Endlich verstehen: Internet-Telefonie

Nicht nur was für Freaks: Online Telefonieren geht - und ist oft sogar umsonst

Von Mario Sixtus

Noch vor ein paar Jahren war Internet-Telefonie eine Liebhaberei von technophilen Computerfreaks. Amateurfunkern ähnlich, saßen die Nerds vor ihren Rechnern und freuten sich über jede knarzige und verrauschte Sprachsilbe die aus dem Netz sickerte. Wie bei einem Walkie-Talkie konnten die Sprachpioniere entweder reden oder zuhören; gerne brach so eine Verbindung auch spontan zusammen und wenn sie doch mal funktionierte, klang die Stimme des Gesprächspartners verhallt und blechern. Aber auch die ersten Worte, die 1861 über die Telefonanlage des Erfinders Johann Philip Reis übertragen wurden ("Das Pferd frisst keinen Gurkensalat"), dürften kaum ISDN-Qualität gehabt haben. Mittlerweile ist Internet-Telefonie erwachsen geworden. Wer über einen Breitband-Anschluss verfügt kann heute problemlos seinen PC als Fernsprecher nutzen. Kostenlose Programme machen es möglich.

Päckchenweise

Technisch basiert das Quasseln übers Netz auf dem so genannten Voice-over-IP-Protokoll (kurz VoiP). Der entscheidende Unterschied zum guten alten Telefonnetz: zwischen den Gesprächspartnern besteht während eines Telefonats keine permanente Verbindung. Die Sprachinformationen werden stattdessen in viele kleine Datenpäckchen zerhackt, die einzeln auf die Reise geschickt und erst beim Empfänger wieder zusammengesetzt werden. Im Idealfall merken die Beteiligten diesen Unterschied überhaupt nicht. Der Rechner kümmert sich um die Päckchenwirtschaft im Alleingang, genauso wie er es beim Email-Versand oder beim Laden einer Webseite macht.

Man nehme...

Neben einem PC benötigen Internet-Telefonierer lediglich ein Mikrofon und einen Kopfhörer oder – besser – eine Headset-Kombination. Netzpalavern klappt zwar prinzipiell auch über Lautsprecherboxen, empfehlenswert ist das aber nicht: Rückkopplungen und Echo-Effekte schmälern den Spaß ungemein. Ein DSL-Anschluss sollte auch vorhanden sein, denn das Päckchenpacken und –entpacken verbraucht Bandbreite. Wird die Sprache mit 64 Kilobit in der Sekunde übertragen, so bläht der so genannte Protokoll-Overhead den Datenstrom auf 80 Kbit/s auf. Versucht man diesen Datenwurm durch eine ISDN-Leitung oder gar durch ein Modem zu quetschen, klingt er am anderen Ende zwangsläufig wie ein Kurzwellenradio.

Weichware

Die gängigen Instant-Message-Clients wie ICQ, AIM, MSN- und Yahoo-Messenger bringen die Möglichkeit zur Sprachübertragung direkt mit, allerdings liegt die Qualität meist deutlich unter Telefon-Niveau: "S" und "F" kann man oft genug nicht unterscheiden. Anders bei Skype, dem Shootingstar unter den Plauder-Programmen. Im Gegensatz zu den meisten Mitbewerbern beschränkt sich die Skype-Software nicht auf die Übermittlung "relevanter" Sprachfrequenzen, sondern übertragt auch das tiefste Grummeln und das höchste Piepsen. Skype gibt es für Windows 2000 oder XP, für Mac, Linux und Pocket-PC. Gespräche mit anderen Skype-Nutzern sind prinzipiell kostenlos, verursachen aber naturgemäß Datenverkehr: Je nach DSL-Tarif kann die Quatscherei unter Umständen teuer werden. Nur wer per Flatrate abrechnet braucht sich darüber keine Sorgen zu machen.

Gesellige Zeitgenossen können in Konferenzrunden mit bis zu vier anderen Skypern gleichzeitig schwatzen. Gesprächspartner gibt es genug: 26 Millionen Mal wurde das Progrämmchen bisher herunter geladen. Die Macher von Skype sind Jan Friis und Niklas Zennstrom, die bereits die ebenso erfolgreiche wie umstrittene Tauschbörse Kazaa entwickelt haben.

Klingeling!

Seit neuestem übt Skype den Brückenschlag zwischen neuer und alter Telefonie: Der SkypeOut genannte Dienst erlaubt es, mit dem Rechner jedes beliebige Telefon anzurufen. Hier beginnt auch der Teil des Spiels, der nicht mehr kostenlos ist, die SkypeOut-Gesprächsgebühren liegen allerdings fast immer deutlich unter den Festnetz-Tarifen. Für ein halbstündiges Telefonat mit dem Erbonkel in Australien werden bei Skype gerade einmal 60 Cent fällig. Da kommt selbst der Call-by-Call-Billigheimer Teledump nicht mehr mit, der 1,05 Euro für dieses Gespräch verlangt. Um SkypeOut zu nutzen, muss man zunächst ein Guthabenkonto auffüllen, was leider nur mittels Kreditkarte funktioniert. Grundgebühren oder ein monatlicher "Mindestverzehr" fallen aber nicht an.

Rein und raus

Skype ist bislang eine Einbahnstraße, da man die PCs noch nicht aus dem Telefonnetz anrufen kann. Hier wittern DSL-Anbieter wie Broadnet-Mediascape, Freenet oder QSC ihre Chance. Sie verpassen ihren Kunden echte Telefonnummern. Allerdings kann man diese Internet-Telefonie-Dienste nur nutzen, wenn man auch einen DSL-Vertrag bei dem jeweiligen Unternehmen abschließt. Freenet konterkariert gar die Internet-Idee und erlaubt nur Telefonate in das deutsche Festnetz.

Zwei Unternehmen bieten in Deutschland bislang IP-Telefonie unabhängig vom Provider an: Sipgate und Nikotel. Und: diese Firmen ermöglichen sogar Internet-Telefonie ohne Computer. Für 99 Euro (Sipgate), beziehungsweise 179 Euro (Nikotel) haben sie Geräte im Angebot, die sich äußerlich nicht von herkömmlichen Tischtelefonen unterscheiden. Allerdings werden diese nicht in Telefonbuchse gestöpselt, sondern direkt in den Internet-Router oder das DSL-Modem. Der Clou: VoIP-Telefonnummern sind genau ortlos wie Email-Adressen. So ist man überall wo man sein Telefon ans Netz klemmt unter der heimischen Rufnummer erreichbar. In einem Internet-Café in Nairobi genauso wie in einer Sushi-Bar in Yokohama.

Beide Unternehmen rechnen nach dem Prepaid-Modell ab. Sipgate verzichtet auf eine monatliche Grundgebühr. Nikotel verlangt einen Mindestumsatz von 6,99 Euro. Bis vor kurzem konnte man sich die gewünschte Ortsvorwahl noch aus einer Städteliste aussuchen. Damit ist jetzt Schluss. Die Regulierungsbehörde Telekommunikation und Post verbot kürzlich die Vergabe ortsfremder Rufnummern. Geplant ist, künftig alle deutschen VoIP-Nummern mit 032 beginnen zu lassen.

Noch keine Alternative

Die Anbieter werben zwar damit, Internet-Telefone würden künftig den herkömmlichen Festnetz-Anschluss überflüssig machen, das ist aber zur Zeit noch übertrieben. Notrufnummern sind über die VoIP-Netze ebenso wenig zu erreichen, wie 0180- und 0190-Nummern. Auch der Eintrag ins Telefonbuch ist meist unmöglich. Selbst so simple Dienste wie ein Anrufbeantworter bei ausgestöpseltem Telefon gibt es noch nicht. Dazu kommt die nervige Abrechnung per Vorkasse. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig: auch bei Ortsgesprächen muss die Vorwahl mitgewählt werden - und davor oft sogar die 49, die deutsche Länderkennung. Ortsunabhängigkeit hat ihren Preis.

Noch bevor das junge Medium richtig flügge wird, droht eine Gefahr, die bereits einen anderen Internet-Kommunikationskanal nahezu unbrauchbar gemacht hat: Spam. Theoretisch ist das automatisierte Abtelefonieren von Netz-Telefonen genauso leicht, wie der Versand von Millionen Emails. In den USA hat die Plage bereits einen Namen: SpIT, für Spam über Internet-Telefonie. Dem US-Unternehmen Qovia gelang es in einem Testlauf, 1.000 Anrufe pro Minute zu tätigen. Die schlimmste Befürchtung: nicht nur in der Email-Box, sondern auch am Telefon könnte es bald im Minutentakt heißen: "Want a larger Penis?"



Kurze Werbeunterbrechung:


Kommentare dazu:

Ich sehe ein viel größeres Problem bei VoIP: Das Ding wird erst dann zum Renner in Deutschland, wenn die DTAG gezwungen wird, DSL-Zugänge allein - also ohne ISDN - zu verkaufen. Dann wäre ein VoIP-Telefon eine echte Alternative zum Festnetztelefon plus DSL.

Gruss
Sebastian
Nutze Skype schon recht lange,
kann nur sagen: "ist super und wird immer noch besser!"

Gruss
Sepp



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