Verwischte Spuren

Die Dateitauschbörse EarthStation 5 (ES5) ist nach einer c't-Veröffentlichung in die Kritik geraten. Wir hatten berichtet, dass hinter ES5 höchstwahrscheinlich ein vorbestrafter Krimineller steckt. Daraufhin meldeten sich die Beteiligten zu Wort.

Von Mario Sixtus und Oliver Eberhardt

In c't 26/03 wiesen wir enge Verbindungen zwischen der angeblich in den palästinensischen Autonomiegebieten ansässigen Filesharing-Börse ES5 und dem wegen Betrugs gesuchten Ex-Sex.com-Betreiber Stephen M. Cohen nach. Cohen hält sich höchstwahrscheinlich in Mexiko auf, wo er mit verschiedenen Firmen unter anderem im Spam-Business tätig ist. Diese Recherche-Ergebnisse fanden schnell ihren Weg ins ES5-Webforum, wo sie von den Nutzern kontrovers diskutiert wurden.

Drei Tage nach Erscheinen des Hefts versuchte ES5-Chef „Ras Kabir“ mit einem Posting im Forum, den Verdacht zu zerstreuen. Er bemühte sich zu erklären, wie es dazu kam, dass sowohl der amerikanische ES5-Ansprechpartner „Steve Taylor“ als auch Stephen M. Cohen zeitweise über eine identische E-Mail-Adresse verfügten. Ein simpler Domain-Transfer sei dafür verantwortlich gewesen. Und: Ja, man habe durchaus Kontakt zu einem mexikanischen ISP, der sich jedoch lediglich um das Chat-System von ES5 kümmere.

Der angebliche israelische ES5-Provider Speednet, den wir als Scheinfirma identifiziert hatten, habe mittlerweile Anwälte in Deutschland beauftragt, die gegen unsere Berichterstattung „die passenden Schritte“ einleiten würden. Geschehen ist freilich nichts dergleichen. Eine Verbindung zu Stephen Cohen wies Kabir entschieden zurück. Er kenne den Mann nicht einmal.

Gleichzeitig mühte sich ES5, einige der Spuren zu verwischen, die wir für unsere Recherche genutzt hatten. So wurde die Telefonnummer nachträglich verändert, welche Stephen Cohen in einem Webforum hinterlassen hatte und die mit „Steve Taylors“ Rufnummer identisch war. Ein Vorgehen, das im Zeitalter von Suchmaschinen-Caches beinahe naiv wirkt. Und es passierte offenbar zu spät: Die britische Wirtschaftszeitung „Economist“ zitierte im Dezember den c't-Artikel und bestätigte unsere Erkenntnisse anhand eigener Recherchen. Spätestens jetzt war die Story auch im englischsprachigen Teil des Internet bekannt.

Anfang Januar überraschte Präsident Ras Kabir die ES5-Gemeinde mit einem Foreneintrag, in dem er erklärte, er habe Stephen Cohen einen Job als „Berater“ gegeben. In der gleichen Mitteilung lobte er Cohen als cleveren Geschäftsmann und spielte dessen kriminelle Vergangenheit herunter. Kurz darauf meldete sich Cohen selbst im Forum zu Wort. Auch er verniedlichte seine Verbrecherkarriere, prahlte aber gleichzeitig mit einem Multimillionendollarvermögen und Immobilienbesitz in Frankreich. Momentan würde er sich ebendort aufhalten, „Bordeaux trinken“ und „über den Ozean blicken“.

Cohen offerierte Jobs als Programmierer. Wir bewarben uns mit einem fingierten E-Mail-Account um die ausgeschriebenen Stellen. In die Mails betteten wir eine kleine Grafik ein, die beim Öffnen durch einen HTML-fähigen Client von einem Webserver nachgeladen wurde. Schon nach kurzer Zeit klingelte es in den Logfiles. Und der Zugriff Cohens erfolgte weder aus Frankreich noch aus Israel, sondern aus dem Netz des hinlänglich bekannten mexikanischen Unternehmens Pac Net. Eine ähnliche Mail an ES5-Chef Ras Kabir lieferte das gleiche Ergebnis.



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