Die ungleichen Brüder

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Von Mario Sixtus

"Früher hatten Normalsterbliche nur eine Möglichkeit, einen Text einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren: Sie schrieben einen Leserbrief an die F.A.Z. und dort wurde er dann weggeworfen; heute schreiben sie einfach ein Weblog." So eröffnete der Deutsche Welle-Redakteur Konstantin Klein Ende des letzten Jahres einen Pressesalon anlässlich der Weblog-Auszeichnung "Best of Blogs". Der Journalist Konstantin Klein gehört zu dem Teil der deutschen Medienschaffenden, der dem Weblog-Boom positiv gegenüber steht. Kein Wunder: Klein betreibt seit Jahren ein eigenes Blog.

"Senfstau", "Müll" und "tippen im Pyjama"

Andere Journalisten üben sich hingegen lieber in Abgrenzung gegenüber den plötzlich aufgetauchten Hobby-Publizisten. "Ist also jeder Laie berufen, journalistisch eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen?", fragte kürzlich im Verdi-Magazin "M" der Medienjournalist Holger Wenk, um sich kurz darauf selbst die Antwort zu geben: "Mitnichten!" Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von "Spiegel-Online", erklärte gegenüber dem Magazin onlinejournalismus.de gar, dass "99 Prozent aller Blogs Müll" seien.

Das Medienmagazin "Insight" will die Ursache des "Problems" im "Senfstau" entdeckt haben. In der aktuellen Ausgabe heißt es: "Jahrzehntelang unentdeckt und allenfalls vermutet, zeigt sich in Deutschland mehr und mehr die Existenz einer gewaltigen angestauten Menge nicht dazugegebenen Senfes".

Auch in den USA, wo die Blog-Welle bereits wesentlich größere Dimensionen angenommen hat, beziehen Blogger kräftig Prügel von Profi-Publizisten. Beispielsweise von Jonathan Klein: Ein typischer Blogger sei "ein Typ, der in seinem Pyjama im Wohnzimmer sitzt und schreibt", verkündet der Ex-Fernsehmann seine Vorstellung über den prototypischen Weblog-Autoren und dessen bevorzugter Kleidung. Eric Engbert, Ex-CBS-Korrespondent, kann es noch knapper. "Bloggen ist Tippen, kein Journalismus", schreibt er.

Plötzlich da: Amateur-Konkurrenten

Ein Grund für das Unbehagen, welches sich aus solcherlei Äußerungen gestandener Medienmenschen herauslesen lässt, dürfte darin liegen, dass die publizistische Zunft bislang eines kaum kannte: Amateur-Konkurrenz. In anderen Berufen ist das hingegen nichts neues: Würde Herbert Grönemeyer sich darüber echauffieren, dass "jeder Laie sich berufen fühlt Musik zu machen", stieße diese Äußerung wahrscheinlich auf Unverständnis. Ebenso, wenn Starkoch Alfons Schuhbeck "99 Prozent aller Hausfrauen-Gerichte für Müll" erklären würde; und hat sich Jan Ulrich jemals über "all diese Typen auf ihren Fahrrädern" aufgeregt, oder gar über deren Kleidung?

Hobbyisten war der publizistische Zugang zu einem nennenswerte Publikum bisher kaum möglich. Abgesehen von den Spielwiesen rund um Fanzines, Piratensendern oder Bürgerfunk-Experimenten waren die wirtschaftlichen Hürden einfach zu hoch. Seit preisgünstige oder gar kostenlose Weblog-Werkzeuge auch Technik-Laien ein Publizieren per Mausklick ermöglichen, hat sich das geändert. Plötzlich teilen sich Journalisten und Amateure den gleichen Öffentlichkeitsraum: Das Web. Und erstere verhalten sich dadurch oftmals irritiert.

Publizieren und Kommunizieren

Die journalistische Messlatte an einzelne Privat-Journale anzulegen, ist jedoch die falsche Vorgehensweise, sich diesem Phänomen zu nähern, denn viele Blogger verknüpfen mit ihrem Logbuch nicht die geringsten journalistischen Absichten. Bloggen gleicht oft eher einem Briefwechsel mit unbekannten Lesern; es handelt sich dabei also vielmehr um eine neuartige Kommunikationsform als um die Bonsai-Version des klassischen Publizierens.

Mit einer Verniedlichung als Tagebuchschreiber tut man den Bloggern hingegen ebenfalls unrecht. Etliche von ihnen sind hochqualifizierte Fachleute und oft genug können sie wirklich gut schreiben. Selbst wenn sich die Qualitätsformel von Mathias Müller von Blumencron als richtig erweisen sollte: Bei geschätzten 30 Millionen Blogs weltweit würde das bedeuten, dass zumindest 300.000 davon kein "Müll" sind.

Stichwort Kommunikation: So individualistisch die einzelne Weblogs daher kommen, in der Regel sind sie alle durch Hyperlinks aufs Engste miteinander verwoben. Daher verbreiten sich Ideen, Gerüchte, Zitate und Links auf sehenswerte Web-Fundstücke mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Und: Die Blogosphäre ist kein geschlossenes System, vielmehr gelangen Informationen unterschiedlichster Herkunft in sie hinein, werden dort herum gereicht, begutachtet, kommentiert, vielleicht ergänzt und finden bisweilen ihren Weg in die klassischen Medien.

Das Medien-Ökosystem

In einem längeren Artikel hat der Internet-Berater John Hiler bereits im Jahre 2002 dieses seltsame Wechselspiel zwischen Blogs und traditionellen Medien analysiert. Hiler sieht Blogger und Journalisten in einer "symbiotischen Beziehung"; er spricht von einem "emergierenden Medien-Ökosystem, das lebt und atmet, wie jedes andere biologische System". Hiler entdeckt ein Prinzip des wechselseitigen Gebens und Nehmens:

  • Blogger kommentieren und überprüfen Artikel ihrer Profi-Kollegen. Durch Hyperlinks vergrößern sie die Leserschaft einzelner Beiträge.
  • Journalisten besorgen sich Inspirationen und Themen aus der Blogosphäre. Weblogs fungieren als Trend-Seismograph; sie liefern Rohinformationen, die als Grundlage für eigene Artikel dienen können.

Wie sensibel aber das Verhältnis Blogger/Journalisten ist, lässt sich an folgender Geschichte erkennen:

Erster Akt: Blog und Klingelton-Firma

Mitte Dezember veröffentlichte Johnny Haeusler in seinem Blog "Spreeblick" einen launigen Text über die Klingelton-Lieferanten "Jamba". Im Sendung-mit-der-Maus-Tonfall wies er auf die seiner Meinung nach fragwürdigen Methoden des Unternehmens hin. Schnell verbreiteten sich danach Hinweise auf den amüsant geschriebenen Beitrag in der Blogwelt. Diese Aufmerksamkeitswelle blieb offenbar auch einigen Jamba-Mitarbeitern nicht verborgen: Anonym verfassten sie Kommentare zu dem Text, die vor Lob für das Handy-Unternehmen nur so strotzten. Dumm nur, das Blogger Johnny Haeusler anhand der IP-Nummern schnell herausfand, dass diese Lobhudeleien allesamt ihren Ursprung im Hause Jamba hatten.

Zweiter Akt: Die Journalisten kommen

Nach "Spiegel-Online" und dem Berliner "Tagesspiegel" berichtet auch der gedruckte "Spiegel" über diese PR-Posse. Die Redaktion des Sat1-Magazins "Planetopia" wird ebenfalls auf das Thema aufmerksam. Sie befragt Jonny Haeusler, außerdem den unter dem Namen "Schockwellenreiter" bekannt gewordenen Blogger Jörg Kantel und schließlich auch die Geschäftsführung von Jamba.

Schlussakt: Man mag sich nicht

Die daraus resultierende Sendung kommt in der Blogwelt - vorsichtig ausgedrückt - nicht besonders gut an. Die beteiligten Blogger fühlen sich in ein schlechtes Licht gesetzt; viele Zitate seien in einen entstellenden Zusammenhang gesetzt worden, beschweren sie sich. In seinem Artikel über die Planetopia-Sendung zitiert der "Schockwellenreiter" Karl Kraus: "Mein Wort in der Hand eines Journalisten ist schlechter, als was er selbst schreiben kann".

So angespannt das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten oft ist: So lange sich die Beiden in ein und demselben Publikationsraum aufhalten, werden sie miteinander leben müssen. Wie mächtig die Gesamtheit der Blogs sich auf die Aufmerksamkeitsströme im Netz auswirken kann, zeigt eine Google-Suche nach dem Namen des Sat1-Magazins. In der Ergebnisliste findet man den Text des "Schockwellenreiters" mittlerweile auf Platz zwei, direkt unter der offiziellen Homepage.



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