Der Zündfunke erlischt

Seit letzter Woche ist Netscape Vergangenheit. Er war der erste Webbrowser für Jedermann und erlebte eine wechselvolle Geschichte wie wohl kaum ein anderes Stück Software.

Von Mario Sixtus

Die Trauer in der Netzgemeinde hielt sich in Grenzen, als letzte Woche, mit der Entlassung von 58 Entwicklern und der Entfernung des Netscape-Logos von der Firmenfassade, die Geschichte des Netscape-Browsers ihr höchstwahrscheinliches Ende nahm. Zu eindeutig waren die Symptome der letzten Wochen gewesen und zu häufig hatten die Fans des Internet-Urgesteins in den vergangenen Jahren schon schwere Zeiten durchleben müssen, als dass Schock oder Wehmut noch eine Chance gehabt hätten.

Mit Netscape geht nicht irgendeine x-beliebige Internet-Software den Weg auf den Datenfriedhof, vielmehr verlässt mit dem Ur-Browser nun das Computerprogramm das WorldWideWeb, das dessen explosionsartige Verbreitung überhaupt erst ermöglichte. Der Zündfunke des medialen Urknalls ist erloschen und niemand scheint ihm eine Träne nachzuweinen. Wie konnte es so weit kommen?

Im Jahre 1993 war das Netz noch überwiegend Spielwiese und Heimstadt von Computergeeks und Datenfreaks, eine binäre Nebenwelt, die sich durch Forschungs-, Universitäts- und Militäreinrichtungen zog und von deren Existenz nur wenige technophile Eingeweihte wussten. Das sollte sich bald ändern. Der aus dem universitären Projekt NCSA-Mosaic hervorgegangene Browser Netscape Navigator verband erstmals eine einfache Bedienung mit einer grafischen Benutzeroberfläche und ermöglichte es so auch Personen ohne höhere Computerweihen, sich weitgehend problemlos durch die Weiten des Webs zu bewegen. Der Startschuss für die hinlänglich bekannte Medienrevolution war gefallen.

Netscape Communications ging am 9. August 1995 an die Börse und am Ende des ersten Handelstage hatte sich der Aktienkurs von 28 auf 58 Dollar mehr als verdoppelt. Der Anteil am Browsermarkt wurde damals auf rund 80% geschätzt.

Doch im gleichen Jahr brach die Epoche an, die im Internet-Geschichtsbuch mittlerweile als "Browser-Krieg" ihr eigenes Kapitel erhalten hat.

Anfang 1998 ging der Spätstarter Microsoft, zwar mit einigen Monopolrechtsklagen-Stacheln im Fleisch, ansonsten aber weitgehend unbeschadet und als klarer Sieger aus der zum David-gegen-Goliath-Kampf hochstilisierten Machtprobe hervor. Netscapes Chef und Gründer Marc Andreessen zog im Frühjahr 1998 hingegen entnervt die Reißleine und gab als scheinbar letzte Notlösung die Quellcodes des Browsers frei: Unter Mozilla.org sollte die Software künftig, zwar mit Unterstützung des Unternehmens, aber auch durch Beteiligung einer weltweiten Entwicklergemeinde von Freiwilligen, als Open-Source-Projekt für den Konkurrenzkampf besser gewappnet sein. Für Viele ein unternehmerischer Offenbarungseid. David hatte vor Goliath kapituliert. Ende des Jahres übernahm schließlich AOL das Unternehmen Netscape – für 4,2 Milliarden Dollar.

Spätestens mit dem Verkauf schien für viele Insider der Niedergang besiegelt zu sein. Skeptiker wiesen bereits damals darauf hin, dass AOL wahrscheinlich kaum Interesse an der Software selbst haben dürfte, sondern sich vielmehr das populäre Web-Portal Netscape.net einverleiben wolle und den Browser vermutlich lediglich als Drohkulisse und Joker bei Verhandlungen mit Microsoft nutzen würde. Zum Vorzeigen, nicht zum Einsetzen. Heute scheint es so, als hätten die Schwarzseher von damals Recht behalten.

Im Rahmen eines Vergleiches, als Abschluss eines lange schwelenden Kartellrechtsprozesses, zahlte Microsoft im Mai diesen Jahres 750 Millionen Dollar an AOL und stimmte gleichzeitig zu, dem Zugangsanbieter für die nächsten sieben Jahre Nutzungsrechte für den Internet Explorer zu überlassen. Netscape hatte somit endgültig seine Schuldigkeit getan und war als Faustpfand überflüssig geworden.

Aber auch an anderer Stelle war Netscape mittlerweile entbehrlich geworden: als schmückender Einband und als Namenshülse für das Open Source Browser-Projekt Mozilla. Während im Laufe der letzten Jahre der unabhängige Browser mit der Echse sich zur schlanken, schnellen und leistungsstarken Alternative zum Internet Explorer mauserte - und nach Ansicht vieler Experten diesen bereits um Längen überholt hat, gelang es Netscape unter der AOL-Ägide in der gleichen Zeit stets, seine Fans mit unausgegorenen und überhastet veröffentlichten Programmversionen zu verärgern, die oftmals schlampig programmiert und lieblos zusammengeschustert waren – obgleich doch in beiden Systemen das gleiche Programm-Herz schlägt.

So verwundert es nicht all zu sehr, dass der Verlustschmerz sich bei langjährigen Netscape-Nutzern nun in engen Grenzen hält. Die meisten sind sowieso schon längst ins Lager der Echse gewechselt und allseits gilt die metaphysische Sprachregelung: "In Mozilla wird Netscape weiterleben."

Die Leguan-Entwickler haben soeben in der nicht gewinnorientierten Stiftung Mozillafoundation ein neues Zuhause gefunden. Zur Gründung überwies AOL eine Anschubspende von zwei Millionen Dollar – ob aus alter Treue oder aus schlechtem Gewissen sei dahingestellt – und auch der Lotus-Entwickler und künftige Vorstand Mitch Kapor steuerte 300.000 Dollar aus seiner Privatschatulle bei. Mit dem Linux-Distributor RedHat und dem Microsoft-Erzfeind Sun-Microsystems haben bereits die ersten prominenten Unternehmen ihre Unterstützung zugesagt und die alte und neue Chef-Entwicklerin Mitchell Baker übt sich vor der Presse bereits in unverhohlenen Kampfansagen in Richtung Microsoft: „Wir haben halt den besseren Browser, und das ist es, worum es geht.“

Laut der Statistik-Site OnStat.com verfügt Mozilla zur Zeit über einen Marktanteil von 1,2 Prozent, Netscape liegt bei 2,9 Prozent und der Microsoft Internet Explorer kontrolliert mit 95,3 Prozent den Browsermarkt nahezu im Alleingang. Insofern erscheinen die markigen Worte aus der Reptilien-Fraktion zumindest mutig. Aber über die Ausgangslage ist man sich im Mozilla-Team durchaus im Klaren: Nur ein Markenstreit verhinderte, dass der neue Standallone-Browser "Firebird" einen Namen bekam, in dem noch eindeutigere Symbolik mitschwingt: "Phoenix".

Seit dieser Woche steht nun auch die deutsche Version von Netscape 7.1 zum Download bereit. Für Kenner der Materie das beste Stück Software, das je das Label Netscape trug. Leider zu spät.



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