
Man nennt sie Spyware oder Adware und sie sind mindestens so verhasst wie Email-Spam: Programme, die das Surfverhalten von Internetusern ausspionieren und unerwünschte Werbefenster anzeigen. Tatsächlich werden in dieser Grauzone des Marketings Millionen umgesetzt. Auch namhafte Unternehmen profitieren von der fragwürdigen Technik.
Von Mario Sixtus
Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, dann präsentiert es sich im Vorfeld stets im besten Licht. Auch die Zahlen, die das US-Werbeunternehmen Claria im Frühjahr dieses Jahres vorlegte, lesen sich beeindruckend. 90 Millionen Dollar hatte die kalifornische Firma im Jahre 2003 durch Internet-Werbung umgesetzt und dabei einen Gewinn von 31 Millionen Dollar erwirtschaftet. Das entspricht einer beachtlichen Umsatzrendite von 31 Prozent. Der Online-Vermarkter arbeitet also in etwa dreimal so rentabel, wie der Suchmaschinenbetreiber Google, der seine Einkünfte ebenfalls durch Werbung erzielt. Der Börsengang sollte die Krönung der Erfolgsgeschichte von Claria sein.
Der Name Claria dürfte den meisten Internetnutzern unbekannt sein. Kein Wunder: das Betätigungsfeld der Firma, die 1998 unter dem Namen "Gator Corporation" gegründet wurde, liegt eindeutig in einer Grauzone des Online-Marketings: Claria streut seine Werbung mittels Spyware.
Auf jedem dritten, ans Internet angeschlossenen PC soll ein Spyware-Programm installiert sein, behauptet eine aktuelle Studie der beiden Unternehmen Earthlink und Webroot. Der Zugangsanbieter und der Softwarehersteller hatten jüngst über 400.000 Computer untersucht.
Zustimmung durch die Hintertür
Der übliche Weg, sich eine der ungeliebten Werbeschleudern einzufangen, ist der Download von vorgeblich kostenloser Software. Meist wird in den Lizenzbedingungen, die der Nutzer per Mausklick bestätigen muss, mehr oder weniger versteckt darauf hingewiesen, dass sich die Software über Werbung finanziert. Wer beispielsweise das beliebte Tauschbörsen-Programm Kazaa auf seinem Rechner installiert, der muss das so genannte "End User Agreement" ganze 2000 Worte lang studieren, bis er den ersten Hinweis auf das Claria-Produkt Gator findet. Wer einfach "OK" klickt, hat damit sein Einverständnis zu dieser Huckepack-Installation gegeben - ob er es weiß, oder nicht.
Diese Praxis ist auch dem Spyware-Gegner Ben Edelmann ein Dorn im Auge. Er sieht das Hauptproblem in der seiner Meinung nach zu laxen Gesetzgebung in den USA. "Genau genommen ist es doch so: Man braucht nur etwas über Lizenz zu faseln, den Anwender dazu zu bringen, 'Akzeptieren' zu klicken, und danach darf die Software tun, was immer sie will", sagt Edelmann zu heute.de. Der Doktorand an der Harward Law School ist sicher: "Schon eine kleine Änderung der Gesetze könnte den Geschäften der Spyware-Unternehmen einen Riegel vorschieben."
Die Vorwürfe, Claria würde sich den Weg auf die Anwender-PCs geradezu erschleichen, kontert das Unternehmen mit dem Verweis auf eine Studie, die belegen soll, 94 Prozent aller Nutzer wüssten, dass sie Gator auf ihrem Rechner hätten. Fachleute zweifeln allerdings an der Aussagekraft dieser Untersuchung.
Wer wirbt mit Spyware?
Wer glaubt, zu den Inserenten, die ihre Werbung mittels dieses zwielichtigen Kanals über die Bildschirme verteilen, würden nur die üblichen Verdächtigen aus dem virtuellen Rotlichtmilieu und der Internet-Glücksspielecke gehören, den belehrt der Blick in Clarias Börsenunterlagen eines Besseren. Dort erfährt man, dass satte 31 Prozent des Umsatzes aus den Kassen der Yahoo-Tochter Overture stammen. Overture verdient sein Geld normalerweise durch die Platzierung kontextrelevanter Anzeigen auf Suchmaschinenseiten. Durch den Umweg über die Gator-Software konnten Overture-Pop-Ups nun auch auf Suchmaschinen-Ergebnisseiten erscheinen, zu deren Betreibern kein Vertragsverhältnis besteht. Etwa bei Google.
Als Yahoo kürzlich eine Vorabversion seiner neuen Toolbar präsentierte, welche Spyware aufspüren und entfernen kann, stellten findige Programmierer schnell fest, dass die Werbesoftware von Claria unangetastet blieb. Der Grund: Yahoo unterschied etwas kleinlich zwischen Adware und Spyware. Erst nach Protesten korrigierte der Portalanbieter dieses Verhalten.
Ein Spion mit großen Kunden
In seinem Börsenprospekt listet Claria noch weitere große Namen der US-Wirtschaft auf. Der Mobilfunkkonzern Sprint findet sich dort ebenso, wie Motorola, das Direktversicherer ING und der Reisedienstleister Orbitz. Ben Edelmann hat noch wesentlich mehr entdeckt und sich dafür viel Mühe gegeben: In seinem Labor installierte er die Gator-Software auf mehreren Rechnern, schrieb ein Simulationsprogramm für typische Surftouren und speicherte die unerwünscht aufpoppende Reklame automatisch ab. Er entdeckte dabei Inserate des Online-Shops von Apple, der Kosmetikkette Avon, von Chrysler, Columbia, Disneyland und der Microsoft-Tochter Expedia.
"Allerdings hat das Problem noch einen subtileren Aspekt", erklärt Ben Edelmann. Denn die großen Marken sind keineswegs immer direkt Kunden bei Claria. Vielmehr sind es Zwischenhändler, die den Werbeplatz buchen und die Adressen der Interessenten später an ihre Auftraggeber verkaufen. Ob diese davon wüssten, wo ihre Anzeigen letztendlich erscheinen, sei nur "schwer heraus zu finden", sagt Edelmann. "Exemplarisch ist der Fall Dell", berichtet er, "Einerseits beschwert sich der Computerhersteller darüber, dass Spyware für 12 Prozent aller Support-Anrufe verantwortlich ist, andererseits blendet Claria auch Werbung für Dell-Computer ein."
Auf Edelmanns Anfrage teilte der Hardwareproduzent mit, es handele sich dabei um "unautorisierte Anzeigen" eines Partners. "Offenbar hat Dell sich daran aber mehrere Monate nicht gestört und von der Spyware-Werbung profitiert", stellt Edelmann fest. Selbst nach seiner Anfrage dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Dell-Anzeigen aus dem Claria-Netz verschwunden waren.
Schlappen vor Gericht
Claria Corporation bestätigte heute.de zwar, dass die Firma auch mit Inserenten aus Deutschland zusammenarbeitet, Fragen zu speziellen Partnerschaften oder Kunden könne man jedoch "nicht kommentieren".
Vor einem deutschen Gericht musste Claria erst vor einigen Monaten eine Niederlage einstecken. Der Autovermieter Hertz hatte eine einstweilige Verfügung dagegen erwirkt, dass die Gator Software Pop-Up-Reklame für Konkurrenzunternehmen einblendet, sobald ein "Anwender" die Website von Hertz besucht.
Auch bei US-Gerichten häufen sich mittlerweile die Klagen gegen den frechen Werber. Fachleute halten diesen Umstand für den wahren Grund, warum die Claria Corporation vor zwei Wochen ihren Börsengang überraschend absagte. Offiziell begründete man den Rückzieher mit den "gegenwärtigen Marktbedingungen".
