
Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.
Von Mario Sixtus
Das Städtchen Gelnhausen liegt idyllisch am Rande des Naturparks Hessischer Spessart. Der örtliche Handballverein spielt mittlerweile in der zweiten Liga, der Geschichtsverein lädt zum "Brezelessen und gemütlichen Beisammensein" und die "Coconut Bar" am Lohmühlenweg lockt mit Cuba Libre und Pina Colada. Mit dem Auto dauert eine Fahrt über die A66 nach Frankfurt am Main gerade einmal 40 Minuten; nur eines vermissen viele in dem 20.000-Einwohner-Ort: Eine Auffahrt auf den schnellen Datenhighway.
Zwei Jahre und kein Anschluss
Der Geschäftsmann Hermann G. wartet seit zwei Jahren darauf, dass die Telekom ihn ans DSL-Netz anschließt, bisher vergeblich. Der verärgerte Unternehmer berichtet, wie der Telekommunikationskonzern ihn telefonisch abbügelte: "Da müssen Sie halt vorher anrufen, bevor Sie irgendwo hin ziehen", habe man ihn belehrt. Ob und wann die Einwohner Gelnhausens einen zeitgemäßen Zugang zum Netz bekommen, steht noch in den Sternen. Und: Gelnhausen ist kein Einzelfall. Etwa neun Prozent aller Telefonkunden können derzeit nicht mit DSL versorgt werden.
Beim magentafarbenen Konzern ist man hingegen stolz auf das Erreichte. "Von 38 Millionen T-Com-Anschlüssen, können wir 34,5 Millionen sofort ans DSL-Netz anschließen", sagt Telekom-Sprecher Walter Genz. Übrig bleiben also immerhin noch 3,5 Millionen Kunden, die bislang auf bummelige Datenströme mittels Modem oder ISDN angewiesen sind. Viele von ihnen haben das Pech, an einem zu modernen Telefonnetz zu hängen: Speziell in den östlichen Bundesländern wurde in den neunziger Jahren die Fernsprech-Infrastruktur auf fortschrittliche Glasfaserkabel umgestellt. Breitband-Internet per DSL benötigt aber dummerweise altmodische Kupferkabel. So überholt bisweilen eine Fortschrittstechnologie die andere.
"Keine Infrastrukturverpflichtung"
Zwar laufen mittlerweile Versuchsreihen und Pilotprojekte, die probieren, DSL-Daten auch durch Glasfaserleitungen zu pumpen, aber Genz dämpft den Optimismus: "Es gibt keinerlei Infrastrukturverpflichtungen für die Breitbandausstattung. Es bleibt unser unternehmerisches Risiko." Das gilt nicht nur für Glasfasergebiete, sondern auch für viele ländliche Regionen. Die maximale Reichweite zwischen Heimanschluss und Ortsvermittlungsstelle beträgt bei der aktuellen DSL-Technik rund vier Kilometer. Pech hat auch, wer von Breitband-Ignoranten umgeben ist. "Es gibt einige kleinere Ortsnetze, in denen die Nachfrage bisher praktisch gleich null ist", sagt Genz. Man könne schließlich nicht für hundert Leute investieren, wenn nur fünf etwas kaufen wollen.
Ein Grund für dieses klassische Angebots-Nachfrage-Dilemma dürfte in den vergleichsweise hohen Preisen liegen, die in Deutschland für einen Breitband-Internetzugang verlangt werden. "Mit rund 15 Euro kostet eine Flatrate in Frankreich etwa halb so viel, wie bei T-Online", rechnet Omar Khorshed vom Düsseldorfer Abrechnungsdienstleister Acoreus vor. In Deutschland sei auf dem Breitbandmarkt "vieles falsch gelaufen", sagt Khorshed. Die Telekom habe DSL anfangs praktisch ohne Konkurrenz vermarkten können. "Die Regulierungsbehörde hat viel zu zögerlich reagiert", so Khorshed. Obendrein sei das verspätete Einschreiten dann "in die falsche Richtung" gegangen.
Scheinwettbewerb: Telekom ist drin
Tatsächlich existiert in Deutschland bei DSL-Anschlüssen kaum ein nennenswerter Wettbewerb. Egal ob auf einem Vertrag AOL, 1&1, Freenet, Strato oder GMX steht: Genau genommen kauft ein DSL-Kunde stets ein Produkt der Telekom-Tochter T-Com, auf dem lediglich ein anderes Etikett klebt. "So lange Wettbewerber zu reinen Wiederverkäufern der Telekom degradiert werden, haben wir in diesem Bereich nur einen Scheinwettbewerb", sagt Khorshed. Obendrein scheint der Rosa Riese es bei der Belieferung seiner Mitbewerber nicht besonders eilig zu haben: Insider vermuten, dass 120.000 Kunden von Wiederverkäufern auf Anschlüsse warten, die sie teilweise schon vor Monaten bestellt hatten.
Die United Internet AG will aus diesen Verzögerungen nun Konsequenzen ziehen und zunächst in Ballungsräumen eine eigene DSL-Infrastruktur aufbauen, berichtet das Handelsblatt am heutigen Montag. Diesen Weg beschreitet seit Jahren bereits Arcor, die Festnetz-Tochter des Mobilfunkkonzerns Vodafone. Arcor-Sprecher Michael Peter macht keinen Hehl aus seiner Meinung über Wiederverkäufer: "Wenn Sie nur Bananen einkaufen, können Sie auch nur Bananen wieder verkaufen." Der Mengenrabatt, den die Telekom ihren Re-Sellern einräumt, sei zu gering um Wettbewerb aufkommen zu lassen.
In der Tat hat sich eine DSL-Grundgebühr von 16,95 Euro als eine Art post-sozialistischer Einheitspreis am Markt etabliert. Lediglich in den Zeit- oder Volumengebühren unterscheiden sich die einzelnen Anbieter ein wenig. "Mit einem eigenen Netz kann man ganz anders kalkulieren", sagt Peter und verweist auf die Grundgebühr von zehn Euro, die Arcor von seinen Kunden verlangt. Von einer Flächendeckung ist das DSL-Angebot des Eschborner Unternehmens allerdings noch weit entfernt. Gerade einmal 40 Prozent der Bevölkerung erreicht Arcor mit seinem Netz. Und Bewohnern ländlicher Regionen möchte auch Peter keine großen Hoffnungen machen: "Sobald es technisch machbar ist, werden wir abgelegene Gebiete mittels Funk anschließen. Das wird aber weder in diesem, noch im nächsten Jahr passieren."
Internet per TV-Kabel meist Fehlanzeige
Ein Blick nach Frankreich offenbart die nächste Ebene des deutschen Breitband-Dilemmas: Unsere französischen Nachbarn nutzen wie selbstverständlich ihr TV-Kabelnetz für einen schnellen Internetzugang. Auch in anderen Ländern - beispielsweise den USA - ist das Fernsehkabel erste Wahl für flottes Surfen. Eigentlich ist diese Infrastruktur technisch auch wesentlich geeigneter für die Übertragung großer Datenmengen, als das dünne Telefonkabel. Allerdings besitzt die Flimmerkistenleitung hierzulande einen entscheidenden Nachteil: Sie ist als Einbahnstraße angelegt. Senden kann der Kabelkunde nicht den kleinsten Mausklick.
Anderswo haben Betreiber längst einen Rückkanal in ihre Kabelnetze eingebaut. In Deutschland beginnt diese Aufrüstung erst langsam. Einen Grund für das deutsche Technologiedefizit in diesem Bereich sieht Stefan Schott, Sprecher von Kabel Deutschland, in Regulierungsversäumnissen in der Vergangenheit. Bis Anfang 2003 befand sich das Fernsehkabelnetz im Besitz der deutschen Telekom. Da gleichzeitig eine Auflage bestand, dieses Netz möglichst bald zu verkaufen, habe die Telekom natürlich nichts unternommen, was für ihr eigenes DSL-Angebot zur Konkurrenz heranwachsen könnte. "Diese Phase, in der die Telekom auf dem Netz saß, es aber nicht ausgebaut hat, hätte sicher nicht sein müssen", findet Schott. "Man hätte mehr Druck ausüben müssen."
Clement: Eine Schande
Ein Blick ins ferne Japan dürfte viele Bundesbürger neidisch machen. Dort bietet der Mobilfunkbetreiber KDDI eine UMTS-Flatrate mit einer Geschwindigkeit von 2,4 Megabit pro Sekunde für eine Monatspauschale von umgerechnet 33 Euro an. Überall-Internet zum Discountpreis.
Mittlerweile ist das Thema auch in der obersten Etage der Politik angekommen. "Es ist eine Schande, dass wir schon seit Jahren das Breitbandkabel in der Erde liegen haben, ohne es zu nutzen", kritisierte Wirtschaftsminister Clement Ende letzten Jahres auf einer Fachtagung. Er kündigte an, sein Ministerium würde einen "Breitband-Atlas" erstellen, aus dem ersichtlich sei, welche Technologien in welchen Regionen nutzbar seien. Im Jahre 2005 dürfte diese Übersicht noch etliche weiße Flecken aufweisen. Nicht nur in der Gegend von Gelnhausen.
