
Mit der jetzt erhältlichen Zugangssoftware der Version 8.0 versucht AOL verlorene Kunden zurückzugewinnen und setzt dabei auf ein untypisches Konzept: Freiheit der Wahl.
Von Mario Sixtus
Wer es Mitte bis Ende der Neunzigerjahre schaffen wollte, nie eine AOL-CD in die Hand zu nehmen, der musste sich wirklich Mühe geben. Keine Fernsehprogrammzeitschrift und keine Illustrierte konnte man durchblättern, ohne dass irgendwann der 30-Freistunden-Silberling herauskullerte. Lange Zeit nahm AOL auf diese Weise dem uneingeschränkten Marktführer T-Online respektable Anteile ab und etablierte sich als starke Nummer zwei der Internet-Zugangsanbieter in Deutschland.
AOL setzte dabei vor allem auf Netzneulinge. Dem Einsteiger in die Webwelt wollte man es so einfach wie möglich machen: CD einlegen, installieren, lossurfen.
Diese Simplifizierung erwies sich allerdings langfristig auch als Pferdefuß des Konzeptes: Zwar freute sich der Anfänger über bunte Buttons und Comic-Icons, die das Wandern durchs Web weitgehend unfallfrei gestalten sollten, der anspruchsvolle Nutzer wurde aber auch schnell mit der Beschränktheit dieses Modells konfrontiert.
Wer den vorgezeichneten Weg verlassen wollte, dem wurde dies schwer bis unmöglich gemacht. Zwar war es irgendwann endlich gestattet, alternativ zum mitgelieferten, einen eigenen Webbrowser zu installieren, die Nutzung eines professionellen Mail-Programms, statt des funktionsschwachen und unkomfortablen AOL-Clients, blieb allerdings strikt verboten.
Anfänger bleiben aber nicht immer Anfänger und so verließen in den letzen Jahren mehr und mehr Netznutzer die bonbonbunte AOL-Welt. Das Unternehmen musste dieses Jahr sogar seinen zweiten Platz auf dem deutschen Markt an den Spätstarter Freenet abtreten.
Das soll sich jetzt alles ändern: Mit der neuen Zugangsversion 8.0, dürfen nun endlich auch AOL-Kunden ihre E-Mails mit so beliebten Programmen wie Outlook, Eudora, Pegasus oder The Bat bearbeiten und auch hinsichtlich der oft bemängelten Zugangsgeschwindigkeit hat sich AOL-Deutschland einiges vorgenommen. Künftig will man die eigenen Kunden schneller über DSL surfen lassen, als dies Usern von T-Online möglich ist. Und das, obwohl beide Dienste technisch auf T-DSL aufbauen. Wie soll das funktionieren? Die sogenannte SixPipes-Technologie soll den Breitbandanschluss einfach noch ein wenig breiter machen. Während bei der herkömmlichen DSL-Technik lediglich vier Datenpakete gleichzeitig auf die Reise geschickt werden, sollen es mit Hilfe dieses Kniffes gleich sechs Päckchen sein. Obendrein hat man die Verbindungen zu den wichtigsten Game-Servern optimiert, um sich für die wachsende Schar der Online-Spieler fein zu machen.
Der AOL Instant Messenger (AIM), der in der deutschen Version etwas hausbacken "Telegrammfenster" genannt wird, kann ab sofort auch Kurznachrichten direkt auf Handydisplays senden und auch SMS direkt empfangen. Abgerundet wird die Renovierung des Dienstes mit der Erweiterung des Streaming-Angebotes auf 120 Stationen, die rund um die Uhr Musik jeglicher Stilrichtung in CD-Qualität übertragen.
Ob diese späte Kehrtwende in der Strategie aufgehen wird, bleibt abzuwarten. Zu lange hat AOL sich mit seiner Konzentration auf die Neueinsteiger und mit seinem Festhalten an oft unstabiler und unzuverlässiger Software einen Ruf im Netz erarbeitet, den man, gelinde ausgedrückt, 'uncool' nennen könnte.
Unter erfahrenen Usern gilt eine E-Mail-Adresse, die auf @aol.com endet, als virtuelles Pendant zur grellgelben Schulanfänger-Mütze oder schlicht als Indiz dafür, das der betreffende Surfer sein sechzehntes Lebensjahr wohl noch nicht erreicht hat.
Ob AOL dieses Image loswerden kann, muss sich jetzt beweisen.
