Kartenspiele

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt glaubt fest an die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte im Jahre 2006. Auch der Kostenrahmen würde nicht überschritten, ist sie überzeugt. Doch viele grundlegende Fragen sind rund 13 Monate vor dem Startschuss noch ungeklärt.

Von Mario Sixtus

Die Aussage auf der Internetseite des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) ist eindeutig. "Ab 2006 sollen alle Krankenversicherten eine elektronische Gesundheitskarte erhalten", kann man dort lesen. Auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hält standhaft an diesem Datum fest. "Die Karte wird wie vorgesehen am 1. Januar 2006 eingeführt", ließ sie Ende September erneut verlauten. Von einer flächendeckenden Einführung war da allerdings bereits nicht mehr die Rede. Die neue Sprachregelung heißt nun "schrittweise Einführung".

Am Starttermin will das Ministerium aber offenbar keine Zweifel aufkommen lassen. Auf Nachfrage von heute.de hieß es aus Bonn zwar: "der Zeitplan steht", genauere Informationen wollte man jedoch nicht geben und verwies auf die Website des Projektteams Bit4Health. Dort heißt es unter dem Stichwort Fahrplan lapidar: "Wenn die technischen Vorarbeiten geleistet sind, wird die elektronische Gesundheitskarte in Modellregionen getestet." Präzise Informationen stellt man sich anders vor.

"Eher 2007"

Deutlicher wird Dr. Roland Stahl, Sprecher der Bundesärztlichen Kassenvereinigung gegenüber heute.de: "Drastisch gesprochen: Anfang 2006 wird es diese Karte irgendwo in Deutschland zum Vorzeigen geben." Bis allerdings alle versicherten Bundesbürger ihre Datenkarte in der Tasche haben, "das wird eher 2007", vermutet Stahl.

Für Zweifel an der pünktlichen Einführung der elektronischen Patientenkarte sorgte in den letzten Wochen nicht zuletzt der Richtungsstreit unter den Beteiligten. Als Ende Oktober immer noch nicht Einigkeit über die grundsätzlichsten technischen Fragen herrschte, zog Ministerin Schmidt die Notbremse und drohte damit, die Planung größtenteils an sich zu ziehen. Dieser Schreckschuss zeigte offenbar Wirkung. Die so genannte Selbstverwaltung, die sich aus Spitzenverbänden von Ärzten, Zahnärzten, Krankenkassen, privaten Krankenversicherern, Apothekern und Krankenhäusern zusammensetzt, stimmte zähneknirschend einer wesentlichen Neuorganisation des Projektbüros Protego zu.

Verzicht auf Einstimmigkeitsprinzip

Statt Delegierten aus der Selbstverwaltung sollen in der künftigen Betriebsorganisation Vollzeitkräfte arbeiten. Obendrein werden Forschungsauftrage an drei Fraunhofer-Institute vergeben, die sich mit den Feinheiten der Lösungsarchitektur befassen sollen. Die wahrscheinlich wichtigste Neuerung: Das oftmals lähmende Einstimmigkeitsprinzip wird über Bord geworfen

"Wenn alle Beteiligten gut zusammenarbeiten, sind wir optimistisch, dass der Zeitplan einzuhalten ist", übt sich Udo Barske, Sprecher des AOK-Bundesverbandes, in vorsichtiger Zuversicht. Optimismus ist vonnöten, denn selbst elementare Fragen zur elektronischen Gesundheitskarte sind bisher noch unbeantwortet:

  • Um Fälschungen zu erschweren soll sich auf der Karte ein Passbild des Inhabers befinden. Wie Millionen Fotos von den Versicherten zu den Kartenherstellern gelangen sollen, ist unklar. Ebenfalls Diskussionsstoff dürfte die Frage liefern, wer die Echtheit der einzelnen Lichtbilder überprüft. Fachleute schätzen, dass allein die Herstellung aller benötigten Karten rund ein Jahr dauert.
  • Große Debatten gibt es darüber, wo die Daten letztendlich gespeichert werden. Auf einem zentralen Serverpark? Auf der Karte? Ist eine gemischte Lösung besser? Oder verbleiben die Daten auf den Rechnern der behandelnden Ärzte und werden von dort - nach Rücksprache mit dem Patienten - bei Bedarf freigegeben? All das soll nun in einzelnen Testregionen ausprobiert werden. Ergebnis offen.
  • Unklar ist auch noch, ob die elektronischen Informationen nach deutschem oder europäischem Muster angelegt werden. Letzteres kennt beispielsweise neben den Geschlechtsattributen "männlich" und "weiblich" auch noch "unbekannt" (bei Opfern schwerer Unfälle) und "undefiniert" (nach Geschlechtsumwandlungen).

Was kostet das alles?

In der letzten Zeit wurden auch Zweifel an der Seriosität der kalkulierten Kosten laut. 1,4 Milliarden Euro sind bislang für die Einführung der Karte und der notwendigen Technik-Infrastruktur vorgesehen. Diese Zahl verteidigen das Ministerium und die Selbstverwaltung bislang vehement und in seltener Einmütigkeit. "Dass die Gesundheitskarte mehr kosten wird, als 1,0 oder 1,4 Milliarden Euro, ist klar", sagte hingegen Michael Ihringer vom Darmstädter Software-Anbieter Intersystems der "Berliner Zeitung".

Einige Spötter fühlen sich bereits an Manfred Stolpe und die Geschichte der LKW-Maut erinnert. Auch der Verkehrsminister wiederholte bekanntlich stereotyp: "Die Maut kommt nach Plan" - bis von diesem Plan nichts mehr übrig war. Fachleute merken an, eine glaubwürdige Kalkulation könne erst auf dem Tisch liegen, wenn die Rahmendaten für das Projekt detailliert geklärt seien - und genau das sei noch nicht der Fall.

Tatsächlich verschweigt die bisherige Kalkulation die Aufwendungen der einzelnen Praxen für die anstehende Umrüstung. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt diese auf 2000 Euro je Praxis. Sollte der Arzt jedoch noch mit Computern aus der DOS-Ära arbeiten oder seine Patienten auf Papier verwalten, können daraus schnell 10.000 Euro werden. Krankenhausträger wissen ebenfalls noch nicht, welche Belastungen auf sie zukommen.

Wird die Karte zum Wahlkampfspielball?

Mit der Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips innerhalb der Betriebsorganisation dürfte Ulla Schmidt einen der größten Bremsklötze vom Hals haben. Allein: für die Einführung der Mehrheitsregelung bedarf es einer Gesetzesänderung. Und die könnte von den unionsregierten Länder im Bundesrat leicht zu Fall gebracht werden. 2006 ist Wahljahr.



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Pingback: Flötenfuchs » Das Gute-Nacht-Gebet der Apotheker

...der sogenannten Selbstverwaltungen, wie man wieder einmal an der Einführung der Gesundheitskarte erkennen kann. Warum? Weil man dann effektiv im Gesundheitswesen sparen würde. Und das meiden die Lobbyisten wie der Teufel das Weihwasser. Warum z.B. sind ...

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