
Fahrräder drucken SMS-Nachrichten auf die Straße, Radiosender funken aus Rucksäcken und kapern Frequenzen. George W. Bush fördert die Kreativität seiner Landsleute - aber wohl ohne es zu wollen. Denn mit teils skurrilen Aktionen gehen Computer-Spezialisten - die so genannten Nerds - gegen ihren Präsidenten auf die Straße.
Von Mario Sixtus
Wer schon immer George W. Bush seine Meinung sagen wollte, kann das auf der Website von Joshua Kindberg tun. 120 Zeichen stehen dafür zur Verfügung. Ob der US-Präsident diese Nachricht jemals lesen wird, ist zwar äußerst fraglich, immerhin wird die Botschaft aber auf den Straßen von New York zu lesen sein: zusammengesetzt aus Kreidebuchstaben, jede Letter so groß wie eine Zeitungsseite.
Vergänglicher Protest
Kindberg, sein Fahrrad und sein selbst gebastelter Kreidespucker sind gemeinsam der wahrscheinlich merkwürdigste Computerdrucker der Welt. Und sie sind Teil einer Technik-Avantgarde, die sich anschickt, ihren Protest gegen die amtierende US-Regierung in Science-Fiction-Manier vorzubringen. Aktueller Anlass: der Parteitag der Republikaner in New York.
Sechs Monate Handarbeit steckte Kindberg in seinen Zweiraddrucker, der jeden Buchstaben aus einer 5x5-Kreideklecks-Matrix erstellt. Der Protest ist vergänglich: Die Ausdrucke halten je nach Wetterlage bis fünf Tage. "Bikes against Bush" nennt Joshua Kindberg seine digitale Straßenmal-Aktion. "Ich glaube, George Bush ist der schlechteste Präsident, den ich je erlebt habe", sagt er.
W-LAN, Internet, Foto-Handys
Daher wird Kindbergs Pedalenprinter auch keine Pro-Bush-Parolen auf New Yorks Asphalt sprühen: Vor dem Ausdruck sichtet der Radfahrer zunächst die eingesandten Sprüche. Nachdem eine Parole ihren Weg auf das Pflaster gefunden hat, schickt die Apparatur ein Foto mit Hilfe der Mobilfunk-Datenübertragungstechnik GPRS auf Kindbergs Website - natürlich inklusive der dazugehörigen GPS-Satelliten-Koordinaten.
Kindbergs "Internetfähige taktische Medienwaffe für nicht gewalttätigen, kreativen Widerstand" wird in den nächsten Tagen nicht das einzige High-Tech-Gefährt auf New Yorks Boulevards sein. Auch Kindbergs Freund Yury Gitman ist auf einem Muskelkraft betriebenen Netz-Mobil unterwegs: dem "Magicbike". Das unauffällige Klapprad fungiert als fahrbarer WiFi-Hotspot und versorgt Demonstranten im Umkreis von 100 Metern mit Internet-Verbindungen. Den eigenen Netzanschluss bezieht das funkende Fahrrad dabei, je nach Empfangsmöglichkeit, entweder über das Mobilfunknetz oder über entfernte WiFi-Sender, die mit speziellen Antennen verstärkt wurden.
Großeinsatz für Blogger
Zugang zum Internet ist für die Demonstranten wichtig. Längst geht es nicht mehr nur darum, Parolen durch die Straßen zu tragen, sondern auch, die Welt darüber zu informieren. Etliche Blogger werden ihre private Sicht der Ereignisse im Web veröffentlichen und auch unabhängige Organisationen wollen eine Vor-Ort-Berichterstattung liefern. Die "NYC Grassroot Media Coalition" wird einen Live-Webradio-Stream anbieten und "Paper Tiger Television" hat vor, zeitnah Videoreportagen ins Netz stellen. Aber bereits ein Kamera-Handy reicht aus, um zum Live-Reporter zu werden. Oder besser: zum "Moporter".
"Moport.org" publiziert Fotos und Texte von Mobiltelefonierern in Echtzeit. "15.000 Journalisten werden über den Parteitag berichten", schreiben die Initiatoren, "aber wir glauben nicht, dass sie für diesen Job ausreichen."
Piratensender im Rucksack
Die Mitglieder der Künstlergruppe "neuroTransmitter" werden zu Fuß in New York unterwegs sein und eine künstlerische Variante der Piratensender wieder aufleben lassen. Ihre Rucksäcke enthalten Kurzstrecken-UKW-Sender, CD-Spieler, Mikrofone und Kopfhörer. Kurz: alles, was ein wanderndes Radiostudio braucht.
Einen Schritt weiter gehen die Aktivisten des "Bureau of Inverse Technology". Sie planen, kommerziellen Stationen kurzfristig ihre Sendefrequenzen streitig zu machen. Die übertragenen Info-Schnipsel dieses so genannten "Flash Radiojackings" sollen angeblich zu kurz sein, um eine Ortung zu ermöglichen. Aktionen wie diese sind auch unter den Aktivisten umstritten. In den einschlägigen Foren wird heiß darüber diskutiert, ob man durch das Stören von Radiosendern nicht die "Free Speach"-Regel verletzen und so gegen die eigenen Grundsätze verstoßen würde.
Tanzen als Irritation
John Perry Barlow, der Mitbegründer der digitalen Bürgerrechtsbewegung "Electronic Frontier Foundation", warnt: "Sollten die Demonstrationen auch nur ein wenig gewalttätig werden, wird es Bush nützen." Sein Vorschlag namens "Guerrilla Dancing" hört sich dann auch wie eine Mischung aus Flash-Mob und Hippie-Protest an: Etwa 50 unauffällig gekleidete Menschen sollen sich dezent unter die Besucher des Parteitages mischen und auf Kommando zur Musik eines weiter entfernten Ghetto-Blasters wild herumtanzen. Nach Sekunden bricht die Musik ab und die Gruppe verstreut sich wieder. Barlow ist sicher: "Nichts irritiert Republikaner mehr, als zu sehen, dass andere Leute Spaß haben."
Links:
Bikes against Bush
Magicbike.net
NYC Grassroot Coalition
Paper Tiger Television
Moport.org
Neuro Transmitter
Bureau of Inverse Technology
Weblog von John Perry Barlow
