Im Lager funkt's

Otto Versand startet Pilotprojekt - Datenschützer fordern gesetzliche Regelung für die umstrittene RFID-Technologie

Von Mario Sixtus

Der Volksmund sagt: Ein bisschen Schwund ist immer. Dem Versandhaus Otto wurde der Schwund ein bisschen zu viel. Ausgerechnet hochwertige Produkte wie Notebooks, Digitalkameras oder Handys verschwinden immer wieder auf wundersame Weise auf dem Weg zum Kunden. Um den Verlusten auf die Spur zu kommen, setzen die Hamburger nun auf RFID-Chips.

Testweise hat Otto die zentrale Verladehalle in Hamburg und fünf Versanddepots der Logistiktochter Hermes mit der neuen Technik ausgestattet. Während der dreimonatigen Pilotphase werden die Verpackungen von rund 20 000 Lieferungen mit den winzigen Funkern bestückt. Die "Smart Labels" verraten auf Anforderung die jeweilige Artikelnummer, die Sendungs-Ident-Nummer und den Retourenschlüssel einer Bestellung - vorausgesetzt man hat ein geeignetes Lesegerät.

"Informationen über den Kunden sind in den Labels nicht enthalten", versichert Andreas vom Bruch, Sprecher des mit dem Projekt befassten IT-Dienstleisters Siemens Business Services. Auf dem Weg zwischen der manuellen Warenkonfektionierung und den Hermes-Depots werden die Smart Labels vier Mal ausgelesen. "Sollte ein Päckchen plötzlich verschwinden, weiß man zumindest, auf welchem Teilstück der Lieferkette das passiert ist", erklärt vom Bruch. Der Kunde findet schließlich in seiner Sendung ein Informationsblatt, das ihn über den Funkchip im Karton informiert. Auch auf eine Hotline zum Thema RFID weist Otto die Käufer dort hin. "Seit der Sache mit der Metro hat man ja dazugelernt", sagt Alexander vom Bruch.

Die "Sache" ereignete sich im Februar. Metro hatte Aktivisten des Bielefelder Bürgerrechtsvereins Foebud nach Rheinberg eingeladen. Dort betreibt der Handelsriese seinen "Future-Store", der zeigen soll, wie ein Supermarkt einmal aussehen könnte. Die Bielefelder gehören zu den entschiedensten Kritikern einer unkontrollierten Einführung der Funklabels. In einem Positionspapier warnen sie vor den Gefahren für Bürgerrechte und Privatsphäre. In Rheinberg wollte Metro die Skeptiker davon überzeugen, dass eine Verknüpfung von personenbezogenen Daten mit Produktinformationen nicht möglich sei. Zudem wollten die Metro-Manager demonstrieren, wie sie die sendenden Sticker am Ladenausgang ihrer Daten berauben, indem diese mit Nullen überschrieben werden.

Bereits diese Vorführung geriet zum Flop: Die individuelle Seriennummer, die jeder Chip seit seiner Fertigung mit sich trägt, wollte sich nicht deaktivieren lassen. Richtig ins Staunen kamen die Bielefelder dann, als sie später eine Payback-Kundenkarte des Future-Store unter ein Röntgengerät legten. Zwischen den Plastikschichten entdeckten sie auch dort einen RFID-Chip. Darauf hatte der Konzern weder im Future-Store, noch in den allgemeinen Geschäftsbedingungen hingewiesen. Nach heftiger Kritik aus unterschiedlichsten Lagern nahm Metro die funkenden Rabattkarten schließlich vom Markt.

Foebud-Sprecher padeluun freut sich über die Transparenz, die Otto jetzt gegenüber den Kunden an den Tag legt. "Gratulation", schmunzelt er, "ein großes Lob für unsere Arbeit." Eine präzise Kennzeichnung sei immer eine zentrale Forderung gewesen. Doch Foebud will mehr: Ein Gesetz müsse her, das den Einsatz von Funkchips regelt und eindeutig vorschreibt, welche Daten gespeichert werden dürfen und wie lange. In Kalifornien gibt es bereits Regeln. Dort ist es beispielsweise nur erlaubt, Daten auf Chips zu schreiben, die bereits über den üblichen Barcode zur Verfügung stehen.

Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, fordert einen Zusatz zum Datenschutzgesetz, der auf die Funker abzielt. "Dazu gehören eine Kennzeichnungspflicht für Produkte mit Chip, sowie das Recht, die darauf gespeicherten Informationen einsehen zu können und den Transponder nach dem Kauf permanent deaktivieren zu lassen", sagt seine Sprecherin Ira von Wahl. Auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion hatte die Bundesregierung allerdings verlauten lassen, sie sehe keinen Handlungsbedarf in Sachen RFID. Foebud arbeitet derweil auf der nächsthöheren politischen Ebene. Vorig Woche erklärte Foebud-Mitarbeiterin Rena Tangens in Brüssel ihr Anliegen den Datenschutzbeauftragten der einzelnen EU-Länder. "Dort ist das auf offene Ohren gestoßen", freut sich padeluun.

Für Wirbel in Fachkreisen sorgte kürzlich der Hildesheimer Lukas Grunwald gesorgt. Er zeigte auf einer Konferenz, wie leicht jedermann den Inhalt eines Standard-Smart-Labels manipulieren kann. Dazu benötige man nur einen handelsüblichen RFID-Leser, einen gängigen Pocket-PC und die von Grunwald und seinem Partner Boris Wolf entwickelte Software RFDump. Laut Grunwald ist es kein Problem, mit seiner Technik "kreative Preisgestaltung" auszuüben. So könne der Preis-Chip im Karton eines High-End-DVD-Players mit den Angaben eines Restposten-Gerätes überschrieben werden - berührungslos und aus mehreren Metern Entfernung. Auch die Altersfreigabe einer Film-DVD ließe sich so nach unten "korrigieren".

Ob die Otto-Beschäftigen mit den Möglichkeiten dieser Technologie vertraut sind, ist nicht bekannt. Foebud will jedenfalls noch 2004 einen RFID-Reader für jedermann anbieten. Erhältlich im Buchhandel, gemeinsam mit einem Buch über die RFID-Technologie.

Links:
http://www.rfdump.org
http://www.foebud.org/rfid
http://www.future-store.org



Kurze Werbeunterbrechung:


Jetzt kommentieren!


Aus der gleichen Publikation:

 





















































Blogs sind ein Paradies für Journalisten, wenn man weiß, wie sie funktionieren.

Blogosphäre: Kommunikationsgeflecht und Marketingfaktor

Den klassischen TV-Sendern laufen die Kunden davon. Immer mehr Internetnutzer ziehen sich ihr Programm direkt aus dem Netz - individuell, kostenlos und werbefrei

Der Mensch kehrt sein Innerstes nach außen – falls er die Software beherrscht

Social Software und das neue Leben im Netz

Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen sich in Paris zum Gedankenaustausch

In der durchdigitalisierten Welt werden Entfernungen gleichgültig. Ferndiagnose, Fernwartung, Fernsteuerung: So genannte Remote Services spielen in Industrie, Medizin und vielen anderen Bereichen eine immer größere Rolle

Paderborn: 5. "RoboCup German Open" - Roboterfußball noch in Kinderschuhen

Ein viel versprechender Ordnungsversuch im Internet

Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan

Podcasting heißt der neue Hit unter Hobby-Moderatoren und Hörern. Ein Player zeichnet die Sendungen automatisch auf

Entwickler und Marketing-Manager kennen oft die Bedürfnisse ihrer Kunden nicht – und produzieren Technik, die niemand braucht

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, macht leichter Geschäfte. Kontaktplattformen wie LinkedIn und OpenBC können helfen, diesen Jemand kennen zu lernen.

Hubert Burda Media lud zum "Digital Lifestyle Day"

Ein Gremium des Europa-Parlaments entscheidet heute, ob das Gesetzgebungsverfahren der EU komplett neu gestartet wird

Eine spanische Firma bietet Software, die Chart-Potenzial erkennen will - namhafte Produzenten nutzen das System

Das Pop-Geschäft war von je her ein Spiel mit vielen Unbekannten. Ein Unternehmen aus Spanien verspricht nun, das Risiko per Computeranalyse zu minimieren. Namhafte Produzenten nutzen bereits das digitale Hitparaden-Orakel. Gibt es eine mathematische Formel für den Massengeschmack?

Drei Schritte vor, zwei zurück und einen zur Seite: Der Hickhack innerhalb der EU um die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Befürworter eines kompletten Neustarts des mittlerweile fast drei Jahre dauernden Verfahrens schöpfen Hoffnung: Polnische Diplomaten haben trickreich den Weg dafür frei gemacht.

Journalisten und Blogger belauern sich meist misstrauisch und sprechen sich gegenseitig die Glaubwürdigkeit ab. Dabei sind beide längst Teil eines einzigen - und einzigartigen - medialen Ökosystems innerhalb des Internets.

Deutschland verliert den Anschluss: Bei der Verbreitung schneller Internet-Zugänge liegt die Bundesrepublik EU-weit nur im Mittelfeld. Gerade einmal 6,6 Breitbandleitungen pro 100 Einwohnern zählte die EU-Kommission in Deutschland. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 15,6 von 100. Spitze sind hierzulande nur die Preise. Erst langsam kommt Bewegung in den Markt.