhüter wird.

McCready rühmt sich, den überraschenden Publikumserfolg der Jazz-Sängerin Norah Jones vorhergesehen zu haben: "Bei gleich acht Songs ihres Albums spuckte der Computer ungewöhnlich hohe Punktzahlen aus", sagt er. "Da wussten wir: Das wird ein Knaller." Mittlerweile hat Jones' Album mehrfach Platin gewonnen.

Songs von den 50ern bis heute analysiert

Insgesamt 4,6 Millionen Songs hat Polyphonic HMI nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem in Seattle ansässigen Unternehmen Loudey in sein System gespeist. Das ist nahezu jede Single-Veröffentlichung in den USA und Großbritannien seit den 50er Jahren. Die Software untersucht bei jedem Lied 20 unterschiedliche musikalische Muster, darunter Melodie, Harmonie, Tempo, Tonlage, Taktmaß, Rhythmus, Soundfülle und Brillanz.

Die überraschende Erkenntnis: Positioniert man die Stücke anhand dieser mathematischen Charakteristika in einem zweidimensionalen Koordinatensystem, bilden Singles, die außerordentlich erfolgreich waren, dichte Klumpen: so genannte "Hit-Cluster". Das Unternehmen behauptet, Stilrichtung und Stimmung hätte auf diese Gruppenbildung keinerlei Einfluss. So fände sich beispielsweise der eigenwillige Sprechgesang des Rappers 50 Cent in unmittelbarer Nähe der braven Lieder von Country-Sänger Ronnie Milsap.

Die Theorie besagt: Befindet sich ein neuer Song in der Nähe oder gar innerhalb eines dieser Hit-Häufchen, hat er gute Chancen ebenfalls in die Charts zu klettern, schwebt er hingegen im Niemandsland, wird aus ihm wahrscheinlich ein Flop.

"100-prozentige Erfolgsquote"

"Die Musikindustrie landet im Schnitt einen Hit unter fünf bis sechs Veröffentlichungen", sagt McCready. HSS habe dagegen eine "100-prozentige" Erfolgsquote. "Jedes Mal, wenn wir bisher einem Track Chart-Potenzial bescheinigt hatten, landete er anschließend zumindest in den Top-40. Auf der anderen Seite: Hatten wir empfohlen, einen Song nicht zu veröffentlichen, er kam aber trotzdem auf den Markt, ist er stets gefloppt."

"Mit HSS und der Musikindustrie ist es wie mit Berufssportlern und Doping", sagt ein Branchen-Insider, "viele tun es, niemand spricht darüber." Die Produzenten von Anastasia gehören gerüchtweise ebenso zu den Nutzern wie Robbie Williams. Offen zugeben will es kaum jemand. Einer der wenigen, die bekennen, die Werke ihrer Künstler bisweilen vom Computer vorhören zu lassen, ist der deutsche Produzent Frank Plasa (Echt, Selig, Falco): "Musik ist niemals neu. Die musikalischen Parameter Rhythmus, Melodie und Tempo lassen sich nie neu erfinden", erklärt er. "Ich sage: Das System kann funktionieren, wenn man sehr mainstreamig, sehr Radio-mäßig denkt." Auch Plasas eigene Erfahrungen mit HSS sind positiv: "Wir haben beispielsweise vier Songs von Daniel Hall analysieren lassen und tatsächlich: Der eine Track, bei dem die Maschine eine hohe Punktzahl ausgeworfen hatte, hielt sich neun Wochen in den Radio-Charts."

Fraunhofer: "Noch nicht weit genug"

Beim Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie in Illmenau ist man HSS gegenüber "relativ skeptisch" eingestellt. "Wenn man Millionen Songs in vernünftiger Qualität analysieren will, benötigt man entweder ein enormes, kaum vorstellbares Rechencluster, oder man braucht dafür ein paar Jahre", sagt Diplom-Ingenieur Markus Cremer, Mitarbeiter von MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg und bei Fraunhofer zuständig für den Bereich Metadaten.



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