Schreiben ist in

Weblogs und Onlinemagazine zum Mitmachen: Im Netz kommen vermehrt Hobbyautoren zu Wort

Von Mario Sixtus

Mit den Weblogs wird das Publizieren im Internet immer beliebter. Preisgünstige oder gar kostenlose Onlinesoftware erlaubt es Hobbyautoren, Texte problemlos (zumindest potenziell) einem Millionenpublikum zugänglich zu machen. Doch im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Surfer haben Einzelkämpfer meist wenig Chancen - zu stark sind die etablierten Internetmagazine. Das ist schade, weil Weblogs mitunter dank ihrer frischen Schreibe und ungewohnter Blickwinkel die Online-Publizistik durchaus bereichern.

Ein Blick in den Fernen Osten zeigt, dass beides gemeinsam geht: Den scheinbaren Widerspruch zwischen etablierten Onlinemagazinen und tausenden Hobby-Journalisten löst seit drei Jahren erfolgreich das südkoreanische Webmagazin OhMyNews.com auf. Vier Fünftel der Beiträge auf der mehrmals täglich aktualisierten Website steuern deren Leser bei. Etwa 26 000 Bürger-Reporter senden Artikel an die Redaktion, um die 220 Beiträge werden täglich veröffentlicht. 30 Redakteure bemühen sich, Daten und Fakten zu überprüfen und die Behauptungen in den Amateurberichten zu verifizieren.

Schafft es ein Text in die Ausgabe, erhält der Autor mit höchstens 22 Euro ein symbolisches Honorar. Den meisten Gelegenheitsjournalisten geht es ohnehin eher um den Ehrgeiz, ihren Namen auf OhMyNews.com lesen zu können. Kein Wunder, gehört das Webangebot doch, mit täglich 14 Millionen Abrufen und zwei Millionen Besuchern, zu den populärsten des Landes. Die Themen reichen von investigativer, politischer Berichterstattung bis zu Kochrezepten und Alltagsbeobachtungen.

Im vergangenen Dezember adelte Südkoreas frisch gewählter Präsident Roh Moo Hyun OhMyNews: Das erste Interview nach der Wahl gab er der Bürgerpublikation. Ein wenig Dankbarkeit mag dabei eine Rolle gespielt haben: Laut New York Times soll das Mitmach-Netzportal inzwischen über so viel Meinungsmacht verfügen, dass es Rohs Wahl überhaupt erst möglich wurde. Die traditionellen Medien hatten den Kandidaten der Gerontokratie unterstützt.

Der Einfluss erstaunt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Südkorea das am besten vernetzte Land der Welt ist. Nach Angaben des US-Investmenthauses Morgan Stanley verfügen 70 Prozent der Einwohner über einen Internetanschluss, und vor allem die 20- bis 30-Jährigen nutzen in erster Linie das Web, um sich politisch zu informieren.

Seit kurzer Zeit möchte sich mit Redpaper in den USA ein ähnliches Modell etablieren. Allerdings dienen keine Onlinemagazine oder Webzeitungen als Vorbild, sondern der Internet-Marktplatz Ebay. Red Paper ist ein digitaler Umschlagsplatz für Texte aller Art, ein Mittler zwischen Autor und Leser. Das Neue an dem Konzept: Dort sollen neben Meinungen, Berichten, Reportagen, Kurzgeschichten und Gedichten auch harte Dollar die Besitzer wechseln.

Die Autoren bestimmen den Preis ihres Beitrags (Minimum zwei Cent) und erhalten nach jedem Verkauf 94,75 Prozent des Gelds. Die Differenz bleibt in der Kasse von Redpaper. Das in Chicago ansässige Unternehmen ist ein klassisches Internet-Startup. Mit dem Softwareriesen Adobe gehört zu den Wagniskapitalgebern ein großer Name der Branche.

In den ersten Wochen haben unter http://www.redpaper.com/ mehr als 2000 Schreiber ihre Werke veröffentlicht. Das Projekt von Gründer und Chefredakteur Mike Gaynor muss noch beweisen, dass sich Liebesgeschichten, Bastelanleitungen und politische Essays nach der gleichen Methode verkaufen lassen wie gebrauchte Staubsauger oder Trockenhauben. Außer der Verkaufsplattform für unabhängige Wortkünstler testet Redpaper nebenbei die Akzeptanz kostenpflichtiger Onlineinhalte. Die Erkenntnis, ob Webleser bereit sind, für Inhalte zu bezahlen, dürfte sicher nicht nur Gelegenheitsschreiber interessieren.

So unterschiedlich OhMyNews, Redpaper oder die heterogene Weblog-Bewegung auf den ersten Blick auch erscheinen mögen - sie belegen allesamt, dass die Trends im jüngsten Massenmedium eindeutig zum ältesten menschlichen Kulturgut tendieren: der geschriebenen Sprache. Kulturpessimisten dürfen sich beruhigen.



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