Ausgepoppt

Durch die Einführung eines Pop-Up-Blockers zieht AOL den Zorn der Werbewirtschaft auf sich – oder doch nicht?

Von Mario Sixtus

Surfer hassen sie, Werber lieben sie: Kleine Browserfenster, die sich beim Aufruf einer Seite ungefragt selbsttätig öffnen und um Aufmerksamkeit heischen. Mit der Einführung seiner neuesten Zugangssoftware 8.0 hat sich AOL-Deutschland eindeutig auf die Seite der User geschlagen. "Virenschutz, Spam-Filter und Pop-Up-Blocker" tönt es allerorten aus der aktuellen Werbekampagne. Nicht nur diese Gleichsetzung mit digitalen Schädlingen und Müll-Mails brachte die Online-Werbebranche auf die Barrikaden.

Ganze Geschäftsmodelle seien bedroht durch die automatischen Fensterschließer, konnte man lesen. Aus wütenden Briefen an AOL wurde zitiert, in denen sich Vermarkter über nachhaltige Eingriffe in ihre Finanzierungsgrundlagen beschwerten. Obendrein würde AOL sich der Wettbewerbsverzerrung schuldig machen, da die eigenen Werbefensterchen nicht blockiert würden, sondern nur Drittanbieter betroffen seien.

Auf Nachfrage verhielten sich die Sprecher der Branche dann plötzlich auffallend wortkarg: "Dazu werden wir Stellung nehmen, nachdem wir uns intern auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt haben" gab sich Dr. Bernd Henning, Referent für Online-Vermarktung beim Deutschen Multimedia Verband, etwas reserviert. Christian Muche, Commercial Director von Yahoo Deutschland und Vorsitzender des Online-Vermarkterkreises wählte nahezu die gleichen Worte und schloss direkt etwaige Fehlinterpretationen aus: "Ich könnte Ihnen auch einfach mit 'Kein Kommentar' antworten." Ebenfalls nicht kommentieren wollte man die Aussagen "einzelner Mitglieder".

Tatsächlich hatten sich die Teilnehmer des Online-Vermarkterkreises, dem sämtliche namhafte Vertreter der deutschen Web-Werber angehören, erst am 25.10. getroffen und sich bei dieser Gelegenheit einen Maulkorb zum Thema AOL-Pop-Up-Blocker verpasst.

Offenbar ist der Lobby-Vereinigung die eigene Aufgeregtheit etwas unangenehm geworden. Kenner der Materie hatten sich bereits über die lauten Töne gewundert: Zum einen sind Pop-Up-Blocker beileibe keine neue Erfindung und stehen an jeder zweiten Ecke im Netz zum kostenlosen Download bereit, zum anderen bezweifeln Uservereinigungen und Medienpsychologen seit je her die Werbewirksamkeit der ungeliebten Fensterchen.

Diese Argumentation macht sich auch Jens Nordlohne, Communications Advisor bei AOL Deutschland zu eigen: "Nervende Werbung ist keine Werbung" stellt er klar und außerdem sei eine "aktive Entscheidung" des jeweiligen Users vonnöten, den Blocker zu aktivieren oder es eben bleiben zu lassen. Die Attacken von einzelnen Vertretern der Webewirtschaft sind dann auch für ihn "nicht nachvollziehbar".

Und die Anschuldigung, AOL würde lediglich "fremde" Pop-Ups blockieren, die eigenen hingegen unangetastet lassen? "Das ist ein faktisch völlig falscher Vorwurf" wehrt sich Nordlohne, AOL setze Pop-Ups sowieso nur "sehr vereinzelt" ein und diese würden vom Blocker selbstverständlich genauso gesperrt, wie alle anderen: "Ich habe keine Ahnung, wer dieses Gerücht aufgebracht hat."

In den USA macht AOL derweil durch einen Kampf gegen ganz andere Fenster von sich reden: Still und heimlich hatte man dort den Windows-Nachrichtendienst auf den Rechnern seiner Kunden deaktiviert. Diese Funktion, die es ursprünglich Administratoren von Firmennetzen erlauben sollte, kurze Mitteilungen zu verschicken, war in der letzten Zeit zunehmend von Spammern missbraucht worden. Die äußere Ähnlichkeit der unerwünschten Werbebotschaften mit Windows-Systemmeldungen, hatte dabei bei vielen Usern für Verwirrung und Verärgerung gesorgt. Somit ist die Deaktivierung dieses Dienstes, der von den allerwenigsten Windows-Nutzern jemals benötigt wird, sicherlich sinnvoll. Die bevormundende Vorgehensweise von AOL wurde jedoch von Experten äußerst kritisch beurteilt. Der Internet-Sicherheitsprofi Bruce Schneider drückte sich so aus: "Sie versuchen sicherlich das Richtige zu tun. Wenn man aber erst im Nachhinein davon erfährt, fühlt man sich irgendwie schmutzig."

Auch beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik findet man solch ein Verfahren "durchaus bedenklich". BSI-Experte Frank Felzmann: "Man muss die Kunden über solch einen Eingriff mindestens informieren. Besser jedoch wäre es, ihnen die Wahl zu lassen."

In diesem Fall aber kann AOL-Sprecher Nordlohne eine eventuell aufwogende Diskussion direkt im Keim ersticken: "Das werden wir in Deutschland so nicht machen. Klipp und klar!"



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