
Spam wird mit mehr Filtern nicht weniger, sondern mehr. Warum? Weil hinter Spam natürlich ein heftig laufendes Geschäft steckt, von dem nicht nur ehemalige Neonazis, arbeitslose Webdesigner, sondern auch Banken, Service Provider und Filterentwickler profitieren.
Von Mario Sixtus
Spam ist nicht nur ärgerlich und außerdem drauf und dran, ein ganzes Kommunikationssystem unbrauchbar zu machen, Spam ist vor allen Dingen ein Riesengeschäft, eine Boombranche, ein Milliardenmarkt.
Alan Chalem wurde nicht so einfach umgebracht, sein Schädel wurde regelrecht perforiert: Einmal in jedes Auge, einmal in jedes Ohr und obendrein in den Mund schossen ihn unbekannte Täter im Oktober 1999. Kaum besser erging es seinem Kollegen Maier S. Lehmann. Diesem raubte man zunächst die Bewegungsfähigkeit durch gezielte Schüsse in die Beine, bevor schließlich drei Kugeln durch seinen Kopf gejagt wurden. Obwohl der Fall nie eindeutig aufgeklärt wurde, gelten die beiden in der Internet-Gemeinde als die ersten Spammer, die das Spammen mit dem Leben bezahlen mussten. "Bang! bang! Those fucking spammers are *DEAD*!" jubilierten einige müllmailgeplagte Netizens in den einschlägigen Foren und Sätze wie "I can only encourage that this example of good citizenry is followed everywhere!" legten den Schluss nahe, dass sich das Mitgefühl mit den frisch verblichenen in engen Grenzen hielt. Zwar sind Lehman und Chalem wahrscheinlich eher aufgrund ihrer Verwicklungen in dubiose Aktiengeschäfte spontan entleibt worden, aber was soll's: Sie hatten gespammt und sie waren tot. Gut so.
Auf die Fresse!
Auf der nach oben offenen Hass-Skala dürfen Spammer sich wohl stets auf den vordersten Plätzen tummeln. Nicht wenige Netzbewohner würden den Versendern der Aufforderung, doch endlich einmal etwas gegen den angeblich zu kleinen Penis zu unternehmen, gerne ihrerseits eine besondere Form der Genitalumgestaltung angedeihen lassen.
Allein: Spammer sind nicht zu fassen. Spammer sind die unsichtbare Pest. So wundert es nicht, dass ein Posting, wie das nachfolgende, das seinen Ursprung in einem Yahoo-Forum hatte und anschließend durch etliche deutschsprachige Weblogs geschleust wurde, hierzulande neben beträchtlichem Unterhaltungs-, vor allen Dingen auch äußersten Seltenheitswert hat: "Letzte Woche die Fa. 'Biz Solutions' in Mannheim als Spamverstopfer meines Postfaches ausgemacht, Adresse notiert, angerufen, hingefahren und der richtigen Person nach traditioneller Ruhrpott-Art die Fresse poliert. Anzeige kassiert, aber ich würds jederzeit wieder machen, so steht's auch im Polizeiprotokoll. Gerichtsverhandlung werde ich hier bekannt geben. Gruß aus Dortmund."
Geld her!
E-Mail ist eine persönliche, oft auch eine sehr private Form der Kommunikation. Dieser Fakt lädt das Thema emotional so stark auf. Werbung hat in diesem Informationskanal schlichtweg nichts verloren. Spam ist nicht vergleichbar mit Fernseh- oder Radiospots. Am ehesten ähnelt der E-Mail-Unrat vielleicht noch den Anrufen von Telefondrückern, die einem schleimtriefend Versicherungen oder Geldanlagen aufschwatzen wollen.
Aber Spam ist vor allen Dingen auch eins: Ein Riesengeschäft für alle Beteiligten! Um herauszufinden, wer, wie und wie viel Geld durch die tägliche Strapazierung unseres Nervenkostüms macht, schauen wir uns die Akteure des schmutzigen Spiels doch mal etwas genauer an.
Make your penis HUGE!
"Amazing Internet Products" verkauft Pillen über's Web, die angeblich das männliche Geschlechtsorgan in der Größe positiv beeinflussen und bewirbt seinen Online-Shop – natürlich – durch Spam. Einen dicken Steifen dürften aber wohl weniger die Kunden, sondern vielmehr die Betreiber der Tabletten-Website bekommen: beim Blick auf die täglichen Abverkäufe nämlich. Eine Sicherheitslücke in der Server-Software erlaubte im Sommer dieses Jahres kurzfristig jedermann einen Zugriff auf die Kundendatenbank der Pillendealer: Über einen Zeitraum von rund vier Wochen hatten nicht weniger als 6.000 Personen pimmelblähende Pastillen geordert. Die meisten bestellten direkt zwei Flaschen zu einem Gesamtpreis von 100 Dollar. (Und bevor jetzt direkt das Geschlechter-Bashing von Seiten der XX-Chromosomenträgerinnen beginnt: Unter den Käufern befand sich eine nicht unerhebliche Anzahl von Frauen.) Im Einkauf zahlt "Amazing Internet Products" fünf Dollar pro Flasche und falls der Käufer über den Link eines "Affiliates", also eines Sub-Spammers, gekommen ist, sind noch mal rund zehn Dollar Provision fällig.
Hmmm... sechstausend mal einhundert in vier Wochen..., abzüglich diesem und jenem..., das macht.. Richtig! Wir reden hier nicht über Peanuts. Mit Spam wird richtiges, echtes Geld verdient. Deshalb gibt es Spam. Niemand müllt Dein Postfach zu, in der vagen Hoffnung, vielleicht ein paar kleine Dollar in seine Taschen zu bugsieren und hört frustriert damit auf, weil es nicht funktioniert. Spam funktioniert. Und das ist das Fatale.
It's a Numbers Game
Profi-Spammer kalkulieren mit einer Erfolgsrate von einem hundertstel Prozent. Der geneigte Leser mag selbst nachrechnen, wie viele E-Mails für die Generierung von 6.000 Verkäufen in vier Wochen notwendig waren.
Im Mai dieses Jahres wurde eine magische Grenze überschritten: Laut MessageLabs Inc. besteht seitdem über die Hälfte des E-Mail-Verkehrs weltweit aus Spam. Jupiter Research versucht sich in absoluten Zahlen: 2001 wurden allein in den USA 140 Milliarden Werbemails verschickt, 2002 bereits 261 Milliarden. Steigerung: 86%. Was Spam volkswirtschaftlich kostet, darüber gibt es so unterschiedliches Zahlenmaterial wie Betreffzeilen in Viagra-Mails. Service-Provider BellSouth drückte es einmal angenehm greifbar aus: Spam würde jeden seiner Kunden rund vier Dollar im Monat kosten. Wobei hier natürlich nicht die schwer bezifferbaren Belastungen von parallel sprunghaft ansteigenden Blutdrucken und Adrenalinspiegeln mit eingerechnet wurden.
Wie so oft erweist sich auch in den Abgründen des Spam-Saustalls eine recht kleine Ursache verantwortlich für eine ziemlich große Wirkung. Oder andersherum: Verhältnismäßig wenige Schweine scheißen uns da zu. Schätzungsweise 90% des weltweiten digitalen Sondermülls gehen zurück auf das Wirken von lediglich rund 200 "Spam-Kings".
Der Spam-Nazi
Wer sind diese gewissenlosen Gesellen, die in Kauf nehmen ein ganzes Kommunikationssystem unbrauchbar zu machen, nur um sich die Taschen zu füllen? Salon.com hat sich im Fall 'Amazing Internet Products' einmal auf die Socken gemacht, nachgeschaut und Bemerkenswertes enthüllt: Hinter dem Unternehmen steckt ein Mann, der sich Dave Bridger nennt. Dave Bridger wiederum heißt in Wirklichkeit Davis Wolfgang Hawke, benutzt hin und wieder auch den Namen Bo Decker und war in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts Kopf der US-Neonazi-Gruppe "Knights of Freedom", die sich später in "American Nationalist Party" umbenannte. Das erste Mal in die Schlagzeilen schaffte es Hawke im August 1999, als seine "Partei" einen "Hate-March" mit mindestens 300 Beteiligten quer durch Washington ankündigte. An dem betreffenden Tag waren nicht weniger als 1.500 Polizisten im Einsatz, einige Hundert Gegendemonstranten hatten sich eingefunden und die internationale Presse war in Position gegangen. Allein: Die Nazis kamen nicht. Hawke und seine vier (!) Hass-Marschierer hatten nur einen kurzen Blick in die sich im Ausnahmezustand befindliche Kapitale geworfen und sich daraufhin wieder kleinlaut verpisst.
Kurz darauf schaffte Hawke es wieder in die Medien: Ein findiger Journalist hatte entdeckt, dass der Geburtsname des braunen Bruders eigentlich Andrew Britt Greenbaum war und dass er der Sohn jüdischer Eltern ist. Dumm gelaufen für einen erklärten Antisemiten und gleichzeitig das Ende der "politischen" Ambitionen des "koscheren Nazis", wie er fortan in der Presse genannt wurde.
Das passt natürlich: Ein durchgeknallter Hassprediger, dem es nichts ausmacht, selbst zum Objekt des Hasses zu werden.
Papi ist ein Spammer
Muss man also von Natur aus ein Charakterschwein sein, um zum Spammer zu werden? Sind da nur Nazis und andere Spinner im Club? Das US-Blatt The Oregonian hat da einen ganz anderen Typus aufgetan: Duncan Shiels, 41, Familienvater und Berufsspammer. Shiels war eigentlich Webdesigner, "aber auf einmal war jeder ein Webdesigner" erklärt er die berufliche Sackgasse, in der er irgendwann steckte.
Als es also an der Zeit war, eine neue Lebensunterhaltsquelle anzubohren, begann Shiels zu eruieren, wie das denn eigentlich mit dem Spam-Geschäft so funktioniert. Er wurde Mitglied in einem der Online-Zirkel, in denen sich die Dreckschleudern organisierten und lernte, wie man offene Relay-Server aufspürt, anonyme Proxies nutzt, Mailheader fälscht und Filter austrickst. Er erstand Spezialsoftware, die automatisch durchs Web flitzt und alles einsammelt, was mindestens ein @ und einen Punkt enthält und er kaufte E-Mail-Adressen direkt in Hunderttausender-Packs. "Zehn Millionen Adressen kosten 1.200 Dollar," erklärte Shiels der Zeitung. "Und Du mailst sie natürlich nicht nur einmal an, sondern mit ein und der selben Werbung mindestens fünf oder sechs mal."
Wie viel kostet Ruhe?
Jetzt wissen wir also immerhin schon, was so eine E-Mail-Adresse wert ist: 0,00012 Dollar das Stück. Mit was lässt sich das vergleichen? Mit einem Schluck Milch? Zu teuer. Mit einem Zug an einer Zigarette? Der kostet allemal mehr. Vielleicht mit dem Gegenwert von einem einzelnen Cornflake oder einer halben Salzstange. Dann aber ohne Salz. Mehr ist unsere Ungestörtheit nicht wert! Das ist die traurige Wahrheit.
Sicherlich würde jeder von uns ein Vielfaches dieser Summe für einen abfallfreien Posteingang springen lassen und siehe da: Schon steigen die ersten Geier aus der Unterwelt, die diese Idee versilbern wollen: "Global Removal" bietet das angebliche Entfernen aus immerhin fünfzig Spam-Listen an. Für nur fünf Dollar. Zwar wirbt das Unternehmen selbst nicht per Massen-E-Mail für diesen "Service", hat aber eine ganze Handvoll "Affiliates" parat, die das dann eben doch tun. Aber kein Problem: für einen Fünfer fliegt man ja schließlich aus deren Verteiler. Da wünscht man sich doch die gute alte Zeit zurück, als Schutzgelderpressung noch von Italienern in teuren, zweireihigen Anzügen praktiziert wurde. Die Herren hatten wenigstens Stil.
The League of ordinary Spam-Men
Je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, um so mehr hat man den Eindruck, man müsste sich mal wieder die Hände waschen. Aber wer bis hier hin den Weg in den Sumpf mitgegangen ist, den nehmen wir jetzt auch noch mit in eine Stammkneipe der Güllepostzusteller, die da heißt "The Bulk Club".
Die Mitgliedschaft im Club der Meistgehassten ist schon für lausige zwanzig Dollar im Monat zu haben. Dafür erhält man monatlich 300.000 E-Mail-Adressen ("fresh and verified"), Tipps, Tricks und Tools, eine Liste von Spam-toleranten Web-Hostern, Kontakte zu potenziellen Auftraggebern, juristische Ratschläge und so weiter und so fort. Aber Vorsicht, die Herrschaften sind empfindlich: Spammer heißen dort nicht Spammer, sondern "Bulk Mailer" und Spammen wird dort mit "E-Mail-Marketing" euphemisiert. Heißt Auftragsmord heutzutage eigentlich "Death on Demand"?
Sollte also jetzt ein arbeitsloser Webdesigner unter den Lesern auf die Idee gekommen sein, sich künftig seine Brötchen durch einen Wechsel auf die dunkle Seite des Netzes zu verdienen, dann ist "The Bulk Club" sicherlich der richtige Ort um eine Umschulung zu beginnen. Aber Vorsicht: Meine buddhistischen Kontaktleute haben mir glaubhaft versichert, der Versand von Spam verschmutze das persönliche Karma derart, dass der Versender in seiner nächsten Inkarnation höchstens noch Chancen habe, als Blinddarmnarbe wiedergeboren zu werden. Ob das die Sache wert ist?
Tageslichtscheues Gesindel treibt sich in Spam-City herum. Anonymisierte User mit offensichtlich falschen Namen schachern in den Bulk-Clubs mit Software, Connections und frische Opfer-Adressen. Fließen also die beträchtlichen Summen, die mittels des elektronischen Massenversandes umgesetzt werden, ausschließlich in die Taschen von ominösen, zwielichtigen Dunkelmännern? Von wegen.
Don't miss the LOWEST MORTGAGE RATE in History!
Mitarbeiter des Nachrichtenkanals MSNBC machten sich vor kurzem gemeinsam mit Antispam-Aktivisten die Mühe, das Beziehungsgeflecht, zu entwirren, das eine einzige beantwortete Spam-Mail auslöst. Die Fernsehleute reagierten auf eine E-Mail, die günstige Immobilienkredite versprach, fütterten das angegebene Webformular mit verfolgbaren Fake-Informationen und siehe da: nur drei Tage später tröpfelten die ersten vier Angebote ins Haus. Drei davon kamen keineswegs von kleinen Kreditvermittler-Klitschen, sondern vielmehr von den US-Marktführern auf dem Gebiet des Häuslebauer-Geldverleihens.
Am Ende der Nahrungskette stehen also plötzlich nicht mehr nur noch dubiose Geschäftemacher, sondern große, seriöse Konzerne, Stützen der Gesellschaft sozusagen, Finanzdienstleister, die in Glaspalästen zu Hause sind und die sich jeglichen Vergleich mit Penis-Pillen-Vertretern verbitten würden. Auf Nachfragen des Fernsehteams erklärten die Geldhäuser dann auch schnell, mit Spam hätte man nie und überhaupt und gar nichts und wirklich nicht und auch nur das Geringste zu tun. Den Datensatz mit der Kreditanfrage habe man in gutem Glauben von einem so genannten "Lead Generator" käuflich erworben, der natürlich seinerseits versichere, die entsprechenden Daten nicht durch Massenmailings generiert zu haben.
Weitere Nachforschungen der TV-Leute förderten dann nicht weniger als acht Zwischenstationen aus vier Ländern zu Tage, die zwischen Spam-Versand und Angebotsabgabe durchlaufen wurden. Jeder dieser Datendealer wies natürlich eine Verbindung mit der initialen E-Mail weit von sich und verwies auf die eigenen Geschäftsbedingungen, die so etwas selbstverständlich komplett verbieten würden. Aber man könne natürlich nicht ausschließen, dass ein übereifriger Geschäftspartner eines Geschäftspartners vielleicht... etc.pp.
Dieses System ist so perfide wie wasserdicht. Die großen Jungs waschen ihre Hände in Unschuld, ein Haufen kleiner Jungs betätigt sich als Zwischenhändler und mit dem bösen Buben, der die Spams ins Netz pumpt, will niemand etwas zu tun haben. Igitt, nein, wir doch nicht.
In diesem speziellen Fall handelte es sich bei dem Schmuddelkind, mit dem angeblich niemand spielen will, um den Spam-König Juan Garavaglia, bekannt als "Super Zomba". Nach Angaben von MessageLabs Inc. versendet Garavaglia täglich zwischen dreißig und vierzig Millionen Werbemails.
In den oberen Etagen der Bankenbunker würden sich die Herren in den Maßanzügen natürlich niemals mit jemandem wie "Super Zomba" auch nur an einen Tisch setzen, trotzdem stehen Umsätze in ihren Bilanzen, die ohne Zombas Mailbombardement wahrscheinlich nie zu Stande gekommen wären. Man nimmt halt mit, was man kriegen kann.
Die Herren der Datenleitungen
So, genug Banker gedisst, denn noch an ganz anderen Ecken und Enden der Netzwelt wird kräftig mitgefuttert am Spam-Kuchen: Der Verkehr auf den Datenstraßen ist ja bekannter Weise mautpflichtig und anders als auf deutschen Autobahnen, klappt das Kassieren der Traffic-Gebühren im Internet ganz gut. Geschäftliche Internet-Zugänge werden normalerweise nach Höhe des Datenaufkommens abgerechnet. Die ISPs freuen sich also über jedes Mehr an Verkehr, der durch ihre Kabel saust, da sie sich zu Zeiten des DotCom-Booms mit unglaublichen Überkapazitäten eingedeckt haben.
Aber Moment. Die Internet-Zugangsanbieter, gehören die nicht zu den Guten? Sind die es nicht, die über jede Spamflutwelle laut stöhnen und medienwirksam die Kosten vorrechnen, die ihnen entstehen würden? Ja und nein. Seit das Geld nicht mehr aus dem Datenhimmel fällt, sind auch so manche Serviceprovider der Versuchung erlegen, mit pferdefüßigen und gehörnten Personen zu paktieren. Selbst die Branchenriesen AT&T und PSINet mussten kleinlaut einräumen, mit landesbekannten Spammern geheime Verträge, so genannte "pink contracts", geschlossen zu haben. Die Deals waren für beide Seiten ausgesprochen vorteilhaft: Die Zugangsanbieter kassierten Gebühren, welche weit über denen lagen, die man anderen Kunden in Rechnung stellte, im Gegenzug erwies man sich als weitgehend schmerzfrei gegenüber Beschwerden und wütenden Anrufen. Experten vermuten, bei den bekannt gewordenen Fällen handele es sich nur um die Spitze des Viagra-Bergs und solcherlei Abkommen – offiziell oder unter der Hand – seien mittlerweile Gang und Gäbe.
Und sonst?
Und dann gibt es da natürlich noch die Branche, die sich per Naturgesetz immer dann die Taschen füllt, wenn eine Flut droht: Die Deichbauer. Die Marktauguren der Radicati Group sagen voraus, dass Unternehmen, die Spam-Abwehr-Systeme entwickeln oder vertreiben, dieses Jahr einen Umsatz von 653 Millionen Dollar erwirtschaften werden. Lässig das Sechsfache der geschätzten 100 Millionen, die sich vermutungsweise die Spammer selbst in die Tasche stecken. Allein 2003 wurden rund 150 neue Anti-Spam-Produkte vorgestellt. Laut Wired investierten Risikokapitalgeber allein im August diesen Jahres 23 Millionen Dollar in Unternehmen, welche die Müllflut eindämmen wollen. Internet-Seher erwarten eine Verzehnfachung des Marktpotenzials bis 2005.
"Sei nicht das Wasser, sei der Damm" soll schon der Philosoph Ling Pui (663 - 621 v. Chr.) gesagt haben und angesichts dieser Zahlen mag man ihm recht geben. (Na gut, es gibt keinen Ling Pui und das Zitat hab ich mir gerade ausgedacht, aber es passt doch ganz hübsch, oder?)
Und nun?
Wir halten fest: Spam funktioniert und die Spammer verdienen sich einen goldenen Penis. Lead-Generatoren, Affiliates und Sub-Affiliates schaufeln sich die Asche ebenso ins Portemonnaie, wie Kreditvermittler, Banken, Internet Service Provider und Filtersoftware-Hersteller. Und solange auf allen Ebenen so prima verdient wird, werden die Mailboxen weiterhin mit Junk-Mails abgefüllt werden.
Aber halt. Darf man sich in Zeiten der Krise überhaupt über eine boomende Industrie aufregen? Darf man auf einen Wirtschaftszweig schimpfen, der Wachstumsraten aufweist wie kein zweiter? Sollte man nicht Spam fördern, subventionieren und unterstützen? Mit der gleichen Logik könnten wir natürlich auch Pockenviren aussetzen, um für Umsatz im Gesundheitssystem zu sorgen oder Landminen auslegen, um den Absatz von Unterschenkelprothesen zu unterstützen. Also vielleicht besser nicht.
Der Krieg geht also weiter und beide Seiten rüsten fortwährend auf: Die Versender werden immer cleverer in der Entwicklung von Tarntechnologien, tricksen die Spamfilter immer hinterhältiger aus oder wildern sogar Virenfamilien aus, die unschuldige PCs zu Spamschleudern umfunktionieren, wie es kürzlich bei SoBig der Fall war. Die User installieren sich Blocker und Filter in X Schichten übereinander, in dem verzweifelten Versuch, den täglichen Schlamm auszusperren. Die Mühlräder mahlen immer schneller und am Ende dürfte dann wohl das ganze Medium aufgerieben werden: Zugeballert oder totgefiltert, Höllenlärm oder Totenstille, Fieber oder Schüttelfrost, warme oder kalte Scheiße. Tolle Aussichten. Ich biete 100.000 E-Mail-Adressen für 'ne gute Idee.
